Gleisschlagwochenende

Die Gleise waren vorbereitet. Seit März. Gelegt, quasi. Auf das Gleisschlagwochenende. Ein Wochenende lang wurden Gleise geschlagen. Meint man. Impliziert der Name, meint man auch. Sehr gruselig. Freilich schlug niemand bemitleidenswerte Gleise, schon gar nicht das ganze Wochenende lang. Auch schlug niemand Gleise zwischen Münsterbrücke und Hechtplatz. Auch freilich nicht das ganze Wochenende lang. Obwohl das ganze Wochenende vermutlich ja auch genügt hätte, um Gleise auszuwechseln. Am Gleisschlagwochenende. Haben sich die Texter der Stadt Zürich ein martialisches Wort für Gleise auswechseln ausgedacht. Wohlweislich vermutlich, um die Oberdorfanwohner das Fürchten zu lehren. Vor kreischenden Gleisen, schreienden vermutlich auch. Nachts auch. Obwohl ja die Zürcher Stadttexter in Aussicht stellten: „Selbstverständlich setzen wir alles daran, den unvermeidlichen Lärm auf ein Minimum zu reduzieren.“ Schreie der Gleise etwa. Nachts. „Damit wir die Aufrechterhaltung des regulären Trambetriebs gewährleisten können, sind wir gezwungen, diverse Arbeiten wie Schweissen und Betonieren während der nächtlichen Betriebspausen auszuführen.“ Beruhigend, beim Schweissen und Betonieren muss kein Gleis schreien. Kreischen vielleicht, kennen aber die Oberdorfanwohner gar nicht anders. Schrie Weiterlesen

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Kantönligeist

Zürcher sind die schönsten Eidgenossen. Sagen die Eidgenossen, nicht ich, freilich. Aber auch die arrogantesten, dümmsten, am meisten gehassten. Ihr Dialekt auch. Sage freilich auch nicht ich, sagen Aargauer, Berner, Basler. Aargauer sind die schlechtesten Autolenker der Schweiz, tragen weiße Socken. Beim Autofahren, vermutlich, Sportsocken, passend zum sportlichen Fahrstil. Berner sind die beliebtesten Schweizer, die langsamsten, sprechen aber den schönsten Dialekt. Dialekt sprechen hat dabei nix mit der Berner Langsamkeit zu tun, sage ausnahmsweise mal ich, Verständlichkeit auch nicht. Aber geht schon. Basel geht gar nicht, ist ganz gruselig. Unsympathisch, der hässlichste Dialekt. Sage nicht ich, in dem Fall. Gruselig schon, wurde aber nicht gefragt. Der Gruselfaktor, nicht ich. Hätte auch noch mehr zu ergänzen gehabt, Weiterlesen

Frühlingsboten

War gar nicht meine Idee, sah einen Herrn Jemand auf der Parkbank an der Rämistrasse sitzen, in der prallen Sonne. Die den Herren vermutlich netterweise wärmte. Wünschte mich an seine Stelle. Wünschte mich an meine Stelle, den Sitzplatz am See.

Die vergessene Mütze im Tram ließ die Frühlingsboten zu meiner Idee werden. Endlich ist die gruselige Kälte aus der Stadt, Trampassagiere ziehen die Mütze ab, vergessen, sie wieder aufzusetzen. Vermissen sie nicht, wärmt doch die Sonne. Freilich sind Frühlingsboten auch Knospen, Blumen. Ebenso abgedroschen wie eine Glühbirne. Platz eins der Hitliste der am meisten abgedroschenen Symbolfotos. Halte es eher mit Mützen, Seglerschuhen, wehenden Schals, Lächeln im Regen. Seglerschuhträger laufen auf dünner Gummisohle, Füße umfasst dünnes Leder, mit Schnürsenkel durchzogenen. Nasse, kalte Füsse bei Schnee garantiert. Erkältung garantiert, ist der schöne dicke Schal nicht doppelt gebunden, die Jacke bis oben geschlossen. Wenn der Regen, peitscht, sticht. Auch. Zugekniffene Augen, Münder. Weiterlesen

Joggeli

Die passende Wurst gibt’s dazu freilich auch. Im Stadion aber nur, wäre natürlich auch doof, wenn Wurstbräter die Wurst auch außerhalb des Stadions verkaufen. Schmeckt aber nicht gut, fad, mit einer lieblosen halbtrockenen halben Brotscheibe serviert. Senf, selbstredend. Auch fad. Das Stadion ist ja aber auch unspektakulär, der Basler Sank-Jakobs-Park, kurz Joggeli. Auf Schweizerdeutsch, Entschuldigung, Baseldeutsch, sonst beleidige ich vermutlich alle Schweizer außerhalb von Basel, Baselland. Reiste erstmals ins guselige Basel. Angst, etwas, auch. Nicht wegen des Fußballs, auf den setzte ich die Hoffnung. Der Tabellenzweite gegen den Tabellenersten, macht Mut. Sah auch Fußball, aber hauptsächlich vom Weiterlesen

