galoppierende Teutonisierung

Zürich verfilzt zusehends. Freilich tragen Zürcher keine verfilzten Kleider, die Straßen und Trottoirs werden auch nicht mit Filz ausgekleidet. Auch nicht mit deutschem Filz, obgleich der ja sogar günstig zu haben wäre. Bei der Genossenschaft, in der Großpackung. Die verkauft auch Steckdosenadapter. Freilich nicht in der Großpackung, so viele Ausländer leben dann auch nicht in Zürich. Aber ja zum günstigen Preis. Überall auch. Der Schweizer, Ruander auch, müsste in Konstanz zu einem Reisestecker greifen, wollte er seine Kaffeemaschine, überlebensnotwendigen Sandwichtoaster, an gruselige deutsche Steckdosen anschließen. Müsste freilich dafür tief in die Tasche greifen. Im Gegensatz zum deutschen Bewohner Zürichs.

Bewohner des schönen Zürcher Kreises eins freilich auch, im wunderschönen Rathausquartier ja auch. Dort ist jeder dritte Einwohner Nicht-Schweizer, jeder dritte Nicht-Schweizer Deutscher. Jeder zehnte Einwohner ist Deutscher, um die Verwirrung komplett zu machen. In der Stadt Zürich ist der Anteil der Deutschen kleiner, vermutlich jeder dreizehnte. Allerdings werden im schönen Kreis eins ja nun auch nicht so viele Wohnungen gebaut, im Rathausquartier freilich auch nicht. Seit über zehn Jahren schon nicht mehr, weder noch. Schade, freilich. So sind mit den lustigen Leerwohnungsziffern von null Komma null fünf, null Komma null neun netterweise im Rathausquartier natürlich die Chancen auf eine Wohnung im Kreis eins, Rathausquartier auch, eher gering. Die Leerwohnungsziffern sind dann natürlich auch nicht so richtig lustig, es sei denn, man wohnt im Kreis eins, oder auch im Rathausquartier. Weiterlesen

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Südafrikatourist

Die nüchterne Bilanz ist: Südafrika hat wegen der Fußballwertmeisterschaft seinen Kreditrahmen um mehr als vier Milliarden Dollar aufstocken müssen. Indes: Der Rahmen musste eh aufgestockt werden, da half auch keine Fußballweltmeisterschaft. Offenbar. Auch wenn die avisierten neunhundert Millionen Dollar in Land geblieben wären – nicht nur fünfhundert. Vierhundertfünfzigtausend Besucher statt dreihunderttausend. Die dreihunderttausend ließen also verhältnismäßig viel Dollar im Land, Rand, freilich. Der Rand ging auf einen Höhenflug, Preise für Reiseführer freilich auch. Versuche seit Monaten, einen zu verkaufen. Für einen Rappenbetrag, mittlerweile.

Annähernd für einen Rappenbetrag wurden Eintrittskarten an Südafrikaner verkauft. Freilich gut so, Südafrikaner verdienen im Monat auch nur annähernd einen Rappenbetrag. Kaum ein Südafrikaner konnte sich einen Sitzplatz leisten, so blieben sie leer. Auch die von Südafrikatouristen, die bezahlten freilich keinen Rappenbetrag für die Sitzplätze. Bezahlten vielmehr einen Rappenbetrag für die Stadtrundfahrt zur Eintrittskartenvorverkaufsstelle, die vom Stadion aus freilich immer quasi am anderen Ende der Stadt lokalisiert war. Immer in einem Einkaufszentrum, freilich, Weiterlesen

Spezial-Curry-Bratwurst

Hieß die Currywurst ursprünglich. Lese ich. Lese auch, dass Herta Heuwer die Currywurst am vierten September neunzehnhundertneunundvierzig kreierte. Verkaufte vermutlich auch, dringend quasi, Herta Heuwer lebte davon, Imbisse zu verkaufen. In ihrer Imbissbude, in Berlin. Dem zerbombten Berlin. Zu Recht zerbombtem Berlin. Berliner zerbombten ja quasi ganz Europa. Auch.

Von Berlin aus eroberte die Currywurst Europa. Friedlich. Oder von Zürich aus, ebenfalls friedlich, freilich. Dem Zürcher Olaf Böhme gehört die Marke „Chillup“, Spezial-Curry-Bratwurstsauce quasi. Ein Schweizer hat’s erfunden, quasi. Lese ich. Im Berliner Currywurstmuseum. Höre dort auch „Currywurst“. Gestammelt in bester Pottmundart von Herbert Grönemeyer neunzehnhundertzweiundachtzig. Geschrieben von Ulknudel Diether Krebs. Beide essen Currywurst sicher auch ganz gern. Wie ich. Esse die Currywurst im Currywurstmuseum genauso gern wie die Currywurst von Weiterlesen

Sympathieweltmeister

Vor der Leinwand im Zürcher Reithallenbiergarten im falschen Moment zu jubeln fällt auf. Im richtigen freilich auch, in beiden auch. Allerdings ja auch schwierig, den richtigen Moment abzupassen, für den neutralen Zuschauer. Im Deutschlandtrikot auch, im schwarzen T-Shirt auch, im weißen auch. Fünfmal so viele Trikots wie vor vier Jahren wollen Zürcher Sportartikelhändler verkauft haben. Lese ich. Lese auch, dass Schweiz neuerdings mit Deutschland jubelt. Schweiz quasi Deutschland lebt. Lese nicht auch. Aber auch.

