Zitat (34)

Nichts liegt mir ferner, als mich damit voranzustellen, es sei denn im Sinne eines Erklärers bei einem Lichtbildervortrag; die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu…

Zum Glück hatte Leitz im Jahr Neunzehnhundertsechsundzwanzig den Diaprojektor schon erfunden, sonst hätte Stefan Zweig seine „Die Welt von Gestern“ womöglich noch mit Schautafeln bebildern müssen. Oder gar mit Worten. Freilich ist es falsche Bescheidenheit, der Zeit die Illustratorrolle zu überlassen. Lernte nur in der Schule die Eckdaten der Zeit, sehe quasi nur Schemen. Bilder malt Stefan Zweig. Sehe ihn die Weiterlesen

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Vorfreude (2)

Begann vor anderthalb Wochen. Mit der der Einladung. Nach Bern. Ins Bundeshaus. Im Seiteneingang steht eine Sitzgruppe. Aus sechs Stühlen, lederbezogenen, aus Flachstahl. Drängen sich um einen runden Beistelltisch, mit Glasplatte, aus Rundstahl. Flachstahl und Rundstahl passen freilich gar nicht, da hatte der Einrichtungsberater andere gute Argumente. Die Möbel sind den höchsten Gästen angemessen. Die Möbel sind vom gleichen Hersteller. Die Möbel sind vom gleichen Designer. Die Möbel sind aus der gleichen Epoche. Die Möbel zeichnete alle das MoMA aus. Die Möbel stehen auch in Brünn im gleichen Haus zusammen, der Villa Tugendhat. Solche Argumente zum Beispiel. Oder auch: Die Möbel sind alle ganz schön teuer. Das Argument überzeugte vermutlich. Fand kein Argument fürs Probesitzen. Hätte aber auch keine Ruhe gehabt, dafür war die Vorfreude viel zu groß. Freilich nicht auf die Einladung. Die Rückreise aber. Den Gang ins Bahnhofsuntergeschoss auch, den Einkauf beim Bäcker. Den Spaziergang aufs Gleis, das Einsteigen in den Zug, treppauf ins Obergeschoss. Den Sitzplatz am Fenster. Den Griff in die Tasche. Das Legen der Tüte auf den Tisch. Das Aufschlagen des Buchs, zwei Seiten lesen. Das Drehen am Rädchen für das Makroprogramm. Das Öffnen der Tüte. Für diesen Blick:
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Eurowerbung

Circa siebzig Franken kostet in Koblenz ein Mittagessen für drei, zwei Steaks auch. In Zürich höchstens für zwei, kein Steak freilich, Getränke auch nicht. Auch nicht für Touristen, die mit Euro zahlen, wie überall in Zürich. Können aber noch auf günstige Wechselkurse in Zürich hoffen, günstiger als bei der Bank jedenfalls. Oder auch am Bahnhof, Frankfurter sowieso. Wo die europäische Zentralbank wirbt. Für den Euro. Dringend notwendig offenbar, die Eurowerbung. Frage mich freilich, welchen Zweck die Eurowerbung hat. Niemand hat eine Wahl, den Euro nicht zu kaufen. In Euroland. Kann vielleicht noch mit Franken zahlen, im Zug von Zürich nach Kiel, München auch. In Kiel, München noch bei der Bank, die werben ja nun wirklich genug. Für miese Weiterlesen

Talski

Aus dem Tal ziehen sich faserige Wolken den Hang empor. Hangeln sich hinauf an grünem Nadelgehölz, schlagen Purzelbäume auf kuschelig braunen Mooswiesen, erklimmen schroffe Felsenwände, tippeln über kalte Schneeflächen. Stürmen dem blauen Himmel entgegen, dort, wo noch andere Wolken ruhen, an den Bergspitzen. Zuckerwatte, der Wind isst sie auf.

