Sympathieweltmeister

Vor der Leinwand im Zürcher Reithallenbiergarten im falschen Moment zu jubeln fällt auf. Im richtigen freilich auch, in beiden auch. Allerdings ja auch schwierig, den richtigen Moment abzupassen, für den neutralen Zuschauer. Im Deutschlandtrikot auch, im schwarzen T-Shirt auch, im weißen auch. Fünfmal so viele Trikots wie vor vier Jahren wollen Zürcher Sportartikelhändler verkauft haben. Lese ich. Lese auch, dass Schweiz neuerdings mit Deutschland jubelt. Schweiz quasi Deutschland lebt. Lese nicht auch. Aber auch.

Vor dem Fernsehturm im Zürcher Herrenbad im falschen Moment zu jubeln fällt auf. Auch. Auch wenn die Schweiz Deutschland lebt. Drei Redaktoren Thesen aufstellen, warum Schweiz Deutschland lebt: die Multikultithese, die Spielästhetikthese, die Wie-du-und-ich-These.
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Vuvuzelaverbot

Auch unter dem Planendach blieb die Brille auf der Nase. Schwarze Brille, freilich, trotz des verschmierten Projektorbildes. Maximale Helligkeit blendet. Oder es ist einfach uncool, die Sonnenbrille abzunehmen. Beim gemeinsamen Fußballgucken mit den Freunden und der Freundin. Böse Blicke fallen auch nicht so auf, wenn ein Fußballgucker der Freundin zu nahe tritt. Die Muskeln sich spannen unter dem Feinripp-T-Shirt. Schwarz, freilich, passend zur Brille. Die Brille der Freundin steckt in den gesträhnten Haaren, braungold. Goldene Bügelgelenke, der Schriftzug in fetten Buchstaben. Goldenen. Die Tasche freilich rot, ist ja ein Deutschlandspiel. Gespannt unter dem Arm, angewinkelten freilich, keiner soll der Tasche zu nahe kommen. Aufgeklebte Fingernägel kratzen über Nähte, unhörbar, glücklicherweise. Trotz Vuvuzelaverbot in der Zürcher Reithalle.
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Trikotsponsor

Trikotsponsor1Im Paradies ist ja noch Platz, reichlich. Ein halber Quadratmeter vielleicht, elf vielmehr. Für Firmen, die Jena im Herzen haben. Hatte zuvor der Inhaber einer Firma, in der jeder Mitarbeiter eine Anhängerkupplung montieren kann. Auch zwei Geraer, der eine baut massive Häuser, der andere stattet Küchen aus. Derzeit haben die Fans Jena im Herzen. Carl Zeiss ja auch, als Namensgeber für seine ehemalige Werkself. Aber nur Namensgeber, kein Geldgeber. Viel Geld geben wollten dubiose russische Investoren, durften aber nicht. Wäre kein Fan geblieben von HeidelbergCement Jena. Oder ebenso gruselig: Rasen Ballsport Jena, kurz RB Jena. Zum Glück ist der Brausefabrikant nach Leipzig gereist. RB Leipzig nahm einen Punkt mit aus Jena, nach dem Spiel gegen die zweite Mannschaft. So wird’s nix mit dem Aufstieg aus der fünften Liga, Herr Brausefabrikant.
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Regelanstoßzeiten

Die haben nix mit dem Anstoßen beim gepflegten Feierabendbier auf dem Bauschänzli zu tun. Obwohl es dafür freilich auch Regeln gibt. Schweizerdeutsche. Bei Regelanstoßzeiten geht’s um die Bundesliga, die Hochdeutsche. Freilich würde mir das ein oder andere Bayernmitglied wohl beim Hochdeutsch wiedersprechen, weil die Liga doch bayrisch dominiert sei. Ja auch, quasi. Aber die Regelanstoßzeiten sind schon ziemlich Hochdeutsch, wenn nicht gar Behördendeutsch. Das gefiele vermutlich der Deutschen Fußball Liga nicht, wenn man sie als Behörde und ihre Verlautbarungen als Behördendeutsch tituliert. Ist aber so, das weiß die Liga offenbar selber, versteckt die Verlautbarungen hinter einer Anmeldemaske. Die bösen Redaktoren sollen sich zuerst artig ausweisen, bevor sie die hochwichtigen und inhaltsvollen Verlautbarungen lesen dürfen. Oder sie lesen schlicht die Pressemappe, aber das könnte ja jeder. Die bösen Redaktoren, nicht ausgewiesenen, auch.

