Demokratiequalität

Was für ein Debakel. Die Schweizer Demokratie ist nur Mittelmaß, las sich die Schlagzeile. Die quasi alle druckten, elektronisch veröffentlichten auch. Kein ernstzunehmendes Blatt wollte sich mit den lustigen Wissenschaftlern der altehrwürdigen Universität Zürich anlegen, nachfragen freilich auch nicht. Redaktoren hätten fragen können, warum denn die Jahre zwischen neunzehnhundertfünfundneunzig und zweitausendfünf untersucht wurden. Quasi veraltete Daten, überhaupt nicht mehr repräsentativ. Hätten auch fragen können, ob die lustigen Forscher denn übersehen haben, dass das Frauenstimmrecht ja weit vor neunzehnhundertfünfundneunzig landesweit eingeführt wurde. Neunzehnhundertneunzig per Gerichtsurteil quasi diktiert wurde, entgegen dem Willen der Landsgemeinde Appenzell Innerrhoden. Das hatte freilich aber gar keinen Einfluss auf die Demokratiequalität, denn die wurde ja erst ab neunzehnhundertfünfundneunzig ermittelt. Die lustigen Wissenschaftler versuchen ihre Landsleute aber auch etwas zu beruhigen, die Demokratie sei so schlecht nicht. Die Qualität steigt in den letzten Erhebungsjahren an. Verglichen mit dem Mittelmaß, Italien, der Tschechischen Republik, Malta. Quasi die Vorzeigedemokratien, auch, natürlich. Weiterlesen

Z1

Heute vor gut siebzig Jahren war es schlicht unmöglich, im Deutschen Technikmuseum Rechenmaschinen zu fotografieren. Damals wurden dort Pferdefuhrwerke mit Eis beladen, während sich Pferde ausruhten. Vom Ziehen der Fuhrwerke freilich, vom Hochsteigen der Pferdetreppe aber auch. Bleibt ihnen heute erspart, das Treppensteigen, das Ziehen der Fuhrwerke oftmals auch. Heute steigen Besucher die Treppe empor, nicht die Pferdetreppe, die Museumstreppe freilich. Wenn sie Rechenmaschinen fotografieren möchten, die es vor gut siebzig Jahren nicht einmal gab.

Viele Besucher – auch siebzigjährige – haben heute mehr Rechenleistung in ihrer Kamera als die Rechenmachine besaß. Auch fast vierzigjährige Redaktoren mit Kompaktkameras. Weiterlesen

Sympathieweltmeister

Vor der Leinwand im Zürcher Reithallenbiergarten im falschen Moment zu jubeln fällt auf. Im richtigen freilich auch, in beiden auch. Allerdings ja auch schwierig, den richtigen Moment abzupassen, für den neutralen Zuschauer. Im Deutschlandtrikot auch, im schwarzen T-Shirt auch, im weißen auch. Fünfmal so viele Trikots wie vor vier Jahren wollen Zürcher Sportartikelhändler verkauft haben. Lese ich. Lese auch, dass Schweiz neuerdings mit Deutschland jubelt. Schweiz quasi Deutschland lebt. Lese nicht auch. Aber auch.

Vor dem Fernsehturm im Zürcher Herrenbad im falschen Moment zu jubeln fällt auf. Auch. Auch wenn die Schweiz Deutschland lebt. Drei Redaktoren Thesen aufstellen, warum Schweiz Deutschland lebt: die Multikultithese, die Spielästhetikthese, die Wie-du-und-ich-These.
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Sonderziele

