Geburtstag (3)

Von: oderauch
An: stefan.zweig@stefanzweig.com.br
Gesendet: So 28.11.2010 21:21
Betreff: Herzliche Glückwünsche

Verehrter Herr Zweig,
herzliche Glückwünsche zu Ihrem hundertneunundzwanzigsten Geburtstag. Wie vermutlich Millionen Leser auf der ganzen Welt wünsche auch ich mir heute, Sie hätten uns noch mit vielen weiteren Werken beschenkt. So dürfen wir uns trotzdem glücklich schätzen, schon in der Schule die „Schachnovelle„, womöglich die historischen Miniaturen zu den „Sternstunden der Menschheit“ und die grandiose Novelle „Angst“ gelesen zu haben.

Sie war meine erste Bekanntschaft mit Ihnen, allerdings nicht in der Schule, sondern erst viele Jahre später. Viel zu viele. Ich bekam sie als Buchtipp geschenkt. Welch großes Geschenk dieser Tipp wurde, konnte ich damals noch nicht ermessen. Spätestens nach „Der Stern über dem Walde“ wusste ich es aber. Danke dafür tatsächlich.
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Z1

Heute vor gut siebzig Jahren war es schlicht unmöglich, im Deutschen Technikmuseum Rechenmaschinen zu fotografieren. Damals wurden dort Pferdefuhrwerke mit Eis beladen, während sich Pferde ausruhten. Vom Ziehen der Fuhrwerke freilich, vom Hochsteigen der Pferdetreppe aber auch. Bleibt ihnen heute erspart, das Treppensteigen, das Ziehen der Fuhrwerke oftmals auch. Heute steigen Besucher die Treppe empor, nicht die Pferdetreppe, die Museumstreppe freilich. Wenn sie Rechenmaschinen fotografieren möchten, die es vor gut siebzig Jahren nicht einmal gab.

Viele Besucher – auch siebzigjährige – haben heute mehr Rechenleistung in ihrer Kamera als die Rechenmachine besaß. Auch fast vierzigjährige Redaktoren mit Kompaktkameras. Weiterlesen

Traumhausmodell

Auch das Traumhausmodell steht nicht in Zürich, Verzeihung liebe Hausbesitzer. Könnte indes bald auch in Zürich stehen, allerdings ja nur auch. Ein großes Traumhausmodell steht aber im Berliner Bauhaus-Archiv. Das ist sehr streng mit seinen Gästen. Kein Gast darf ein Foto knipsen, vom Traumhausmodell, der Kandem-Leuchte, der Wagenfeld-Lampe. Verständlich, freilich, wollen die Erben der Bauhaus-Lehrer und Bauhaus-Schüler doch nicht, dass gruselige italienische, chinesische, nordamerikanische Kopien von den Originalobjekten produziert und verschleudert werden. Einen ganz anderen Grund haben die Bauhaus-Archivare allerdings beim schönen großen Traumhausmodell: Ihm fehlt schlicht eine Wand. Weiterlesen

Spezial-Curry-Bratwurst

Hieß die Currywurst ursprünglich. Lese ich. Lese auch, dass Herta Heuwer die Currywurst am vierten September neunzehnhundertneunundvierzig kreierte. Verkaufte vermutlich auch, dringend quasi, Herta Heuwer lebte davon, Imbisse zu verkaufen. In ihrer Imbissbude, in Berlin. Dem zerbombten Berlin. Zu Recht zerbombtem Berlin. Berliner zerbombten ja quasi ganz Europa. Auch.

Von Berlin aus eroberte die Currywurst Europa. Friedlich. Oder von Zürich aus, ebenfalls friedlich, freilich. Dem Zürcher Olaf Böhme gehört die Marke „Chillup“, Spezial-Curry-Bratwurstsauce quasi. Ein Schweizer hat’s erfunden, quasi. Lese ich. Im Berliner Currywurstmuseum. Höre dort auch „Currywurst“. Gestammelt in bester Pottmundart von Herbert Grönemeyer neunzehnhundertzweiundachtzig. Geschrieben von Ulknudel Diether Krebs. Beide essen Currywurst sicher auch ganz gern. Wie ich. Esse die Currywurst im Currywurstmuseum genauso gern wie die Currywurst von Weiterlesen

Regenschirmscanner

Gibt freilich wenig nahe liegenderes als einen Regenschirmscanner. In London. Regnet ja quasi permanent hier, wenn gerade einmal nicht, wabert nasser grauschwarzer Nebel durch Hinterhöfe, Straßenschluchten, Alleen. Mikrometerkleine Tropfen jubilieren durch London, ruhen sich aus auf Kabelschächten, Abwasserrohren an den Hauswänden, in den Ritzen des brüchigen Fensterputzes. Oder auch auf Regenschirmen, die quasi jeder Passant trägt. In allen Regenbogenfarben, mit allen Buchstaben bedruckt, gemustert auch, klassisch kariert. Der unifarben schwarze liegt im Hotelzimmer, bin schließlich nicht aus Zucker. Regnet allerdings auch gar nicht. Immer. In London.

