Laterne

Trauergesellschaft am Zürisee. Promenierende Passanten tragen Schwarz, hauptsächlich, beim Mittagsspaziergang am Seeufer. Durchstrahlt von Rot und Orange. Das Schwarz. Unter weißem Kreis, die Wolkendecke hängt vor der Sonne. Die wärmt, die Seebesucher, lesenden, grübelnden, starrenden. Starren ist meist schlecht, nicht nur für Seebesucher. Im schwarzen Mantel, geschlossenen, dick eingepackt. Seeluft kuriert die Erkältung. Obgleich sich kaum ein Lüftchen rührt. Die Wärme des weißen Kreises kein Lüftchen fortträgt. Am ersten Frühlingstag.
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Wasserfleck

Auf dem schönen Sofa. Neuen Sofa. Immerhin tropfte kein Wasser auf den Riemenboden. Der ist ja noch viel schöner. Überbelichtet auf dem Foto, damit der Wasserfleck zu sehen ist. Der Riemenboden. Wird geschont von durch Filzgleiter. Unter den Sofafüßen. Den Schienen auch, ist schließlich ein Schlafsofa. Schläft sich gut auf den Sofa, höre ich. Trotz des Wasserflecks. Gibt freilich ein Spannbettlaken für das Schlafsofa, das überdeckt den Wasserfleck.
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verspiegelt

Alle Zimmer des kleinen Heims. Schönen Heims, auch. Schöne Spiegel auch, viele kleine, die gucken sich noch gegenseitig an. In die Unendlichkeit quasi, aus fünf gucken schon Augen. Acht Paare, bebrillte, verdunkelte, auch. Junge freche wie die der Frau Werkstattmeisterin sind die einzigen, die in den kleinen Spiegel an der gegenüberstehenden Wand gucken. Darf mich nicht beklagen, knipste ich doch die Fotos alle selbst. Acht fehlen noch, aber nur die Fotodrucke, von Augen. Auch. Menschen, auch. Der Fotodrucker steht im Wandschrank, der sich nun endlich auch im Spiegel sehen kann. Bohrte mit der geliehenen Schlagbohrmaschine Löcher in dicke Mauern, weiche, alte, auch. Für den Spiegel, der nur ein Rahmen sein sollte. Für den Butterkutterplan. Der wird aufgezogen, sieht sich dann auch im Spiegel. Weiterlesen

Schneedecke

schneedeckeDie ist geschlossen, in Zürich. Wieder. Dicke Flocken an den letzten zwei Tagen schlossen sie. Zürich ist weiß, kalt, auch etwas. Auf dem Hügel kälter, geschlossener auch. Die Schneedecke. Wind blies Flocken fort, zwischenzeitlich. Schmolz die Schneedecke. Riss den Fensterladen los, der schlug zwei Tage. Im Hinterhof des Bürohauses. Auf dem Dach des Parkhauses morgens wieder die geschlossene Schneedecke, auf Palmen, auch. Geschlossen auch am See, der Limmat, die Schneedecke. In den Gassen des Oberdorfs offen. Geschmolzen, die Schneedecke. Auf dem Kopfsteinpflaster. Von dicken Mauern, warmen.

schlitteln

schlittelnHeißt freilich Schlittenfahren auf Schweizerdeutsch. Mag kurze Wörter, schlitteln auch. Sonnenbrand wegen des Blaus über dem Hochnebel, in Kindergesichtern. Auch. Erst grün während der kurvigen Anfahrt, dann glänzend beim Anblick meterlanger Eiszapfen. Eisig während der kilometerlangen Abfahrt. Des Schlittelns. In Les Diablerets. Ganz so steil wie die steilste U-Bahn Europas geht’s dort nicht bergab. Schlief knapp unterhalb des Gipfels der maximal zwölf Prozent Steigung. Über dem Bett thronte der Taschenatlas der Anatomie. Meiner nicht, der steht in Zürich. Warm hinter dicken Mauern.

Einbahnstraße (1)

Darf ich fragen, wo hin Sie fahren? Der Taxifahrer war guten Gewissens auf den Sihlquai eingebogen, hatte Schiffbau und Escher-Wyss-Platz verstanden. Aus dem Mund des hochdeutschen Fahrgastes. Nicht nachgefragt auf Schweizerdeutsch. Guten Gewissens auf dem Weg ans andere Ende Zürichs. Übertreibe freilich maßlos. Limmatquai kannte er, drehte um, ohne Entschuldigung oder das Taxameter anzuhalten. In der nächsten Woche soll es schneien, versuchte er beim Herunterklappen der Sonnenblende abzulenken, auf dem richtigen Weg. Mittlerweile.
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Zitat (10)

Du siehst nur einen Pastis. Ich hingegen, der ich in das hineinschauen muß, was ich male, sehe die Pflanze, aus der er gemacht ist, die Stürme, denen die Pflanze getrotzt hat, die Hand, die die Aniskörner geerntet hat, deren Reise bis hierher, rieche den Duft des Anises und sehe die Farbe, ehe er dem Alkohol zugefügt wurde.

