Ausnüchterungsstelle

Sechshundert Zürcher torkeln nachts durch Zürich. Pro Jahr, versteht sich. Ab morgen haben sie ein neues Zuhause im schönen Kreis eins. Zwar nicht mit Limmatblick, aber nur wenige Meter zum Fluss. Im historischen Gebäude, selbstredend, mit Portier, Sicherheitsdienst selbstredend auch. Schlimmstenfalls auch mit ärztlicher Betreuung. Auch dieser schlimmste Fall kostet nicht einmal mehr, Miete. Die Miete ist freilich hoch, im schönen Zürcher Kreis eins. Stundenmiete, in dem Fall, Stundenhotel, quasi. In dem auch minderjährige Zürcher bedient werden. Skandalös, quasi. Allerdings werden ja aber die Erziehungsberechtigten von dem Besuch, Bedienung, unterrichtet. Holen die Minderjährigen dann fix ab, sonst wird’s noch teurer. Drei Stunden kosten sechshundert Franken, genannt Kurzzeit-Pauschale. Mehr als drei neunhundertfünfzig. Flatrate, quasi. Die Betreiber des Etablissements rechnen trotzdem nicht mit dem großen Reibach. Weiterlesen

Werbeanzeigen

Wahlwerbung

Zürich wählt. Die größte Stadt der Schweiz, rotgrün regiert. Kandidaten und Parteien fluteten bis Freitag die Briefkästen mit Wahlwerbung. Auch Briefkästen, an denen Hochdeutsche Namen stehen. Manchmal auch die falschen, daran sind aber nicht die Kandidaten, Parteien schuld. Freilich.

Schon schuld sind die Kandidaten, Parteien an dem, was in den Wahlwerbeprospekten steht. Können nicht immer nur die Werbetexter schuld sein. Freilich schreiben die auch viel Schund, Kandidaten, Parteien aber auch. Las freilich alles. Las von der Sozialdemokratischen Partei, kurz SP: „Dabei wurden innovative Ansätze verfolgt wie die Zusammenlegung zu einer gemeinsamen Schuleinheit mit dem Schulhaus Hirschengraben und die Neuaufteilung des Einzugsgebietes über drei Schulkreise hinweg.“ Bin freilich schwer beeindruckt, unglaublich innovativ. Die Grünen schreiben sich ähnlich Innovatives ins Regierungsprogramm: „Sicherer und komfortabler Veloverkehr, autofreies Wohnen und weniger Parkplätze!“ Ausrufezeichen. Stellt sich für mich die Frage nicht, welche Kandidaten, Partei ich wählen würde: Für ein Auto ist nun wirklich kein Platz auf dreiunddreißig Quadratmetern. Einparkieren müsste ich überdies wohl mit einem Kran, denn einen Fahrstuhl haben wir nicht. Rückwärts vermutlich ja auch. Zurück nehmen die Liberalen hoffentlich die sechs, in Worten: sechs, Wahlwerbeprospekte. Eine Kandidatin sieht sich durch die Hobbys „Kantorei Enge, Militär-Sanitätsverein Zürich, Nothilfekurse, Sanitätsdienste“ für den Gemeinderat bestens qualifiziert. Weiterlesen

Revanche (3)

Revanche3Nahm noch einmal Revanche, nach der missglückten Revanche (2). War je keine richtige Revanche, diesmal schon. Mehr als die Ladefläche des Umzugswagens bedeckt, mehr als acht Arme trugen Kisten, den Schrank, das Sofa, Benno freilich, den nicht benutzen Staubsauger drei Stockwerke treppab. Füllten die Ladefläche, den Stauraum bis unters Dach, zwölf Arme trugen keine Kiste, keinen Schrank, kein Sofa, keinen Benno freilich, keinen nicht benutzten Staubsauger vier Stockwerke treppauf. Der Aufzug trug. Der fuhr nur, wenn jemand mitfuhr. Egoistischer Aufzug, quasi, fährt nicht allein. Dabei fährt er ja auch ohne jemand nicht allein, Kisten wären mitgefahren, ein Schrank, ein Sofa, Benno freilich, ein nicht benutzter Staubsauger. Schlechte Gesellschaft verglichen mit der Zügelitruppe.
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Leerwohnungszählung

Lustige Leute gingen in der ganzen Schweiz herum, zählten Wohnungen. Leere, daher hat die Leerwohnungszählung vermutlich ihren Namen. Zählten auch bewohnte Wohnungen, illegal, vermutlich. Denn bewohnte Wohnungen zählen ja gar nicht. Bei der Leerwohnungszählung. Quasi.

