Zitat (35)

Dieser Prozeß der Kondensierung und damit Dramatisierung wiederholt sich dann noch einmal, zweimal und dreimal bei den gedruckten Fahnen; es wird schließlich eine Art lustvoller Jagd, noch einen Satz oder auch nur noch ein Wort zu finden, dessen Fehlen die Präzision nicht vermindern und gleichzeitig das Tempo steigern könnte. Innerhalb meiner Arbeit ist mir die des Weglassens eigentlich die vergnüglichste.

Die Jagd am Schreibtisch. Beethovens mächtigem Schreibtisch. Mächtige Jagden, vermutlich auch. Hunderte Seiten Beute quasi, bei „Marie Antionette“. Bei „Maria Stuart“ auch, leider nicht mehr an Beethovens Schreibtisch. An englischen Schreibtischen, gemieteten, Jagdrevier London, Bath. Dort jagte Stefan Zweig auch durch „Die Welt von Gestern„, in der er uns Lesern sein Pläsier offenbart. Ein ganz großes Vergnügen, die Jagd. Auch. Heute auch noch an Schreibtischen, im Jagdrevier Computer. Blinkende Eingabemarke, Umschalttaste, Pfeiltasten und Entfernentaste als Waffen. Die jagen durch die Zeilen, vor und zurück, hinauf und hinab. Bis auf das Wort angelegt ist, im Visier, der Satz noch einmal gelesen. Dann gelöscht. Oder auch nicht, eben. Auch Fachtexte lesen sich ja flüssiger, wenn sie aus vollständigen Sätzen bestehen. Auch, freilich. Prosa freilich auch. Wie „Angst“. Dem ersten Buchtipp, tatsächlich. Tatsächlich floh immer wieder aus dem Visier auf der Wortejagd. In „Die Welt von Gestern“.

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