Schreibt Paulo Coelho in „Elf Minuten“. Bis dahin fast mechanisch hart dokumentierend, obwohl es in Brasilien so gruselig nun auch nicht war. In Genf schon, kein Grund um jubilierend zu erzählen. Dann malt der Maler das erste Wortgemälde, einer bestürmten Pflanze, sonderbaren. Exotischen auch. Steht stolz im prasselnden Regen, biegt – nicht wiegt – sich im Wind. In der Ferne durchschneidet das Feuer des Leuchtturms den Regen an Fäden. Ein Tropfen perlt auf dem Anisblatt, schimmert in lustigsten Farben, bald orange, blau, grün. Als die Sonne die warmen Hände ausstreckt am Morgen nach dem Sturm.

Internationaler Erd-Rotations-Service

Sind wir mal froh, dass es für fast alles einen Service gibt. Outsourcing, fällt dem Redaktor ein. Aus gleich mehreren Ländern offenbar, sonst wäre der Service wohl kaum international. Vermutlich. Die Erd-Rotation veranstalten die Franzosen für uns, müssen wir uns nicht drum mühen. In Zürich nicht, in München nicht und schon gar nicht in Schleswig. Das wäre wohl auch kraftraubend, am Zahnrad für die Erd-Rotation drehen so weit entfernt vom Äquator. Besser Paris, dort drehen Franzosen am großen Zahnrad. Die Mitarbeiter des Internationalen Erd-Rotations-Services.
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Velogarage

velogarageAn der Schifflände. In Schaffhausen. Dort ist’s auch ganz gruselig am bitterkalten Sonntagmorgen. Kein Mensch auf den Straßen der schönen kleinen Altstadt. Die bittere Kälte war sicher ein Grund, der Morgen ein anderer. Selbst die Möwen standen einbeinig auf schneebedeckten Pollern, dem zweiten Bein war’s zu kalt. Wohlig warm vergraben im Gefieder. An der Schifflände, wo Rheinschiffe landen. Im Sommer, im Frühling sicher auch. Dann zetern die Möwen auch nicht so sehr über das kalte Rheinwasser. Schreien schwimmend. Stromabwärts hin zum Rheinfall, der ist drei Kilometer entfernt. Von der Altstadt. Der Velogarage unterhalb des Wasserspiegels auch.
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Zitat (9)

Aber wie die leere Muschel dröhnt vom Tosen des Meeres, so rauscht innen unhörbar Musik, fremder und herrlicher, als er sie jemals vernommen.

Schreibt Stefan Zweig über Georg Friedrich Händels Auferstehung in „Sternstunden der Menschheit“. Herrlich. Einfach herrlich. Herrlich kann man nicht steigern, auch wenn der Duden das anders sieht, Stefan Zweig es hier steigert. Braucht man nicht steigern. Herrlich ist herrlich. Ein Wort wie ein warmer Sommerregen, der sanft vom Unterarm perlt, wie Wandern durch nebelverhangene Gassen, kühle Nässe auf den Wangen, wie salzige Luft, die die Nase umschmeichelt, der Sand unter jedem Schritt nachgebend. Dafür muss man reisen, warten. Auf die Jahreszeit, das Wetter, den Wind. Oder lesen.

Zitat (8)

Wenn sich unsere Schritte gemeinsam demselben Ort zuwenden (und zur Unzeit erklingen, denn es sind jetzt vier Füße, die gehen), dann vermutete ich dennoch, daß wir einer an den anderen denken, hauptsächlich, zumindest ich tue das.

Schreibt Javier Marías in „Mein Herz so weiß“. Leider nur auf circa 350 Seiten. Gibt Bücher, die dürften kein Ende haben, für den Leser. In dem Tram, auch wenn er nur einen Satz in zehn Minuten liest. Wegen der Klammern ist der Satz freilich gruselig, eigentlich. Aber hauptsächlich thront über allen anderen Wörtern. Verbindet den Klang der vier Füße mit dem Bild zweier Menschen, wandelnd durch menschenleere Gassen und den Gedanken, die beide Menschen beim Wandeln haben. Kein wahrnehmen grauer, vielleicht warmer Madrider Wände, keinen Blick für gesprengte Straßen. Gedanken an den Mensch an der Seite. Hauptsächlich.

Heimweg (1)

Darf ich vorstellen: der Eingang ins Zürcher Oberdorf. Er ist nie leer, hatte Glück. Gibt viel zu gucken in alten Schaufenstern, viel zu trinken in heimeligen Kneipen, leckere Cordon Bleus zu essen, auch. Mit Schweizer Käse.
heimweg1
Von der Oberdorfstrasse gehen nur Gassen ab, eine weite auch. Am Ende dieser folgt der schönste Teil des Heimwegs: Kaum ist die erste Treppe halb erklommen, wärmen dicke Mauern den fröstelnden Redaktor an kalten Tagen wie diesen. Nette Mauern.