Während der Bahnfahrt fiel mir der Lehrsatz wieder ein: Den Talski, den Bergski nach vorn. Hörte den vor zweiundzwanzig Jahren, während des Österreichausflugs mit der Schulklasse. Hörte ihn heuer nochmals, freilich nicht in der Skischule. Glitt und schlitterte den Anfängerhang hinunter, ungelenk wie vor zweiundzwanzig Jahren. Glitt und schlitterte aber immerhin, Weiterlesen

Interlaken

Komme mir freilich manchmal auch etwas undankbar vor. Auf der Flucht aus dem Hotelzimmer. Gibt sicher eine ganze Menge Leute, die auch gern einmal im Victoria Jungfrau übernachten wollen. Will nicht, für kein Geld der Welt. Keine Minute zu viel in dem Hotelzimmer, freilich mit Schroeder-Fernsehprogramm. Einladend arrangierter Sitzgruppe. Taugt gerade einmal, um Fototasche, Haarwaschmittel, Ladegerät, Zahnbürste zu tragen. Keine Rast für Arm, Bein, Kopf. Freilich auch vollkommen unnötig nach zwei Stunden Zugfahrt des Redaktors nach Interlaken.

Gibt ja aber auch ein Erwachen. Frühes. In Interlaken. Im Hotelzimmer. Sehr gruselig. Fototasche, Haarwaschmittel, Ladegerät, Zahnbürste trägt die einladend arrangierte Sitzgruppe. Innerhalb einer halben Stunde nicht mehr, alles zusammengerafft. In die Tasche gestopft, in Eile, das Geräusch der ins Schloss fallenden Tür lockt. Von außen, freilich. Fünfzig Schritte zum Fahrstuhl, will nicht den Fluchtplan suchen, die Treppe. Nochmal fünfzig Schritte. Am Concierge vorbei, freundlich grüßend, durch die Drehtür. Mit einem Atemzug beginnt der neue Tag. Den Hotelzimmerluft Weiterlesen

Minarett-Bastelbogen

Noch klafft die Gesetzeslücke in der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Dem Artikel zweiundsiebzig fehlt Ziffer drei. Scheinbar ja nur. Nur im Internet. Dort wähnt sich der Minarettbauer noch in Sicherheit, dass er nichts Gesetzeswidriges tut. Wenn er ein Minarett baut. In der Schweiz. In der die Bundesverfassung, der Abschnitt, der das Verhältnis zwischen Kirche und Staat regelt, um die Ziffer drei ergänzt, vervollkommnt, beschädigt wird. Hinter der drei steht: Der Bau von Minaretten ist verboten. Punkt. Grusel.

Wähnte mich auf neutralem Boden, reise aber sicherheitshalber aus. Nehme den kürzesten Weg, Zugfahrt nach Konstanz. Oder auch Bregenz, wie viele andere auch. Die den Minarett-Bastelbogen gefunden haben. Ihn freilich in der Schweiz nicht Weiterlesen

Quartett

Die Länge einer Lokomotive wird in Länge über Puffer gemessen. Lernte ich, als ich als Kind ein Lokomotivenquartett spielte. Erinnere aber nicht mehr die längste Lokomotive, die schnellste, die älteste. Auch nicht, wie viele der Lokomotiven aus dem Lokomotivenquartett mich längs und quer durch die Bundesrepublik zogen. Ziehen auch, den Zug von München nach Zürich ziehen Lokomotiven aus dem Lokomotivenquartett. Ziehen vermutlich noch die nächsten zwei Jahre, bis endlich die Strecke modernisiert ist. Für dreihundertfünfunddreißig Kilometer brauchen selbst Lokomotiven aus dem Lokomotivenquartett nicht unbedingt vier Stunden. Derzeit schon noch.

Kann sich die Zeit nicht einmal mit Quartettspielen vertreiben, denn der Quartettautomat am Zürcher Hauptbahnhof ist ja kaputt. Oder auch nicht, liest man das Schild richtig: doppelt defekt ist gleich intakt. Der Schildschreiber dachte sich vermutlich nur, doppelt hält besser. Auch, vermutlich.
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