Sympathieweltmeister

Vor der Leinwand im Zürcher Reithallenbiergarten im falschen Moment zu jubeln fällt auf. Im richtigen freilich auch, in beiden auch. Allerdings ja auch schwierig, den richtigen Moment abzupassen, für den neutralen Zuschauer. Im Deutschlandtrikot auch, im schwarzen T-Shirt auch, im weißen auch. Fünfmal so viele Trikots wie vor vier Jahren wollen Zürcher Sportartikelhändler verkauft haben. Lese ich. Lese auch, dass Schweiz neuerdings mit Deutschland jubelt. Schweiz quasi Deutschland lebt. Lese nicht auch. Aber auch.

Vor dem Fernsehturm im Zürcher Herrenbad im falschen Moment zu jubeln fällt auf. Auch. Auch wenn die Schweiz Deutschland lebt. Drei Redaktoren Thesen aufstellen, warum Schweiz Deutschland lebt: die Multikultithese, die Spielästhetikthese, die Wie-du-und-ich-These.

Kevin-Prince Boateng säbelt mit Michael Ballack den einzigen „häßlichen Deutschen“ aus der Mannschaft, die nun noch aus dem „frischen“ Mesut Özil, dem „plötzlich guten“ Miroslav Klose, dem „bescheidenen“ Bastian Schweinsteiger, dem „knuddeligen“ Joachim Löw besteht. Multikulti ist frisch, plötzlich gut, bescheiden, knuddelig. Auch, vermutlich.

Spielästhetik ist leidenschaftlicher Torjubel von Marco Tardelli im Finale zweiundachtzig, Jorge Burruchagas Solo sechsundachtzig. Heute der durch die eigenen Reihen fliegende Ball, Doppelpässe statt Befreiungsschläge. Auch, vermutlich.

Auf dem Feld sehen die Deutschen jetzt nicht mehr aus wie die Deutschen, sondern kommen so daher wie die Schweizer Nationalmannschaft. Multikulturell. Schweizer haben laut der Wie-du-und-ich-These tatsächlich akzeptiert, dass die Deutschen Menschen sind wie du und ich. Ja auch, vermutlich.

Die Redaktoren des Hamburger Nachrichtenmagazins taten auch gut daran, trotz dieser Steilvorlage der größten Schweizer Tageszeitung, für den Titel des Sympathieweltmeisters nur Stimmen aus Frankreich, Großbritannien, Israel, Italien, Niederlande, Russland, Skandinavien, Südafrika und dem übrigen afrikanischen Kontinents zu hören. Vor den Zürcher Leinwänden gab es auch andere Stimmen. Beim Jubel im falschen Moment auch.

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