Ølvæksel (3)

Flensburg ist freilich immer eine Reise wert. Wegen der Deutschen Bank auch, wegen Fahnen-Fischer selbstverständlich auch. War die erste Deutsche Bank Deutschlands, ist heute nicht mehr die Deutsche Bank. Gibt die Deutsche Bank ja aber auch in Flensburg, gewährt dort fatale Rabatte von fünfzig Prozent. Wird vermutlich den Anlegern nicht so gut gefallen, den Kunden schon, zumindest denjenigen, die gerne rote und grüne Wollpullover tragen. Blaue selbstredend auch, die gibt’s ja aber auch bei Fahnen-Fischer. Troyer aus dem Seglerhaus, selbstverständlich, gestrickt aus dickem blauen Seemannsgarn. Das hält netterweise die Kälte ab, auch, Wind auch, aber der wehte gar nicht. Nur Fahrtwind blies, starker zum Glück, auf der Reise ins benachbarte Kruså. Für den alljährlichen Ølvæksel.

Vækselten freilich kein Øl an der früher billigen dänischen Tankstelle, vækselten nicht einmal lustige dänische Kronen. Fürs Øl auch nicht. Für die Fransk Hot Dogs auch nicht, für die Jul Hot Dogs auch nicht, die Hot Dogs freilich auch nicht. Tranken auch gar kein Øl zu den Hot Dogs, sind ja saftig genug. Warm auch, nur die Remoulade im Fransk Hot Dog, der Rotkohl auf dem Jul Hot Dog, die rohen Zwiebeln auf dem Hot Dog nicht. Alle drei trotzdem eine Gaumenfreude, im Weiterlesen

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Wellenbrecher

Auch nett vom Weltfußballverband, Deutschland zweimal am Indischen Ozean spielen zu lassen. Für Deutschland eventuell nicht so nett, musste immer tausend Kilometer fliegen. Von Pretoria an die Küste. Für deutsche Fans freilich schon, müssen freilich auch fliegen, tausend Kilometer von Durban nach Port Elizabeth, mussten ja aber auch schon zuvor zehntausend Kilometer fliegen. An den Indischen Ozean.

Am Indischen Ozean fühlen sich Küstenbewohner quasi heimisch. Auch. Eine steife Brise weht um die Nase, Wind pfeift um die Ohren, wiegt das Schilf, dunkle Wolken eilen rasch am Auge vorüber. Oder auch kleine weiße Wolken, wie weiße Tupfer am blauen Himmelskleid. Dazu segeln lustige Möwen über Dünen, Strände, Wellenberge. Wellen haben Spaß am Auftürmen, Rollen, Brechen, die Gischt spritzen zu lassen. Millionen Tröpfchen in den Wind zu werfen, auf das sie glitzern in Milliarden Farben im Sonnenschein. Am Strand legen sich Wellen auf warmen Sand, ruhen aus, bevor es sie zurück ins kühle Nass zieht. Wünschen sich, Weiterlesen

Frühlingsboten

War gar nicht meine Idee, sah einen Herrn Jemand auf der Parkbank an der Rämistrasse sitzen, in der prallen Sonne. Die den Herren vermutlich netterweise wärmte. Wünschte mich an seine Stelle. Wünschte mich an meine Stelle, den Sitzplatz am See.

Die vergessene Mütze im Tram ließ die Frühlingsboten zu meiner Idee werden. Endlich ist die gruselige Kälte aus der Stadt, Trampassagiere ziehen die Mütze ab, vergessen, sie wieder aufzusetzen. Vermissen sie nicht, wärmt doch die Sonne. Freilich sind Frühlingsboten auch Knospen, Blumen. Ebenso abgedroschen wie eine Glühbirne. Platz eins der Hitliste der am meisten abgedroschenen Symbolfotos. Halte es eher mit Mützen, Seglerschuhen, wehenden Schals, Lächeln im Regen. Seglerschuhträger laufen auf dünner Gummisohle, Füße umfasst dünnes Leder, mit Schnürsenkel durchzogenen. Nasse, kalte Füsse bei Schnee garantiert. Erkältung garantiert, ist der schöne dicke Schal nicht doppelt gebunden, die Jacke bis oben geschlossen. Wenn der Regen, peitscht, sticht. Auch. Zugekniffene Augen, Münder. Weiterlesen

Zitat (29)

Die Tramtüren springen auf. Fahrgäste hinaus, mit einem Satz über die drei Stufen, manche. Vorbei am dick verpackten Taschenträger, der jede Stufe einzeln erklimmt, die behandschuhte Hand am Geländer. Der oben einen Platz fernab der Türen sucht und findet, sich platziert, die Tasche auf dem Schoß. Ledertasche, kalte. Birgt ein Buch, Lesen bedeutete aber Exposition der Kälte. Der Leser liest nur im Warmen, das ist eine echte Krankheit. Liest sonst auch im Dunklen, im Regen, bei Wind. Liest seit einem Monat:

Aber gäll, hochmüetig und gyzig wey mr nie werde, zum Krüzer luege und i dr Liebi blybe und nie vrgesse, für e Vater z’bete alli Tag, und nie vrgesse, woher alles chunt und wem mr alles z’vrdanke hey?

