Vorfreude (3)

Ein Junge steht vor einem Schaufenster. Darin drei Buchstaben, Uhren auch. Eine auch. Die. Die alle überstrahlt, obwohl sie nicht einmal oben auf dem Ständer steht. Auf halber Höhe des mit Samt ausgeschlagenen Schaukastens. Die ist’s trotzdem, sehen strahlende Augen. Die er tragen möchte, wenn er einmal selbst Geld verdient. Viel Geld. Sehr viel Geld. Als Jugendlicher verdient er noch immer kein Geld. Steht aber wieder vor einem Schaufenster, darin drei Buchstaben. Die Uhr auch. Mittlerweile nicht mehr auf halber Höhe des mit Samt ausgeschlagenen Schaukastens. Fast auf dem Boden. Der Boden seiner Sparbüchse ist bedeckt. Für die. Als junger Mann geht er am Schaufenster vorbei, bewusst, betritt den Juwelier, wartet vor dem Schaukasten, in dem die Uhr auf dem Boden dekoriert ist. Die. Fragt nach ihr, hört schleimtriefende Komplimente über exzellenten Geschmack, kann es nicht erwarten, dass sich die Juweliertür hinter ihm schließt. Sie schließt. Hinter einem Papiertaschenträger. Trägt eine Papiertasche mit drei Buchstaben. Darin die. Trägt sie übers Trottoir des Zürcher Bellevues. Am steifen Arm, kein Schlenkern sehe ich.

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Leckwarner

Freilich eine ganz großartige Erfindung, der Leckwarner. Eines Schweizers. Der vermutlich genug von Wasserschäden hatte. Von Lüfterungetümen auch, die zwar beim Mauerwerktrocknen zwar nicht viel Lärm machen, aber ja dann auch nicht viel Mauerwerk trocknen. Von Kehrblechen vermutlich auch, die zwar als Wasserschaufel taugen, aber ja die Quelle nie austrocknen können. Oder auch von Haarrissen in Wasserschläuchen, die kein Auge sieht, auch eins nicht, aus denen ja aber trotzdem Wasser rinnt. Wenig. Wenig rinnt aber auch. So erfand der Schweizer eben Pastillen, wenn’s mal wieder länger dauert beim Mauerwerktrocknen, Wasserschöpfen, Schlauchabdichten. Freilich auch den Leckwarner, der macht quasi Pastillen überflüssig. Denn Mauerwerk trockenlegen, Wasser schaufeln, Haarrisse suchen sind dank des Leckwarners freilich überflüssig. So der Plan.

Der Plan eines Schweizers. Er plant immer noch, plant vermutlich auch den weltweiten Vertrieb des Leckwarners. Schweizweiten zumindest vorerst, Deutschschweizweiten ganz sicher. Zürcher Hausbesitzer sind ganz sicher froh um den Leckwarner, Zürcher Wohnungsmieter freilich auch Weiterlesen

Traumhausmodell

Auch das Traumhausmodell steht nicht in Zürich, Verzeihung liebe Hausbesitzer. Könnte indes bald auch in Zürich stehen, allerdings ja nur auch. Ein großes Traumhausmodell steht aber im Berliner Bauhaus-Archiv. Das ist sehr streng mit seinen Gästen. Kein Gast darf ein Foto knipsen, vom Traumhausmodell, der Kandem-Leuchte, der Wagenfeld-Lampe. Verständlich, freilich, wollen die Erben der Bauhaus-Lehrer und Bauhaus-Schüler doch nicht, dass gruselige italienische, chinesische, nordamerikanische Kopien von den Originalobjekten produziert und verschleudert werden. Einen ganz anderen Grund haben die Bauhaus-Archivare allerdings beim schönen großen Traumhausmodell: Ihm fehlt schlicht eine Wand. Weiterlesen

Spezial-Curry-Bratwurst

Hieß die Currywurst ursprünglich. Lese ich. Lese auch, dass Herta Heuwer die Currywurst am vierten September neunzehnhundertneunundvierzig kreierte. Verkaufte vermutlich auch, dringend quasi, Herta Heuwer lebte davon, Imbisse zu verkaufen. In ihrer Imbissbude, in Berlin. Dem zerbombten Berlin. Zu Recht zerbombtem Berlin. Berliner zerbombten ja quasi ganz Europa. Auch.

