Rockstar Großhirnrinde

Über zu wenig Kultur können wir uns in Zürich nun wirklich nicht beklagen. Im Mai wird aber ein echtes Glanzstück geboten: die internationale Psycho-Combo „Großhirnrinde“ ist einen Tag lang live zu sehen. In der Originalbesetzung selbstverständlich, mit Doktor Congedo aus Grenoble, Professor Doktor Doppelmayr aus Salzburg, Professor Doktor Herrmann aus Oldenburg, Professor Doktor Pineda aus San Diego. Unter den weiteren Dozenten der Philosophie und Neurowissenschaften sind vermutlich ja auch noch diverse virtuose Künstler, die den Tag zu einem Erfolg machen. Ein Augenmerk auch auf die Vorgruppen, stattliche drei an der Zahl: Empathie, Großhirn, Interventionen. Angemessen allerdings auch, angesichts des Stars des Abends. Großhirnrinde. Der natürlich im Grossen Hörsaal auftritt, im Universitätsspital Zürich. Wenn sich die Veranstalter mit dieser Location – die selbstredend angemessen ist – mal nicht verkalkuliert haben. Angesichts eines so großartigen Starauftritts.

Sicher mit der Einladung sind die Veranstalter aber nicht. Denn manchmal ist der Konjunktiv zwar unglaublich höflich, aber fehl am Platz. Genau wie ein langer Satz: Weiterlesen

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Mandelkerne

Der Wunsch jedes experimentell arbeitenden Psychologen ist es, eine direkte Beziehung zwischen einem Stimulus und einer biologischen Reaktion herstellen zu können. Wenn ein Mensch ein Signal bekommt, geschieht in seinem Kopf genau eine bestimmte Reaktion. Wenn der Psychologe diese Kausalität für alle Menschen zeigen kann, ist sein Wunsch erfüllt. Freilich kann man beim Wunsch erfüllen auch etwas nachhelfen, mit Statistik zum Beispiel. Oder auch Messmethoden, Stichproben, Experimentdesigns. Freilich kann und auch. Oder auch.

Zu auch tendierten offenbar Zürcher Ärzte und Psychologen bei dem Experiment mit dem dekorativen Titel „Die eigenen Gefühle in den Griff bekommen„. Experiment wohlgemerkt. Kontrollierte Versuchsbedingungen, für alle Teilnehmer gleich, Teilnehmer vergleichbar, keine Störung. Zu schön, um wahr zu sein, quasi, wenn Menschen teilnehmen. Kommt aber in der Medizin und der Psychologie kaum um Menschen umhin. Quasi. Die Zürcher luden sich dreißig ein. Gesunde, selbstredend, Menschen sind ja quasi immer gesund. Denken freilich auch immer darüber nach, wie sie sich fühlen, insbesondere, wenn sie gerade auf einer Bahre liegen und ihr Kopf von einem Magneten umkreist wird. In einem Magnetresonanztomografen. Darin liegen Menschen auch täglich, quasi. Dreißig Zürcher offenbar schon, quasi Magnetresonanztomografenschläfer. Dachten also quasi unter vollkommen Weiterlesen

Gehirnwoche

Unsere Anatomiedozentin sollte Recht behalten: Ich hatte im Beruf nie ein menschliches Großhirn in der Hand. Werde vermutlich auch nie ein menschliches Großhirn in der Hand haben. Ist ja aber auch nicht unbedingt erforderlich, als Redaktor. Als Psychologe freilich auch nicht, zur Jenaer Psychologenausbildung gehörte aber eine Vorlesung, ein Praktikum Anatomie. Klausur freilich auch, zum Lernen gab’s zum Glück den lustigen Taschenatlas der Anatomie. Prüfungspräparat freilich nicht, präparierten trotzdem menschliche Großhirne. Die wurden in einer Kunststoffwanne angeschwemmt, quasi. Aus der fischte sich jeder fünfte Psychologiestudent ein Großhirn für seine Präpariergruppe. Die schnitt dann drauf los, freilich mit dem aufgeschlagenen Taschenatlas der Anatomie auf dem Präpariertisch. Manchmal war Wasser in den Ventrikeln eingeschlossen, das ergoss sich über den Taschenatlas der Anatomie. Beim Aufschneiden des Großhirns. Sehr gruselig.

Heute wollen Dozenten einer nordamerikanischen Universität schon Kindern das Großhirn erklären. Auf der Seite „Neurowissenschaften für Kinder“ etwa. Mit lustigen Malvorlagen, auch von Neurologinnen. Typische Neurologinnen, haben mindestens einen dicken Zeigefinger, tragen Hornbrille, Schlips. Stecken ihre Oberkörper durch Löcher in der Wand. Weiterlesen