Hundertzwanzig Sonderziele gibt es ist Zürich, staunt der Redaktor. Hat offenbar noch viel anzuschauen, findet hoffentlich auch alle hundertzwanzig Sonderziele ohne Auto, Navigationsgerät. Das zeigt neuerdings auch Sonderziele in Zürich an. Sagt der Hersteller. Beeindruckt freilich sehr: hundertzwanzig. Auch Großmünster, Fraumünster mit fünf Chagall-Fenstern, Kunsthaus, Nachtclub Mascotte, Platzspitz, Regenwaldhalle, Zoo. Alles freilich auch ganz schön, so als Sonderziele. Sind sicher dann auch detailliert beschrieben, auf dem Navigationsgerätbildschirm. Fehlerfrei, freilich auch. Das Großmünster findet vermutlich trotz seiner zwei Türme kein Navigationsgerätbesitzer alleine. Das heißt freilich Grossmünster. Auf Schweizerdeutsch. Aber halb so wild, denn jeder Zürcher kennt ja den Weg zum Grossmünster, auch wenn der Navigationsgerätbesitzer mit Eszett fragt. Jeder Zürcher fragt aber auch, welches Fraumünster mit fünf Chagall-Fenstern der Navigationsgerätbesitzer meint. Das schöne Fraumünster hat sechs Chagall-Fenster, kann quasi also nicht gemeint sein. Insbesondere, weil das sechste Fenster quasi nicht zu übersehen ist, wenn Weiterlesen

Sepp Blatter

Leben ist Rhythmus und Rhythmus Leben. In Zürich gibt es nicht viel Rhythmus. Sie müssen wissen, Zürich ist im deutschsprachigen Teil der Schweiz und das heisst, es ist langweilig, langweilig, langweilig.

Bild: 20min.ch, Leserin ElianeDie Worte legten lustige Werbetexter Sepp Blatter in den Mund. Werbetexter leben ja auch von den Werbetexten, irgendwer bezahlt die Werbetexter für ihre Werbetexte. So der Plan. Weiß freilich nicht, ob hier Dollars, Euro, Franken bezahlt wurden. Wahrscheinlich ja. Ungesehen, sicher. Auch sicher keine kleine Summe. Passte ja auch nicht, zum großen Fußballweltverband. Die Beleidigung der Heimatstadt des Fußballweltverbandes schon. Beklagte die hohe Steuerlast in Zürich auch schon, vermutlich Weiterlesen

Interlaken

Komme mir freilich manchmal auch etwas undankbar vor. Auf der Flucht aus dem Hotelzimmer. Gibt sicher eine ganze Menge Leute, die auch gern einmal im Victoria Jungfrau übernachten wollen. Will nicht, für kein Geld der Welt. Keine Minute zu viel in dem Hotelzimmer, freilich mit Schroeder-Fernsehprogramm. Einladend arrangierter Sitzgruppe. Taugt gerade einmal, um Fototasche, Haarwaschmittel, Ladegerät, Zahnbürste zu tragen. Keine Rast für Arm, Bein, Kopf. Freilich auch vollkommen unnötig nach zwei Stunden Zugfahrt des Redaktors nach Interlaken.

Gibt ja aber auch ein Erwachen. Frühes. In Interlaken. Im Hotelzimmer. Sehr gruselig. Fototasche, Haarwaschmittel, Ladegerät, Zahnbürste trägt die einladend arrangierte Sitzgruppe. Innerhalb einer halben Stunde nicht mehr, alles zusammengerafft. In die Tasche gestopft, in Eile, das Geräusch der ins Schloss fallenden Tür lockt. Von außen, freilich. Fünfzig Schritte zum Fahrstuhl, will nicht den Fluchtplan suchen, die Treppe. Nochmal fünfzig Schritte. Am Concierge vorbei, freundlich grüßend, durch die Drehtür. Mit einem Atemzug beginnt der neue Tag. Den Hotelzimmerluft Weiterlesen