Zitat (29)

Die Tramtüren springen auf. Fahrgäste hinaus, mit einem Satz über die drei Stufen, manche. Vorbei am dick verpackten Taschenträger, der jede Stufe einzeln erklimmt, die behandschuhte Hand am Geländer. Der oben einen Platz fernab der Türen sucht und findet, sich platziert, die Tasche auf dem Schoß. Ledertasche, kalte. Birgt ein Buch, Lesen bedeutete aber Exposition der Kälte. Der Leser liest nur im Warmen, das ist eine echte Krankheit. Liest sonst auch im Dunklen, im Regen, bei Wind. Liest seit einem Monat:

Aber gäll, hochmüetig und gyzig wey mr nie werde, zum Krüzer luege und i dr Liebi blybe und nie vrgesse, für e Vater z’bete alli Tag, und nie vrgesse, woher alles chunt und wem mr alles z’vrdanke hey?

Nicht nur, aber ja auch. Schweizerdeutsch, Berndeutsch, schreibt Pfarrer Albert Bitzius. Besser bekannt unter dem Namen des Protagonisten seines Erstlingswerks „Der Bauernspiegel“. Jeremias Gotthelf. Von dem der Literaturhistoriker Walter Muschg neunzehnhundertsiebenundfünfzig schrieb: „der größte, sondern der einzige Erzähler ersten Ranges in der deutschen Literatur, der einzige, der sich mit Dickens, Balzac oder Dostojewskij vergleichen läßt“. Aber ja auch: „es scheint ausgeschlossen, daß er jemals in die Weltliteratur eingehen wird. Nicht nur deshalb, weil nur ein Schweizer die Fülle seiner barbarischen Sprache ermessen kann.“ Weiterlesen

Poststelle

Achtzehn Uhr zehn. Mit einem Ruck hält das Tram am Kreuzplatz. Am, nicht auf. Die Poststelle liegt auch am Kreuzplatz. Am anderen Ende, freilich, achtzehn Uhr dreizehn. Der Vorraum der Poststelle ist dunkel, der vergitterte Rollladen versperrt die Glastür. Bis achtzehn Uhr dreißig sollte er offen sein. Das Tram fährt eben über den Kreuzplatz, hält am. Am, anderen Ende. Acht Minuten später wieder. Am Helmhaus auch, am anderen Limmatufer das Fraumünster, dahinter die Poststelle. Schließt um achtzehn Uhr. Dachte, die Poststelle im Bahnhof schließt vermutlich nicht schon. Dachte falsch, gibt gar keine Poststelle im Bahnhof. Am aber, am Sihlquai, auch. Achtzehn Uhr fünfundfünfzig, gedrückt auf die Wartecouponausgabetaste. Sie werden bedient in zwölf Minuten, sechsundneunzig Kunden vorher. Die fünfzehn offenen Schalter sind länger offen als bis neunzehn Uhr. Müssen. Die Sihlpost bis einundzwanzig Uhr. Beeindruckend.

Beeindruckend auch die Kinderpost, sehr, in der Auslage der Sihlpost. Neukundenakquiseinstrument, quasi. Heutige Kinder verschicken in Zukunft ihre Grüße per Brief, Postkarte. Freilich frankiert, mit A-Prioritaire-Etikett, bezahlt mit Tausendfrankenschein. Bargeld, freilich, posteigene Debitkarten gibt’s auch nicht als Zubehör für die Kinderpost. Weiterlesen

Touristeninformation

Da hat offenbar wer ganze Arbeit geleistet. Frei nach dem Satz „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. Von Winston Churchill. Oder Joseph Goebbels. Ganz gruselig ja auch. Der Satz freilich nicht, wer auch immer ihn sagte. Der ist vermutlich sogar wahr. Wahr ist jedenfalls, dass Wien schon wieder vor Zürich rangiert. Diesmal nicht bei der angeblichen Lebensqualität, sondern der angeblichen Touristeninformation.

Touristeninformation1Die Touristeninformationen von Wien, Zürich und neun weiteren europäische Großstädten wurden um Auskünfte gebeten. Freundlich, vermutlich, aber auf Englisch. Vorgebliche Touristen baten per E-Mail um Informationen über zum Beispiel einen Besuch mit Hund oder den Versand von Prospektmaterial. Dann zogen die vorgeblichen Touristen die Stoppuhr aus der Hosentasche und maßen die Reaktionszeiten. Fanden in ihrer Hosentasche auch noch ein Maß für Qualität der Antworten und des Prospektmaterials – rein objektiv, freilich. Das funktionierte beeindruckend gut, quasi. Weiterlesen