Interreligiöse Kerze

Das Geschenkideen-Magazin der Gewerbevereinigung des Zürcher Hauptbahnhofs ist freilich für Anfänger. Ideenlose. Verspricht zwar „schöne, originelle, witzige und exklusive Geschenkideen“, nennt im gleichen Schriftzug aber auch schwarze Zahnseide, Trüffelöl. Das ist natürlich gruselig. Ganz gruselig ist allerdings die Interreligiöse Kerze aus der Bahnhofkirche auf Seite sechs. Zuerst brennt der Hinduismus, dann der Buddhismus, dann das Judentum, dann das Christentum, schließlich der Islam ab. „Alle fünf grossen Weltreligionen sind mit ihren Symbolen auf dieser Kerze vereint.“ Brennen vereint, langsam, nacheinander ab. Symbolisch, selbstverständlich nur. Da hilft auch das erklärende Textblatt kaum. Die Symbole der fünf Weltreligionen über dem Altar mit den Heiligen Schriften in verschiedenen Sprachen und dem bereitliegenden Gebetsteppich in der Bahnhofkirche immerhin etwas. Die Kerze macht trotzdem sprachlos. Weit weniger schlimm, Weiterlesen

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Idealtypus

Er ist nicht eine Darstellung des Wirklichen, aber er will der Darstellung eindeutige Ausdrucksmittel verleihen. Er wird gewonnen durch eine einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluss einer Fülle von hier mehr, dort weniger vorhandenen Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankenbild. In seiner begrifflichen Reinheit ist dieses Gedankenbild nirgends in der Wirklichkeit empirisch vorfindbar. Es ist eine Utopie.

Schrieb Max Weber. Über das Hotelzimmer. Auch. Hier wieder eins, immerhin ohne Schröder-Privatkanal. Fünfsterneschuppen mit überfordertem Personal. Viertelstunde warten aufs Einchecken, um elf. Abends. Fünf Sterne für Plüschteppich. Dicke Federkernmatratze und acht Waffen für die Kissenschlacht auch. Im Adlon wären es zwölf, vermutlich. Auch dort grusel, wie hier. Nach der Viertelstunde Einchecken lädt die fingerdicke Hotelmappe nicht zum Schmökern ein. Leere Schränke gibt’s zum Glück genug. Aber auch böse Bügeldiebe. Angst. Fensterstürze aus dem sechsten Stock auch. Böse, auch. Angst. Blutrot fehlt noch für die Regenbogenfarben in der Wasserwand.

Folie

Das glaube ich nöcht, ich glaube es einfach nöcht. Unfassbar! Ich benutze nie Ausrufezeichen, dies muss sein. Zunächst sieht es aus wie ein Schatten, die Maserung läuft aber quer. Auch das noch. Die Riemenböden haben viel getragen. Menschen auch. Die klebten Folie mit Holzdekor auf. Komplett wahnsinnig. Von der Werkstattmeisterin nicht mal ein ungenügend. Zu Recht. Nur einen Grund kann es geben, das ist Schonung. Aber die Folie klebt nicht überall. Oder nur noch die Reste, vielleicht darüber noch Teppich? Will’s gar nicht wissen. Das schöne Holz.

Mit dem Zollstock am Tag der offenen Tür. Zuvor gekauft, in der Bahnhofsstraße. Messen am lebenden Objekt statt auf dem Papier. Hätte auch ein Geodreieck nehmen können. Etwas Luft atmen, Baustelle, über den Dächern des Rathausquartiers. Überall Staub, die Schuhe, die Hose, die Hände. Jede Wand vermessen. Teils kann der Zollstock nicht stehen. Die Nachbarn sagen, es passt mehr rein, als man meint. Ganz sicher, durchs Fenster der Blick auf die Limmat. Im Sessel und einem Buch. Aufschauen zum Wasser wie am See.

Ölgedämpfte Schranktüren, fast zu reicht, der Rest geht von alleine. Freilich ausrollbar. Mit Besteckeinsatz, den brauche ich dann nicht von der BayWa in Poing. Eingelassener Spiegelschrank, beidseitig, nur elf Zentimeter tief. Handtuchwärmer hinter Glas. Die Seifenhalter darf ich nicht selbst kaufen, die sind bestellt. Schade, sonst wäre dort schon etwas von mir.