Gehirnwoche

Unsere Anatomiedozentin sollte Recht behalten: Ich hatte im Beruf nie ein menschliches Großhirn in der Hand. Werde vermutlich auch nie ein menschliches Großhirn in der Hand haben. Ist ja aber auch nicht unbedingt erforderlich, als Redaktor. Als Psychologe freilich auch nicht, zur Jenaer Psychologenausbildung gehörte aber eine Vorlesung, ein Praktikum Anatomie. Klausur freilich auch, zum Lernen gab’s zum Glück den lustigen Taschenatlas der Anatomie. Prüfungspräparat freilich nicht, präparierten trotzdem menschliche Großhirne. Die wurden in einer Kunststoffwanne angeschwemmt, quasi. Aus der fischte sich jeder fünfte Psychologiestudent ein Großhirn für seine Präpariergruppe. Die schnitt dann drauf los, freilich mit dem aufgeschlagenen Taschenatlas der Anatomie auf dem Präpariertisch. Manchmal war Wasser in den Ventrikeln eingeschlossen, das ergoss sich über den Taschenatlas der Anatomie. Beim Aufschneiden des Großhirns. Sehr gruselig.

Heute wollen Dozenten einer nordamerikanischen Universität schon Kindern das Großhirn erklären. Auf der Seite „Neurowissenschaften für Kinder“ etwa. Mit lustigen Malvorlagen, auch von Neurologinnen. Typische Neurologinnen, haben mindestens einen dicken Zeigefinger, tragen Hornbrille, Schlips. Stecken ihre Oberkörper durch Löcher in der Wand. Weiterlesen

Sterbekasse

Lernt nie aus. Der Schleswiger auch nicht, was in seiner Nachbargemeinde geschieht. Neuberend. Hat eine Sterbekasse. Auch Leichenkasse, Totenlade genannt. Damit machen Sterbende nicht etwa Kasse, Leichen auch nicht, Tote laden auch nicht. Sterbende bitten auch nicht zur Kasse, sondern haben sie gefüllt. Bevor sie Leichen und Tote sind. So der Plan. Den haben zweihundertzwanzig Neuberender jedenfalls. Zahlen zwölf Euro im Jahr, für einen Auszahlungsbetrag von vierhundertfünfzig Euro. So billig sind in Neuberend offenbar Beerdigungen. Oder kein Neuberender greift in die Sterbekasse. Allerdings registrierte die Sterbekasse im letzten Jahr zwei Austritte. Natürliche hoffentlich Weiterlesen

Tänzerinnen

Neunhundertfünfundzwanzig Tänzerinnen leben in der Schweiz. Bin freilich beeindruckt, welche Daten das Bundesamt für Migration so alles lustig veröffentlicht, wenn der Tag lang ist. Sehr lang, vermutlich. Die Tänzerinnen sind freilich keine Schweizerinnen, sonst wären sie kaum Fälle für das Bundesamt für Migration. Sie tragen auch alle einen Ausländerausweis bei sich, bezweifele einmal, ob immerzu. Von Gesetzes wegen müssen sie sicher immerzu den Ausländerausweis bei sich tragen, acht Monate jedenfalls, denn länger dürfen sie gar nicht in der Schweiz bleiben. Saisonarbeiter, quasi, tanzen auf dem Bau. Oder auch auf den Tischen, dort vermutlich eher ohne Ausländerausweis. Auch.

Auch zweihundertdreiunddreißigtausend Deutsche leben in der Schweiz, freilich nicht alle Tänzerinnen. Die Deutschen sind die zweitgrößte Minderheit nach den Italienern. Auch vermutlich nicht alle Tänzerinnen, die zweihundertneunzigtausend. Die Deutschen holten ja aber auf, siebzehntausend zogen hinzu, neunhundert Italiener weg. Die Italiener setzen dabei eher den Trend, Deutsche folgen. Insgesamt zogen weniger Ausländer zu als noch vor einem Jahr. Zog ja auch zu, im Jahr zuvor, war einer von fast eins Komma acht Millionen Inhaber eines Ausländerausweises. Den bekommt freilich jeder, ob Tänzerin, Redaktor oder auch Weiterlesen