DSM-IV

Gibt Anekdoten, die sind zu gruselig, um nicht erzählt zu werden. Gruselig für mich, freilich. Also: Fuhr vor Jahren mit einer Kommilitonin von Aachen nach Köln, um dort eine Prüfung zu absolvieren. Zu bestehen, trifft’s besser. Mit eins. Las auf dem Hinweg in geliehenen Lehrbüchern, kannte die Texte in meinen Büchern auswendig. Wusste, wo ein Satz auf der Seite der Bücher steht. Beim Taschenatlas der Anatomie klappte das Jahre früher nicht so gut. Bestand trotzdem, daran bestand diesmal kein Zweifel. Verrücktmachen war meine Spezialität. Als nichtdiplomierter Psychologe. Nach Köln lockte aber eine weitere Note fürs Diplomzeugnis. Bekam dann den Vortritt, das ist ja nicht meine Art. Hörte, dass ich mir ja ein besonders schwieriges Störungsbild ausgesucht hätte. Durfte erzählen, ohne Zwischenfragen. Nach 15 Minuten wurde es dem Professor uns seiner Assistentin zu bunt, komplimentierten mich aus dem Büro. Mit den Worten: Sie wissen ja eh mehr über die Störung als wir zusammen. Die Tür blieb fünf Minuten geschlossen. Geöffnet für wenige Sekunden, dann wieder geschlossen. Wir haben uns für eine Eins entschieden.

Das DSM-IV im englischen Original war seinerzeit eine Rarität in Aachen. Hatten nur die Kliniken, nicht einmal die Universitätsbibliothek. Bestellte es für sehr viel Geld, erst nach der Prüfung in Köln. Prüfung in Anführungsstrichen. Beschäftigte mich weiter mit dieser Störung, freilich nicht hauptberuflich. Vielleicht doch Hauptberuf, das Studium Nebenjob. Gruselig war’s, für mich.
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schlitteln

schlittelnHeißt freilich Schlittenfahren auf Schweizerdeutsch. Mag kurze Wörter, schlitteln auch. Sonnenbrand wegen des Blaus über dem Hochnebel, in Kindergesichtern. Auch. Erst grün während der kurvigen Anfahrt, dann glänzend beim Anblick meterlanger Eiszapfen. Eisig während der kilometerlangen Abfahrt. Des Schlittelns. In Les Diablerets. Ganz so steil wie die steilste U-Bahn Europas geht’s dort nicht bergab. Schlief knapp unterhalb des Gipfels der maximal zwölf Prozent Steigung. Über dem Bett thronte der Taschenatlas der Anatomie. Meiner nicht, der steht in Zürich. Warm hinter dicken Mauern.

Cube

Mal wieder Zeit totschlagen. Morgens in Zürich. Früh geht anders, die Handwerker klingelten Sturm. Auf Klingelknöpfen ohne Ton. Um sieben öffnete ein Bewohner die Tür. Der musste ins Kreisbüro. Kreis eins, im Rathaus, nicht an der Rathausbrücke. Der Schalter öffnet um 8.30 Uhr.

Ein Kaffee am Paradeplatz ist die Alternative, meinte der Beamte. Der Meisterdetektiv fiel mir gar nicht ein. Das wäre Marie Antoinette nie passiert. Nur Geschäftsfrauen und -männer hetzen von einer Tram in die nächste. Am Paradeplatz. Morgens vor acht. Noch immer Zeit. Keine Hetze. Wandern, langsam, Morgenluft atmen. Der See schickt eine Briese durch die Bahnhofstrasse. Nett. Um die Ecke im Bleicherweg gibt’s Kapseln für den Cube. Ab sieben. Krass.

Den Cube schuldet mir der Exil-Hamburger noch. Befristet in der Hansestadt, Konferenz in acht Minuten. Dafür täglich. Von der Firma mit dem Hammerwurf. Der Gag bei jedem Eintritt ins Redaktorbüro: Wo ist mein Cube? Oder auch nur: Cube? Er schickte ihn zurück, die Fragen blieben. Bis heute. Grüße in den Norden, auch. Ich passiere fast täglich die Geiger-Gasse.

Um die Ecke gibt’s heiße Schokolade, Schweizerdeutsch Premium Hot Chocolate. Grande reicht für ein Blog und E-Mails. Wie im Café Turmeck. Dort steht heute ein Tower. Nicht Schweizerdeutsch. Der spiegelt schön, Jena. Unzählige heiße Schokoladen trank ich dort, noch keinen Kaffee. Mit dem Taschenatlas der Anatomie auf dem Tisch. Meist zugeklappt. Fünf Minuten genügten, dann kam ein Bekannter vorbei. Oder Bekannte. Lieber reden als lernen. Um die Ecke fand Goethe den Zwischenkieferknochen.

Augenlaser

Scharf sehen ohne Brille – durch eine Augenlaser Behandlung. Der Satz ist beim ersten Lesen nicht gleich als Werbetext zu identifizieren. Oder doch? Mein Bruder textet so etwas hauptberuflich, allerdings auf Englisch. Sein Beruf heißt dort Copy Writer, auch eine nette Wortkombination: Denn er ist keines der kleinen Männchen, die in Kopierern ihr Tagwerk verrichten, indem sie weißes Papier mit schwarzer Farbe beschreiben.

Augenlaser: Mein großartiger Taschenatlas der Anatomie, Untertitel Nervensystem und Sinnesorgane, kennt dieses Stichwort nicht. Kein Wunder, macht es den Satz doch auch zum Werbetext. Wie gruselig klänge Augen-Laserbehandlung oder gar Weiterlesen