Von Berlin aus eroberte die Currywurst Europa. Friedlich. Oder von Zürich aus, ebenfalls friedlich, freilich. Dem Zürcher Olaf Böhme gehört die Marke „Chillup“, Spezial-Curry-Bratwurstsauce quasi. Ein Schweizer hat’s erfunden, quasi. Lese ich. Im Berliner Currywurstmuseum. Höre dort auch „Currywurst“. Gestammelt in bester Pottmundart von Herbert Grönemeyer neunzehnhundertzweiundachtzig. Geschrieben von Ulknudel Diether Krebs. Beide essen Currywurst sicher auch ganz gern. Wie ich. Esse die Currywurst im Currywurstmuseum genauso gern wie die Currywurst von Weiterlesen

Arabisch

Abschreiben ist doof, dachten sich vermutlich die lustigen Zürcher Dadaisten beim neuen Aushang. Druckten lustig arabische Buchstaben auf den Aushang. Musste diesmal jemanden kennen, der Arabisch kann. Kann nicht einfach abschreiben, oder auch gar nix schreiben. Wie bei Aushang. Immerhin darf im Kanton Bern ein Minarett gebaut werden. Weil die Baubewilligung vor der Verfassungsänderung erteilt wurde. Ohne Baubewilligung hätte es auch nicht unbedingt eine Verfassungsänderung bedurft. Bauverordnungsnovellen in sechsundzwanzig Kantonen statt einer Verfassungsänderung. War offenbar ökonomischer, quasi. Grusel.

Überhaupt nicht gruselig ist der Entscheid des Stadtzürcher Stimmvolks, der Stadt Zürich, das lustige cabaret voltaire bis zum hundertjährigen Jubiläum der Dada-Bewegung zu unterstützen. Mit einem Millionenbetrag. Indes fragt sich der Bewohner Zürichs, wie der Millionenbetrag bis zweitausendsechszehn reichen soll, wenn allein dreihunderttausend Franken Miete jährlich bezahlt werden müssen. Vielleicht bitten deshalb die Dadaisten: Weiterlesen

Strafarbeit

Habe in Zürich noch nicht eine Compact Disc gekauft. In Schleswig, London, Jena, Aachen, München, New York schon. Sonst wo auf der Welt auch. Lernte Städte quasi auf dem Weg zum nächsten Musikhändler kennen. Zuerst noch mit Schallplatten in der Tüte, dann Kassetten, dann Compact Discs, dann wieder Schallplatten. Besaß dann schon alle Compact Discs, die Internetdiskografie wies aus, dass Lieder nur in Vinyl gepresst wurden. Lieder, die fehlten in der Sammlung. Von zuletzt tausendzweihundertdrei Compact Discs, dreiundachtzig Schallplatten, drei Kassetten. Die Sammlung waren glücklicherweise schon immer katalogisiert, mit den Katalognummern der Plattenfirmen. Unglücklicherweise sind nicht alle Interpreten bei ein und derselben Plattenfirma unter Vertrag. Unglücklicherweise führen Plattenfirmen ihre Kataloge unterschiedlich, drucken neue Kataloge, pressen neue Compact Discs, Schallplatten, elektrisieren neue Kassetten. Listen Compact Discs gar nicht mehr im Katalog auf oder listen Compact Discs auch niemals im Katalog auf. Katalogisiert sind die Compact Discs, Schallplatten, Kassetten trotzdem. Weiterlesen

Poller

Für zweihundertdreißigtausend Franken ließen sich dreißigtausend Laibe Brot kaufen. Oder auch hundertzwanzigtausend Brötchen, Weggli, meinetwegen. Weggli lassen sich besser portionieren, von Touristen auch. Die Zürich sicher auch weiterhin besuchen, auch wenn in Zürich kein dusseliger Hafenkran dreht, klein dusseliges Schiffshorn dröhnt, keine dusseligen Poller stehen. Vier Poller stehen ja überflüssigerweise schon, freilich hinter dem Geländer, so dass auch ja kein Boot daran vertäut werden kann. Jede Festmacherleine würde sich am Geländer aufreiben, brechen womöglich, wenn der Festmacher fiert oder schrickt. Oder auch das Geländer brechen, womöglich. Dann kämen womöglich auch weniger Touristen nach Zürich, weil sie nicht mehr den Kopf in den Himmel gestreckt, das Auge quasi permanent im Kamerasucher, an der Limmat flanieren könnten. Vorbei am dusseligen Hafenkran, aufgeschreckt von dusseligen Schiffshörnern, stolperten über dusselige Poller. Landeten womöglich kopfüber in der Limmat. Oder hielten sich an der Festmacherleine fest, Festhalteleine quasi. Die Festmacherleine ist allerdings ja gar nicht Bestandteil des Kunstprojekts. Weiterlesen

Burka

Hätte gleich wieder zurück fliegen müssen, vermutlich. Mit einer Burka. Von Nizza nach Zürich. Nachdem die französische Nationalversammlung die Burka verboten hatte. Französische Grenzbeamte hätten mich als Burkaträger identifiziert, vermutlich auch ohne die Männer mit den großen Lupen zu konsultieren. Höchstens um den Gesetzestext zu lesen, dann hätten sie mich freilich einreisen lassen müssen. In einer Burka. In Nizza, in Zürich freilich auch. In Zürich gibt’s ja aber gar keinen Burkaverleih, deshalb reiste ich ohne Burka ein, aus auch. In Frankreich, wo die Nationalversammlung mit dreihundertsechsunddreißig zu einer Stimme gegen die Burka gestimmt hat. Bei zweihundertvierzig Enthaltungen, allerdings. Trotzdem: eine Gegenstimme.