Kalenderwoche

Tage später ist dann zweitausendneun auch endlich zu Ende. Gemäß europäischer Zeitrechnung ist heute der letzte Tag der dreiundfünfzigsten Kalenderwoche. Europäer sind aber nur zweite Wahl. Nordamerikaner erste, selbstverständlich. Für sie hat die erste Kalenderwoche auch schon begonnen. Sie benutzen in der Tabellenkalkulation die eins, bei der schönen Funktion „Kalenderwoche“. Europäer die zwei, bei ihnen beginnt die Woche zum Glück erst am Montag. Es genügt nicht, das schöne Wort „Kalenderwoche“ zu benutzen, um der dusseligen Tabellenkalkulation zu signalisieren, sie soll jetzt gefälligst die europäische statt der amerikanischen Konvention für die Kalenderwoche verwenden.

Wäre ja aber auch zu schön, wenn’s so einfach wäre. Ist’s freilich nicht, denn die dusselige Tabellenkalkulation verrechnet sich trotz der erstklassigen Nordamerikaner, Weiterlesen

Tragtaschen

Auf Schweizerdeutsch heißen Tragtaschen gar nicht Tragtaschen. Versichern die Kollegen Redaktoren. Sack ist Schweizerdeutsch für Tragtaschen. Besonders ulkig, wenn die Metzgerfachverkäuferin fragt, ob der Mittagstischesser seine Mahlzeit in einen Sack verpackt haben möchte. Fragt auf Hochdeutsch, freilich. Klingt wie Müllsack. Ist’s freilich gar nicht. Möchte aber nie einen Sack.

Obgleich ich nun endlich eine Möglichkeit kennen würde, den zu entsorgen. Im Einwurf für Tragtaschen, unterstelle, ein Synonym für Sack. Müsste aber wohl bis zum Wochenende warten, mit dem Einwurf an der Zürcher Untere Zäune. Denn die Tagtaschensammelbehälteraufsteller mahnen zur Rücksicht auf die Anwohner. Unbedingt, auch, vorbildlich, quasi. Hat ein Flaschentrinker sein Leergut fein säuberlich farblich getrennt eben noch vor sieben in die Glascontainer entsorgt, Dosen daneben, wäre es ein skandalöses Verhalten, würde er nach sieben noch die Tragtasche, Weiterlesen

Poststelle

Achtzehn Uhr zehn. Mit einem Ruck hält das Tram am Kreuzplatz. Am, nicht auf. Die Poststelle liegt auch am Kreuzplatz. Am anderen Ende, freilich, achtzehn Uhr dreizehn. Der Vorraum der Poststelle ist dunkel, der vergitterte Rollladen versperrt die Glastür. Bis achtzehn Uhr dreißig sollte er offen sein. Das Tram fährt eben über den Kreuzplatz, hält am. Am, anderen Ende. Acht Minuten später wieder. Am Helmhaus auch, am anderen Limmatufer das Fraumünster, dahinter die Poststelle. Schließt um achtzehn Uhr. Dachte, die Poststelle im Bahnhof schließt vermutlich nicht schon. Dachte falsch, gibt gar keine Poststelle im Bahnhof. Am aber, am Sihlquai, auch. Achtzehn Uhr fünfundfünfzig, gedrückt auf die Wartecouponausgabetaste. Sie werden bedient in zwölf Minuten, sechsundneunzig Kunden vorher. Die fünfzehn offenen Schalter sind länger offen als bis neunzehn Uhr. Müssen. Die Sihlpost bis einundzwanzig Uhr. Beeindruckend.

Beeindruckend auch die Kinderpost, sehr, in der Auslage der Sihlpost. Neukundenakquiseinstrument, quasi. Heutige Kinder verschicken in Zukunft ihre Grüße per Brief, Postkarte. Freilich frankiert, mit A-Prioritaire-Etikett, bezahlt mit Tausendfrankenschein. Bargeld, freilich, posteigene Debitkarten gibt’s auch nicht als Zubehör für die Kinderpost. Weiterlesen