Nicht nur, aber ja auch. Schweizerdeutsch, Berndeutsch, schreibt Pfarrer Albert Bitzius. Besser bekannt unter dem Namen des Protagonisten seines Erstlingswerks „Der Bauernspiegel“. Jeremias Gotthelf. Von dem der Literaturhistoriker Walter Muschg neunzehnhundertsiebenundfünfzig schrieb: „der größte, sondern der einzige Erzähler ersten Ranges in der deutschen Literatur, der einzige, der sich mit Dickens, Balzac oder Dostojewskij vergleichen läßt“. Aber ja auch: „es scheint ausgeschlossen, daß er jemals in die Weltliteratur eingehen wird. Nicht nur deshalb, weil nur ein Schweizer die Fülle seiner barbarischen Sprache ermessen kann.“ Weiterlesen

Büste (1/3)

Pfeifen trillerten, hatte kaum einen Fuß in den Park gesetzt. Garten, Verzeihung. Jardin de Luxembourg, ist schon eher ein Park denn ein Garten. Des Palais de Luxembourg, passierte es im Westen, wollte doch in den Osten. Reiste von Osten aus an, mit der Metro, der Station Avenue Émil Zola. Der Lausanner Buchtipp „Die Muscheln von Monsieur Chabre“ ist von Émil Zola. Danke dafür auch. Danke freilich auch für die Einladung. Des Redaktors. Nach Paris. Der wurde geflogen, chauffiert, gegleist, vom Kapitän, Autofahrer, Metroschaffner. Auf seiner Reise in den Jadin de Luxembourg. Dorthin reiste freilich gar nicht der Redaktor, der Leser vielmehr.

Mit einem Buch in der Tasche, für eine Lesung. Stille. Auf einer Parkbank, Verzeihung, Gartenbank. Oder auch einem metallenen Stuhl, die Büste schaut über die Schulter. Kennt freilich den Text, nur zu gut, schrieb ihn ja selbst. Würde vermutlich lächeln, über die Schulter des Lesers. Über den Buchtipp auch. Danke dafür auch, tatsächlich. Oder auch über den Leser, der bei Minusgraden im Park, Verzeihung, Garten, ein Taschenbuch liest. Dabei besitzt er doch die schöne Erstausgabe. Daheim, auf schönen Riemenböden. Hinter grünen Fensterläden auch. Aber Weiterlesen

Spur (1)

Viel zu früh stand er auf, auch auf dem Platz. Am Ufer des Sees, kaum zwanzig Schritte trennten ihn vom Wasser. Kalten. Auf Pfählen schrien Möwen, auf Persennings auch. Für die Zigarre war es noch zu früh, für den Spaziergang am See nie. In salzigem Wind schwangen sich Möwen in die Luft, segelten. Segelten als einzige, Holzboote fest vertäut. Der Weg zurück zum Café gesäumt von Seglern. Von Laub, Ahornblättern, wirbelte um die Schuhe. Kaum drei Dutzend Schritte bis zum ersten Kaffee, in Sichtweite des verkuppelten weißen Baus. Drüben war noch alles still, hier öffnete sich die verglaste Tür. Kaffeeduft wärmte die fröstelnde Nase, Hand die warme Tasse. Nach zwei Schlucken schmeckte auch die Zigarre. Gemütliche zwei Stunden bis zum Beginn der Probe im Zürcher Stadttheater.
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Umfrage

Möchte gern auch einmal gefragt werden zur Attraktivität von Ländern, dem politischen Klima, der touristischen Anziehungskraft, der Lebensqualität. Gut, würde vermutlich nicht so viele repräsentative Sätze sagen. Keinen: Italien? Gibt’s das nach dem Fußballsommer zweitausendsechs überhaupt noch? Nordamerika? Gibt’s doch erst seit einem Jahr wieder. Österreich? Dort wurde jemand ganz nettes geboren, er musste aber fliehen. Das ist ganz gruselig. Belgien? Die leckersten Pommes der Welt. Dänemark? Die machen die besten Ølvæksel der Welt. UmfrageDeutschland? Hui, schwierig. In einer kleinen Stadt weht immer der Wind, in einer großen der Föhn. Der eine manchmal so stürmisch, dass ich mich dagegen lehnen kann und nicht umfalle, der andere immer schön blau. Warm auch. Schweiz? Weiterlesen