Vor dem Fernsehturm im Zürcher Herrenbad im falschen Moment zu jubeln fällt auf. Auch. Auch wenn die Schweiz Deutschland lebt. Drei Redaktoren Thesen aufstellen, warum Schweiz Deutschland lebt: die Multikultithese, die Spielästhetikthese, die Wie-du-und-ich-These.
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Vuvuzelaverbot

Auch unter dem Planendach blieb die Brille auf der Nase. Schwarze Brille, freilich, trotz des verschmierten Projektorbildes. Maximale Helligkeit blendet. Oder es ist einfach uncool, die Sonnenbrille abzunehmen. Beim gemeinsamen Fußballgucken mit den Freunden und der Freundin. Böse Blicke fallen auch nicht so auf, wenn ein Fußballgucker der Freundin zu nahe tritt. Die Muskeln sich spannen unter dem Feinripp-T-Shirt. Schwarz, freilich, passend zur Brille. Die Brille der Freundin steckt in den gesträhnten Haaren, braungold. Goldene Bügelgelenke, der Schriftzug in fetten Buchstaben. Goldenen. Die Tasche freilich rot, ist ja ein Deutschlandspiel. Gespannt unter dem Arm, angewinkelten freilich, keiner soll der Tasche zu nahe kommen. Aufgeklebte Fingernägel kratzen über Nähte, unhörbar, glücklicherweise. Trotz Vuvuzelaverbot in der Zürcher Reithalle.
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Vuvuzelastrumpf

Blickte neidisch vom Balkon auf das schwarzrotgoldene Fahnenmeer auf der Regerstraße. Vor vier Jahren, würde heute wieder blicken. Blicke heute aber auf ein Rinnsal blaugrünrotgelbschwarzweißer Fahnen. Fahnen in den Autofenstern in Johannesburg. Blaugrünrotgelbschwarzweiß und Schwarzrotgold war die häufigste Kombination in Durban, Port Elizabeth. Freilich nach zweimal Blaugrünrotgelbschwarzweiß. Zweimal Schwarzrotgold ganz selten, in Johannesburg nirgends. In München quasi überall, vor vier Jahren. Ausverkauft.

Fragte in Baumärkten, Ein-Euro-Läden, Lebensmittelhändlern, Kaufhäusern, Sportgeschäften, Tankstellen. Ausverkauft. Wochenlang. Wochenlang wogte das schwarzrotgoldene Fahnenmeer vor meinem Balkon. Ohne meine eigene Fahne. Freilich auch passend: ohne ein eigenes Auto. Aber ja mit dem Versprechen an den flammenden Fridolin, ihn Schwarzrotgold zu schmücken. Weiterlesen

Leibwächter

Mag freilich keine Mehrbettzellen. Mehrbetthotelzimmer freilich auch nicht. Ein Bett genügt vollkommen, nett auch, wenn es breit ist. Das Hotelzimmer in Johannesburg ist einmal mehr größer als das schöne kleine Heim in Zürich. Nur das Hotelzimmer, freilich. Bad, Balkon, Kochnische, Schlafzimmer etwa genau so groß. Mag allerdings gar keine Hotelzimmer. Bad, Balkon, Kochnische, Schlafzimmer auch nicht. Quasi Einbettzelle, immerhin nicht Mehrbett. Trotzdem Fluchtreaktion.

Bei der Flucht aus dem Hotelzimmer gesellte sich ein Leibwächter an meine Seite. Gesellte freilich nicht, abgeordnet vielmehr. Vom Hotel, die Gegend sei nicht sicher. Inmitten von Johannesburg. Inmitten des Fußballsommers. Angst.

Grusel am Ziel, erwartete einen renovierten Prunkbau. Marmorböden, Holzvertäfelung, Designermöbel, quasi. Auf dem Constitution Hill. Ein Gefängnis. Hier wich auch der Leibwächter von meiner Seite, die Gegend ist sicher. Zu. Kein Leibwächter erforderlich, quasi. Auf dem Rundgang durch Mehrbettzellen, Duschzellen, Waschzellen, Isolationszellen, Folterkammern, Wärterräume. Über Exerzierhöfe auch, wo Gefangene nach der Arbeit Leibesübungen zu absolvieren hatten. Weiterlesen