LeerwohnungszaehlungFreilich hätten die Neuenburger Statistiker nicht die Leerwohnungsziffer errechnen können, wenn die lustigen Leute bei der Leerwohnungszählung nicht die bewohnten Wohnungen gezählt hätten. Für die Leerwohnungsziffer müssen, auch wenn es um leere Wohnungen geht, auch die bewohnten Wohnungen gezählt werden. Damit die Leerwohnungsziffer den Anteil leerer Wohnungen am gesamten Schweizer Wohnungsbestand ausdrücken kann. Drückt sich recht klar aus: Weiterlesen

Messegast

Gibt Leute, die in den ersten Märzwochen Urlaub machen. Eine Märzwoche, andere fahren zu Freunden oder Verwandten, auch eine Märzwoche. Dritte räumen das Kinderzimmer, Schlafzimmer, WG-Zimmer, oder besitzen ein Gästezimmer. Die Leute fragen nach Butter, Margarine, Mohnbrötchen, Schwarzbrot, Marmelade, Honig, harten Eiern, weichen Eiern, Kaffee, Tee. Manchmal auch nach der Morgentoilette, immer nach dem Geld, dem Haustür- und Wohnungsschlüssel. Fragen den Frühstücker auch nach der Heimat, der Wohnung, dem Beruf, der Arbeit, manchmal nach Karten. Der Messegast hat immer Karten, in den letzten Jahren übrig, auch.
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Überholspur

Schön, einmal wieder durchs Englische Viertel Zürichs zu fahren. Mit dem netten Tram, der Nummer fünfzehn. Sie fährt entlang an Häusern, die im neunzehnten Jahrhundert im englischen Stil erbaut wurden. Lese ich, hatte ich wohl so auch vermutet. Sehe ich freilich nicht, bin ja aber auch verwöhnt von London, den engen Häusern mit auf Putz verlegten Abflussrohren, windig verglasten Fenstern und der Souterrainwohnung unterhalb des Bürgersteigs. Trottoire auf Schweizerdeutsch, hörte ich. Entschuldigung. Lese allerdings ein Buch, sehe und höre nix. Auf der eine Minute kürzeren Fahrt durchs Englische Viertel zum Bahnhof Stadelhofen.
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Untergeschoss

Untergeschoss1Zweimal Untergeschoss für Sechsfünfundneunzig. Lese ich auf der Quittung des Eisenwarenhandels. Kaufte freilich gar nicht zwei Untergeschosse, kaufte im zweiten Untergeschoss. Konnte dort aber nicht bezahlen. Musste den gruseligen kleinen Lift nehmen ins Erdgeschoss. Dort gibt’s Magnete für schöne Sideboardtüren, die ja auf schiefen Riemenböden immer offen stehen. Wenn sie nicht abgeschlossen sind, freilich nur. Oder das Schloss noch in der netten Restaurierungswerkstatt liegt, der Schmied den Schlüssel noch schmieden muss. Vorerst sind die Magneten so nett, die Türen zuzuhalten. Musste freilich Originalsubstanz vernichten um sie anzuschrauben. Originalsubstanz hatte ja der Restaurator auch schon vernichtet, als er ein Loch in die Rückwand stemmte. Brach. Für das Antennenkabel. Bin froh, nicht noch mehr Originalsubstanz vernichten zu müssen, führe die Stromkabel aus dem Antennenkabelloch heraus. Damit sich der Verstärker im schönen Sideboard verstecken kann. Der DVD-Player ja auch.
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