Puls

In der Bahnhofshalle pulsiert das Leben. Dort war kein Puls. Nicht einmal im Seiteneingang vorbei an den kläffenden Hunden. Kunststoff und Plüsch, freilich. Wie vor drei Monaten, damals dachte ich, das ist so schlecht, das ist nach der EM vorbei, darauf fällt kein Tourist rein. Mitbringsel für Fußballfans‘ Freundin. Auch wohl. Touristenfalle.

Puls im Bahnhofsrestaurant. Funktionieren? Wie lang noch Ferien, in die sich wieder die alten Gewohnheiten einschleichen? Wie in München. Unglaublich lange wach, unglaublich wenig Schlaf. Pulsiert doch das Leben.

Beim Worttennis Vorteil Schröder, den Satz gewinnt das Versuchskaninchen. Zufrieden trotz Wochenendarbeit. Quasi auf einem guten Weg in die Schweiz. Mag’s nur nicht so oft schreiben, irgendwer siebt’s aus. Wäre gern mit mehr Puls dabei. Bald, wenn die Baustelle vermessen und der Berg im Wiegetritt erradelt ist. Puls hochtreiben.

Offerte

Schon gestern kam sie, die Offerte. Hätte mich nach ihr gesehnt, wäre da nicht der Kaffee an der Limmat gewesen. Zum Glück. Heut‘ sah ich sie im Postfach liegen, sofort, Unterschrift am Sonntag, der Preis akzeptabel. Nichts spektakuläres, Standard Zürich halt. Wo keine Bomben fielen. Dreißiger Jahre. Ausreichend von Frau Werkstattmeisterin, vielleicht. Die jubilierte schon. Ohne Balkon, drei große hohe Zimmer, totalsaniert, noch steht sie auf der Merkliste. Sie wäre schon verschwunden. Ein Anruf, aufgeregt, wann ich den Vertrag den unterschreiben wolle. Dank Ulrich, Barbara und Michael perfekt vorbereitet, Bewerbungsmappe. Jedem fehlt die Schufa-Verbraucherauskunft. Dann fuhr Tram 3 zum Limmatquai. Noch eine Wohnung, dann war’s vorbei. Glückwunsch von jedem, dem ich’s erzähle.

gemalt

Was meint der Herr Schröder? Auf den Treppen aus dem vierten Stock, Zuschlag. Vier Zimmer klein, niedrig, ganz großartig, mein. Traum am Limmatquai. Träume werden Wirklichkeit. Auch tatsächlich.

AltbauEx-Kanzler, eine Woche, eine E-Mail. Braun und blau, heute. Gestern gekauft. Zu zwei Terminen zu spät, eigentlich schnell wieder ins Gefängnis, der Trockner ist fertig. Anruf, SMS am Rathaus. Trotz blau im Nebel. Vor Freude, Vorfreude. Bisher zwang ich mich, nicht hinzuschauen.
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Altbau

richtig altDer könnte auch Traum heißen. Aber der ist nicht ausgeträumt. 440 Jahre älter als ich, grad‘ noch im Bau. Darauf kann man mal noch ein paar Wochen warten nach fast 37 Jahren.

Auf dem Weg dorthin durch die Achterbahn für Rollstuhlfahrer, auch das rechte Auge nicht fürs Panorama, die Fanzone. Alles verschwommen auf dem Rückweg. Der Anhänger voll Angst, aber lustig, tatsächlich auch. Das mit links, da seh‘ ich doch nix.

Zwei Augen sahen vier Zweizimmerwohnungen. Eigentlich vier tatsächlich. Riemenböden überall, holzvertäfelte Wände, eingelassene Badezimmerschränke, Edelstahlplatten als Arbeitsfläche, Badfenster zur früheren Abfallgasse. Auch ein Blick auf die Limmat. Der schönste Weg in eine Stadt: das Wasser. Womöglich noch mit Windkraft.