Häufig aber vermutlich ja schon. Dann läuft freilich auch der Regenschirmscanner im Dauerbetrieb. Wenn nicht nur lustige Regentropfen sich auf die Londoner Blätter, Wiesen, Bürgersteige, Autodächer platschen lassen, sondern ja auch listige Schurken durch Londoner Straßen streifen. Sie tragen freilich auch Regenschirme, spannen sie aber selbstverständlich nicht auf. Sonst würde der Gewehrlauf nass, der Säbel würde zu rosten beginnen. Listige Schurken tragen also einen Hut, führen den Regenschirm quasi spazieren durch London. Nett ja auch, für die Regenschirme. Für die Männer mit den großen Lupen freilich auch, Weiterlesen

Pferdeampel

Bin demnächst auf tausend Fotos zu sehen. Von London-Besuchern. Dort ist die größte Schwierigkeit, nicht von Linsen angeglotzt zu werden. Oder auch den Klick aus Mobiltelefonlautsprechern erst zu hören, wenn man aus dem Blickwinkel der glotzenden Linsen heraus ist. Am Piccadilly Circus, am Hyde Park Corner, vor Harrods, am London Castle, auf der Tower Bridge. Überall werden freilich großartige Fotos geknipst, tausende, quasi. Geblitzt auch, wie wild. Bei Tageslicht insbesondere gerne. Einmalige Fotos, quasi. Niemals hat jemand aus dieser besonderen Perspektive ein Foto geknipst, diese sehenswerte Sehenswürdigkeit abgelichtet. Noch nie mit dem Partner im Vordergrund, vermutlich wirklich. War ein anderer Partner, vor oder hinter der Kamera. Oder auch beides. Sicher gab’s aber schon Trillionen Fotos der Sehenswürdigkeiten. Nun Trillionen und eine. Großartige, freilich. Facebook bekommt demnächst die Rechte an allen geschenkt. Verkaufen lässt sich das Foto freilich auch nicht mehr, gibt ja schon Trillionen davon.

Von der lustigen Pferdeampel vermutlich erst Milliarden. Zwölfstellig, quasi. Ist aber eine freundliche Installation, auf Augenhöhe der Pferde die grünen und roten Pferdesymbolbilder, auf Armhöhe der Reiter der Taster. Touristische Fußgänger wundern sich vermutlich zwar, warum Londoner Ampeln so unfreundlich sind, ihnen grüne und rote Pferde als Spiegelbilder vorzuhalten, die Taster so weit oben installiert sind. Möglicherweise denken touristische Fußgänger aber auch einen Moment nach, bevor sie auf den Taster an der Pferdeampel drücken. Könnte helfen, Weiterlesen

Burka

Hätte gleich wieder zurück fliegen müssen, vermutlich. Mit einer Burka. Von Nizza nach Zürich. Nachdem die französische Nationalversammlung die Burka verboten hatte. Französische Grenzbeamte hätten mich als Burkaträger identifiziert, vermutlich auch ohne die Männer mit den großen Lupen zu konsultieren. Höchstens um den Gesetzestext zu lesen, dann hätten sie mich freilich einreisen lassen müssen. In einer Burka. In Nizza, in Zürich freilich auch. In Zürich gibt’s ja aber gar keinen Burkaverleih, deshalb reiste ich ohne Burka ein, aus auch. In Frankreich, wo die Nationalversammlung mit dreihundertsechsunddreißig zu einer Stimme gegen die Burka gestimmt hat. Bei zweihundertvierzig Enthaltungen, allerdings. Trotzdem: eine Gegenstimme.

Eine noch breitere Mehrheit befürwortet in der Schweiz ein Burkaverbot. Von links über die Mitte nach rechts. Rechts hat mit der gruseligen Weiterlesen

Zitat (34)

Nichts liegt mir ferner, als mich damit voranzustellen, es sei denn im Sinne eines Erklärers bei einem Lichtbildervortrag; die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu…

Zum Glück hatte Leitz im Jahr Neunzehnhundertsechsundzwanzig den Diaprojektor schon erfunden, sonst hätte Stefan Zweig seine „Die Welt von Gestern“ womöglich noch mit Schautafeln bebildern müssen. Oder gar mit Worten. Freilich ist es falsche Bescheidenheit, der Zeit die Illustratorrolle zu überlassen. Lernte nur in der Schule die Eckdaten der Zeit, sehe quasi nur Schemen. Bilder malt Stefan Zweig. Sehe ihn die Weiterlesen

Vuvuzelastrumpf

Blickte neidisch vom Balkon auf das schwarzrotgoldene Fahnenmeer auf der Regerstraße. Vor vier Jahren, würde heute wieder blicken. Blicke heute aber auf ein Rinnsal blaugrünrotgelbschwarzweißer Fahnen. Fahnen in den Autofenstern in Johannesburg. Blaugrünrotgelbschwarzweiß und Schwarzrotgold war die häufigste Kombination in Durban, Port Elizabeth. Freilich nach zweimal Blaugrünrotgelbschwarzweiß. Zweimal Schwarzrotgold ganz selten, in Johannesburg nirgends. In München quasi überall, vor vier Jahren. Ausverkauft.