Regelanstosszeiten1Las darin von den neuen Regelanstoßzeiten, freilich erst nach dem zweiten Samstagstermin. Aber vor dem zweiten Sonntagstermin. Der ersten Bundesliga. Las auch vom schicken orangen Logo, mit Herz. Das ist ja schon auch nett von den sechsunddreißig Vereinen. Fanden das Herz aber vermutlich schöner als das Blutgrätschelogo, rote, freilich. Weiterlesen

ausverkauft

ausverkauftWerde ja häufig bemitleidet, wenn ich meinem Lieblingsverein nenne. Von Schweizern auch. Bayernmitgliedern auch. Gefragt, warum denn der FC Carl Zeiss Jena mein Lieblingsverein ist. Aus Verbundenheit mit der Heimat, der zweiten. War nicht ein Mal im Stadion in der Drittligasaison. In der Zweitligasaison schon. Beim Jena-Besuch ist die Saison schon vorbei, die Trikots sind jetzt schon ausverkauft. Hätte in dieser Saison zwei kaufen können, die Sponsoren gaben sich die Klinke in die Hand, nicht unbedingt wegen des Erfolgs. Immerhin schoss Jena heute mal vier Tore – so viel wie nie zuvor in dieser Saison. Gewann, wie nicht häufig in dieser Saison. Der Abstieg droht noch immer.
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Tramlinien

Drei fahren am Abend, grün, grün, rot. Wie die Deutsche Bank. Freie Auswahl in warmer Luft, die Länge des Spaziergangs ist der Unterschied. Die Anzahl gelesener Seiten auch. Verschwinden die übrigen Fahrgäste vollkommen aus dem Blick fürs Buch, wie die Station Lochergut aus dem Blick für Marie Antoinette? Kenne kaum Fahrgäste, Lochergut gar nicht, Marie Antoinette ganz gut. War nett. Schläft auf der Fensterbank, seit zwei Monaten schon. Abgestaubt, wie das Schnitzmesser, das Lustige Taschenbuch, das Fußballfeuerzeug. Fliegt mit dem Trikot in die Hauptstadt, zur SpreeBrezel, zum Abschluss des Fußballsommers. Gegen England. Angst. Ist angebracht, ihr Briten. Träumt nicht von München.

Vermisse mach‘ lange Fahrt mit der dunkelgrünen Tramlinie. 3. Vorbei an Lochergut. Über die Limmat, das Seewasser. Fahre extra eine Station weiter mit dem Tram, Schweizerdeutsch für die Tram. Jenaer, Münchner. Übers Wasser. Brücken sind eine großartige Erfindung. Verbinden Menschen. Im Deutschen Museum gibt’s eine Brückenausstellung. Dort brach eine ab. Die Münchner Brücke ist aus Gold gebaut.

Vollbild

Der silberne Fernsehklotz steht in München. Raum wäre, aber keiner war im Transporter. Gut so. Eine schwarze Mattscheibe soll’s werden, Scheibe, nur. Bis dahin tut’s der Tablet-Monitor. Zur Tagesschau, deutschen, genügt eh der Ton. Meist, Börsenbeobachter sind kaum sehenswert.

Sehenswert, unbedingt, die Deutsche Elf. Auf Großbildleinwand freilich. Silberner Projektor ist so nett. Das Fenster auf dem erweiterten Schreibtisch an die Wand zu werfen. Unter die niedrige Decke. Vollbild nicht so sehenswert, leider.

Das Programm entwickelt auch in Zürich. Zürcher Programm, quasi. Bakom will auch für Internetfernsehen Empfangsgebühren. Kriegt sie. Schweizerdeutsch für GEZ. Zattoo will kein Geld fürs Fernsehen. Im Fenster. Allerdings. Freilich ist Fußball auch denkbar schlecht für Internetfernsehen, trotz schneller Verbindung übers Fernsehkabel: Bei der Hymne ruckelte das Bild kaum, Artefakte nur bei Überblendungen der Fahne, singender Fans. Dann legten die weißen Zehn auf grünem Rasen gegen rote Russen aber gut los. Zu schnell für die Internetleitung. Auch der schwarze Adler im Tor. Warf den Ball sicher ruckel frei ab, hatte kein Trikot mit angenähten schwarzen Blöcken. Das erste Tor fiel noch mit einem rechteckigen Ball, dann schrumpfte das Fenster. Immer noch größer als alle Monitore dieses Hausstandes zusammen. Der blaue Schreibtisch lud freilich zu lustigen Schattenspielen ein, als die weißen Zehn das Spiel nach Hause schaukelten. Niemals Angst.

Nati

Hopp heißt Mars, noch immer. Das stammt nicht aus der Schweiz, Herr Schröder. Fußball haben die Schweizer auch nicht erfunden. Sicher. Die Zyprioten auch nicht. Wenn sie’s trotzdem spielen, wird’s gruselig. Sehr. Auch wenn’s freundschaftlich gemeint war. Das rote Bayern-Trikot war nett gemeint. Ist nur ein rotes T-Shirt, das war nett gemeint für Bayern, in München. Die Reise nach Genève, wie die französischsprachigen Schweizer sagen, auch nett gemeint. Lustig war’s mit dem Bayernmitglied, im Trikot, rot, nicht von Bayern. Sondern der Nati.