Eine noch breitere Mehrheit befürwortet in der Schweiz ein Burkaverbot. Von links über die Mitte nach rechts. Rechts hat mit der gruseligen Weiterlesen

Sympathieweltmeister

Vor der Leinwand im Zürcher Reithallenbiergarten im falschen Moment zu jubeln fällt auf. Im richtigen freilich auch, in beiden auch. Allerdings ja auch schwierig, den richtigen Moment abzupassen, für den neutralen Zuschauer. Im Deutschlandtrikot auch, im schwarzen T-Shirt auch, im weißen auch. Fünfmal so viele Trikots wie vor vier Jahren wollen Zürcher Sportartikelhändler verkauft haben. Lese ich. Lese auch, dass Schweiz neuerdings mit Deutschland jubelt. Schweiz quasi Deutschland lebt. Lese nicht auch. Aber auch.

Vor dem Fernsehturm im Zürcher Herrenbad im falschen Moment zu jubeln fällt auf. Auch. Auch wenn die Schweiz Deutschland lebt. Drei Redaktoren Thesen aufstellen, warum Schweiz Deutschland lebt: die Multikultithese, die Spielästhetikthese, die Wie-du-und-ich-These.
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Zitat (34)

Nichts liegt mir ferner, als mich damit voranzustellen, es sei denn im Sinne eines Erklärers bei einem Lichtbildervortrag; die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu…

Zum Glück hatte Leitz im Jahr Neunzehnhundertsechsundzwanzig den Diaprojektor schon erfunden, sonst hätte Stefan Zweig seine „Die Welt von Gestern“ womöglich noch mit Schautafeln bebildern müssen. Oder gar mit Worten. Freilich ist es falsche Bescheidenheit, der Zeit die Illustratorrolle zu überlassen. Lernte nur in der Schule die Eckdaten der Zeit, sehe quasi nur Schemen. Bilder malt Stefan Zweig. Sehe ihn die Weiterlesen

Vuvuzelaverbot

Auch unter dem Planendach blieb die Brille auf der Nase. Schwarze Brille, freilich, trotz des verschmierten Projektorbildes. Maximale Helligkeit blendet. Oder es ist einfach uncool, die Sonnenbrille abzunehmen. Beim gemeinsamen Fußballgucken mit den Freunden und der Freundin. Böse Blicke fallen auch nicht so auf, wenn ein Fußballgucker der Freundin zu nahe tritt. Die Muskeln sich spannen unter dem Feinripp-T-Shirt. Schwarz, freilich, passend zur Brille. Die Brille der Freundin steckt in den gesträhnten Haaren, braungold. Goldene Bügelgelenke, der Schriftzug in fetten Buchstaben. Goldenen. Die Tasche freilich rot, ist ja ein Deutschlandspiel. Gespannt unter dem Arm, angewinkelten freilich, keiner soll der Tasche zu nahe kommen. Aufgeklebte Fingernägel kratzen über Nähte, unhörbar, glücklicherweise. Trotz Vuvuzelaverbot in der Zürcher Reithalle.
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Leibwächter

Mag freilich keine Mehrbettzellen. Mehrbetthotelzimmer freilich auch nicht. Ein Bett genügt vollkommen, nett auch, wenn es breit ist. Das Hotelzimmer in Johannesburg ist einmal mehr größer als das schöne kleine Heim in Zürich. Nur das Hotelzimmer, freilich. Bad, Balkon, Kochnische, Schlafzimmer etwa genau so groß. Mag allerdings gar keine Hotelzimmer. Bad, Balkon, Kochnische, Schlafzimmer auch nicht. Quasi Einbettzelle, immerhin nicht Mehrbett. Trotzdem Fluchtreaktion.

Bei der Flucht aus dem Hotelzimmer gesellte sich ein Leibwächter an meine Seite. Gesellte freilich nicht, abgeordnet vielmehr. Vom Hotel, die Gegend sei nicht sicher. Inmitten von Johannesburg. Inmitten des Fußballsommers. Angst.

Grusel am Ziel, erwartete einen renovierten Prunkbau. Marmorböden, Holzvertäfelung, Designermöbel, quasi. Auf dem Constitution Hill. Ein Gefängnis. Hier wich auch der Leibwächter von meiner Seite, die Gegend ist sicher. Zu. Kein Leibwächter erforderlich, quasi. Auf dem Rundgang durch Mehrbettzellen, Duschzellen, Waschzellen, Isolationszellen, Folterkammern, Wärterräume. Über Exerzierhöfe auch, wo Gefangene nach der Arbeit Leibesübungen zu absolvieren hatten. Weiterlesen