Fragte in Baumärkten, Ein-Euro-Läden, Lebensmittelhändlern, Kaufhäusern, Sportgeschäften, Tankstellen. Ausverkauft. Wochenlang. Wochenlang wogte das schwarzrotgoldene Fahnenmeer vor meinem Balkon. Ohne meine eigene Fahne. Freilich auch passend: ohne ein eigenes Auto. Aber ja mit dem Versprechen an den flammenden Fridolin, ihn Schwarzrotgold zu schmücken. Weiterlesen

Leibwächter

Mag freilich keine Mehrbettzellen. Mehrbetthotelzimmer freilich auch nicht. Ein Bett genügt vollkommen, nett auch, wenn es breit ist. Das Hotelzimmer in Johannesburg ist einmal mehr größer als das schöne kleine Heim in Zürich. Nur das Hotelzimmer, freilich. Bad, Balkon, Kochnische, Schlafzimmer etwa genau so groß. Mag allerdings gar keine Hotelzimmer. Bad, Balkon, Kochnische, Schlafzimmer auch nicht. Quasi Einbettzelle, immerhin nicht Mehrbett. Trotzdem Fluchtreaktion.

Bei der Flucht aus dem Hotelzimmer gesellte sich ein Leibwächter an meine Seite. Gesellte freilich nicht, abgeordnet vielmehr. Vom Hotel, die Gegend sei nicht sicher. Inmitten von Johannesburg. Inmitten des Fußballsommers. Angst.

Grusel am Ziel, erwartete einen renovierten Prunkbau. Marmorböden, Holzvertäfelung, Designermöbel, quasi. Auf dem Constitution Hill. Ein Gefängnis. Hier wich auch der Leibwächter von meiner Seite, die Gegend ist sicher. Zu. Kein Leibwächter erforderlich, quasi. Auf dem Rundgang durch Mehrbettzellen, Duschzellen, Waschzellen, Isolationszellen, Folterkammern, Wärterräume. Über Exerzierhöfe auch, wo Gefangene nach der Arbeit Leibesübungen zu absolvieren hatten. Weiterlesen

Wellenbrecher

Auch nett vom Weltfußballverband, Deutschland zweimal am Indischen Ozean spielen zu lassen. Für Deutschland eventuell nicht so nett, musste immer tausend Kilometer fliegen. Von Pretoria an die Küste. Für deutsche Fans freilich schon, müssen freilich auch fliegen, tausend Kilometer von Durban nach Port Elizabeth, mussten ja aber auch schon zuvor zehntausend Kilometer fliegen. An den Indischen Ozean.

Am Indischen Ozean fühlen sich Küstenbewohner quasi heimisch. Auch. Eine steife Brise weht um die Nase, Wind pfeift um die Ohren, wiegt das Schilf, dunkle Wolken eilen rasch am Auge vorüber. Oder auch kleine weiße Wolken, wie weiße Tupfer am blauen Himmelskleid. Dazu segeln lustige Möwen über Dünen, Strände, Wellenberge. Wellen haben Spaß am Auftürmen, Rollen, Brechen, die Gischt spritzen zu lassen. Millionen Tröpfchen in den Wind zu werfen, auf das sie glitzern in Milliarden Farben im Sonnenschein. Am Strand legen sich Wellen auf warmen Sand, ruhen aus, bevor es sie zurück ins kühle Nass zieht. Wünschen sich, Weiterlesen

Gegensprechanlage

Jedes Gefängnis hat eine Gegensprechanlage. Gefängniszelle auch, Hotelzimmer freilich auch. Hotels in Umhlanga auch, ordinäre Häuser allerdings auch. Kaum ein Hotel, Haus umzingelt nur eine ordinäre Mauer. Übermannhoch, freilich. Auf den meisten Mauern thront noch ein Gitter, spitz gezackt freilich, Elektrozaun, mindestens fünf Drähte übereinander, Natodraht, gerollt, mit Widerhaken. Hinter den Mauern, Gittern, Elektrozäunen, Natodrähten kläffen Hunde. Auch. Ein Spaziergang entlang einer Straße gleicht dem Gang entlang eines Gefängnisreihenhauses. Kilometerlangen. Kilometerweit kein Passant zu sehen. Fällt mir gar nicht auf, ich fahre die Strecke immer mit dem Auto, höre ich. Sehr gruselig, sage ich nicht. Ist’s aber.

Taxis rollen durch scheppernde Rolltore, nachdem der Taxifahrer mit der Gegensprechanlage sprach. Oder auch nicht. Rollen. Scheppern schon, wenn der Hotelgast das scheppernde Rolltor öffnet, um auf das Taxi zu warten. Nachts, mit mulmigem Gefühl. Mit dem Funksender in der Tasche, wichtiger als der Hotelschlüssel, Hotelzimmerschlüssel quasi. Der Funksender öffnet das Gefängnistor, der Hotelschlüssel den Trakt, der Hotelzimmerschlüssel die Zelle. Draußen ist die Angst, drinnen die Weiterlesen