Das ist kurz und Schweizerdeutsch für Nationalmannschaft. Wäre halb so wild. Wird aber Nazi ausgesprochen. Angst und grusel. Die Nati, immerhin. Nicht dieses Wort für eine gute Sache. Nie wieder. Kein oder, auch.

Das Stade de Genève nicht mal halb voll, gähnende Leere in den Ecken. Leere nur. Gähnen beim Zuschauen, schimpfen. Selbst das Bayernmitglied laut, der ist Schweizer. Die Nati gecoacht vom ehemaligen Bayern-Trainer. Ein zweiter Deutscher im Stade de Genève. Wir konnten zufrieden sein über fünf Tore. Deutschland schoss nur zwei. Die Frau Werkstattmeisterin live im Ticker.

Stadtduell

Erste Liga, klingt nach ausverkauft. Klingt. Gerade mal halbvoll, der Letzigrund. 18.500. Heimspiel für die Reichen im Stadion der Städter, Grasshoppers Club Zürich gegen FC Zürich. In Zürich. Aus der Reihe hinter uns die Frage, woher wir stammen. Holland, Deutschland, Schweiz, Frankreich. Wollen Fußball sehen, guten bitte. Bleibt fast 60 Minuten beim Wollen. Die städtischen Fans im prunkvollen Rahmen. Brennen ein Feuerwerk ab, ein echtes, mit Signalpistole. Zum Glück reicht die Munition nicht durchs ganze Oval, sonst gäb’s wieder ein Geisterspiel. Wäre nicht wirklich schade. Wenigstens Tore gibt’s noch zu sehen: eins regulär, der Ausgleich Abseits und zwei Elfmeter. Unentschieden am Ende, verdient hat das keiner. Gibt keinen Abbruch wegen schlechtem Fußball, für beide null Punkte.

Ein Fangesang in der neuen Heimat klingt wie in der alten. Ganz alten. FCZ und FCC. Nicht hingucken funktionierte gestern wieder. Schlaf raubte mir die Aufmerksamkeit. Erinnerung am Handy sind alle aus, früher bei jedem Spiel, jedem Geburtstag um kurz vor Mitternacht. Nur noch bei Geschäftsterminen. Oder Wohnungsbesichtigungen, lang ist’s her. Ich habe ein Heim in der neuen Heimat. Schön.

Falco

Böller krachen, Raketen steigen ins Blau. Der Hubschrauber kreist über dem Letzigrund. Fußballsommer in der Stadt. Geisterspiel, heute und in zwei Wochen. Krawalle beim Spiel in Basel, Feuerwerkskörper aus dem Gästeblock. Leider auch Idioten unter den kleinen Leuten. Die sind für den FCZ, nicht die Grasshoppers, die mit dem lustigen Namen, klären die Kollegen beim Kaffee auf. Kleine Leute sind sympathisch, Bonzen sollen durchs Gras hüpfen. Die Trikots sind beide grottig, immerhin blauweiss. Die Farben Zürichs.

FCZ ist Tabellenführer, der FCC Favorit. Schreiben die Kollegen. Die aus dem Osten freilich. Das neue Trikot ist auch grottig. Aber es gibt Bonbons in den Vereinsfarben. Ein langes Wochenende zu weit weg, dann fliessen halt Daten ins Paradies.

Vor 28 Jahren gab’s Krawalle in Zürich. Nicht wegen Fußball, aber im Sommer. Falco besingt in „Auf der Flucht“ das Ende der Krawalle. Danke, Dr. Aldi. Statt Geld für ein Jugendzentrum hatte Zürich nur Geld für den Opernhausumbau. Die kleinen Leute sind nicht erwähnt. Am Limmatquai und dem Seeufer brannten die Feuer. Vor der Haustür quasi.

Gast

Erstmals kein blau. Blau ist ja tatsächlich schön auch, wenn’s nur nicht so heiß wäre. Die Schweizer witzelten nach dem Spiel: Petrus ist Deutscher, er weint mit euch. Auf dem Münsterplatz saßen alle. Wenn überhaupt, dann fassungslos. Keiner traurig. Zwei standen, vor mir. Genau. Ihre Köpfe rahmten das Fernsehbild ein. Ich stand wie ein Auswärtsfan. Im Trikot gleich zu erkennen. Zu schüchtern um zu fragen, ob sie sich bitte hinsetzen würden. Wie alle anderen auf dem Münsterplatz.

Der Regen brachte Kühle mit. Aber Zürichs Mauern sind so nett, Wärme zu spenden. Dicke Mauern. Grau, aber warm. Wie die Stadt. Ein dauernd lachender Beamter im Kreisbüro, großzügige Bankiers, chattende Versicherungsberater. Willkommen, Gast, die Türen sind auf. Sie führen auch durch dicke Mauern. Warme.
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