Meisterhäuser (1)

Laut Plan stehen in Dessau acht Meisterhäuser. Streng genommen stehen nur fünf, denn von zwei stehen nur noch die Grundmauern, von einem stehen nicht mal mehr die. Das einzige Dessauer Haus eines Meisters rissen Bauarbeiter des früheren Arbeiter- und Bauernstaates ab, das Haus des Bauhaus-Gründers und das Haus des Bauhaus-Malers bombardierten britische Bombenschützen.
Trinkhalle von Ludwig Mies van der Rohe (Foto: Sammlung Erfurth)
Nun bauen Nachfahren der Bauarbeiter des Arbeiter- und Bauernstaates, der britischen Bombenschützen womöglich auch, die drei Häuser wieder auf. So der Plan. Dass indes Planwirtschaft nicht funktioniert, demonstrierte der Arbeiter- und Bauernstaat. Der hatte dann auch keinen Plan, als er Ludwig Mies van der Rohes einzigen Bau in Dessau neunzehnhundertsiebzig abriss. Abriss bis auf das Fundament, ein wenig spektakuläres, zugegeben. Eine Trinkhalle benötigt allerdings auch kein spektakuläres Fundament. Sie soll hauptsächlich den Durst löschen helfen. Ludwig Mies van der Rohes Durst auch, nach Martini auch. Womöglich auch nach Rum. Großen.
Fundament der Trinkhalle von Ludwig Mies van der Rohe
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Jugendbarometer

Bin ja auch froh, das noch erleben zu dürfen: eine Premiere. Mit viel Tam-Tam und großen Namen. Der zweitgrößten Bank der Schweiz zum Beispiel. Die gab Geld für die Premiere. Viel offenbar, hat ja aber auch viel. Nicht nur offenbar, ganz sicher. Die Premierenveranstalter waren sich dann auch ganz sicher, was sie mit dem ganz vielen Geld machen. Zum Beispiel Freunde aus Brasilien, Nordamerika einladen. Die passen ja ganz gut an einer Schweizer Premiere. Des ersten Schweizer Jugendbarometers. Schweiz interessiert sich erstmals für die Jugend. Mangelte womöglich bisher am Geld.

Das Barometer zeigt für die Jugendlichen keinen Geldmangel an. Den höchsten Ausschlag zeigt es beim Umgang mit Ausländern. „Ausländer, Integration, Rassismus und Asylfragen gehören zu den grössten Sorgen der Schweizer Jugend.“ Diese Feststellung gilt für fast zwei Drittel der Jugendlichen. Grusel. Für mehr als zwei Drittel gilt auch: Fernsehserien schauen, Musik herunterladen, Öffentlicher Verkehr, Sport, modische und günstige Kleidung, sich selbst sein und sich nicht verstellen, Ferien im Ausland, E-Mail, italienische Speisen, SMS bewegen die Jugendlichen, sind angesagt. Italienische Speisen bewegen fast neun von zehn Jugendlichen, sind angesagt. Italienische Speisen. Dabei gibt’s so leckeres Cordon Bleu.
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Traumhausmodell

Auch das Traumhausmodell steht nicht in Zürich, Verzeihung liebe Hausbesitzer. Könnte indes bald auch in Zürich stehen, allerdings ja nur auch. Ein großes Traumhausmodell steht aber im Berliner Bauhaus-Archiv. Das ist sehr streng mit seinen Gästen. Kein Gast darf ein Foto knipsen, vom Traumhausmodell, der Kandem-Leuchte, der Wagenfeld-Lampe. Verständlich, freilich, wollen die Erben der Bauhaus-Lehrer und Bauhaus-Schüler doch nicht, dass gruselige italienische, chinesische, nordamerikanische Kopien von den Originalobjekten produziert und verschleudert werden. Einen ganz anderen Grund haben die Bauhaus-Archivare allerdings beim schönen großen Traumhausmodell: Ihm fehlt schlicht eine Wand. Weiterlesen

Landschaftsbauer

Gibt Werbung, die wirkt. Für Landschaftsbau zum Beispiel. Auf einem Transporter stand Landscape Incorporated, mit einem Namen davor, freilich. Namen sind ja Schall und Rauch, mag außerdem gar keine Werbung machen. Nur für Landscape Incorporated. Eine freilich nordamerikanische Firma, die vermutlich Landschaften baut. Auch, vermutlich. Die hat ja noch viel zu tun. In Nordamerika, Las Vegas auch. Auch dringend, quasi. Aber Aufträge kommen vermutlich nur von gruseligen Hotelbesitzern: Bauen sie mir eine Badelandschaft, Himmel wie im alten Rom, Fassaden und Plätze auch. Pyramiden wie im alten Ägypten. Oder auch New Yorker Fassaden, Grossstadtlandschaft. In der der Wind pfeift, laut, wenn er um die Ecken weht. Nett ja auch vom Wind, könnte sich auch heran säuseln. Pfeift lieber, wenn er um hunderte Meter hohe Ecken herum weht. Könnte allerdings ja auch Nordamerikaner massiv irritieren, plötzlich Weiterlesen

Deuce

In Las Vegas schmelzen die Zebrastreifen. Fliessen an den Straßenrand, gemeinsam mit dem Teer. Vermutlich in der Hoffnung, wenigstens der Bordstein spendet etwas Schatten. Der ist allerdings entweder nur abends oder nur morgens so freundlich, wenn die Sonne nicht mehr senkrecht vom blauen Himmel brennt. Nicht strahlt, brennt. Brennt auch auf der Haut des Wanderers. Wandert zur Bushaltestelle in der Wüste, Linie Deuce. Fährt auf dem Las Vegas Boulevard von Norden nach Süden. Auch, freilich.

In Las Vegas schmelzen auch die Häuser. Die mit Metallfassade jedenfalls, auf die Idee können auch nur Nordamerikaner kommen. Auch, freilich.

In Las Vegas schliessen Hausbesitzer die Eingangstüren mit der Bohrmaschine ab. Von Holzhäusern, freilich auch, mit grossen Fensterflächen. Schrauben eine Schraube, vermutlich zwei, in Tür und Türrahmen, Schlösser halten gruselige Einbrecher nur kurz auf. Eine lange Schraube schon länger, zwei noch länger. Denken Hausbesitzer vermutlich. Denken vermutlich auch nicht an gewitzte Einbrecher, die mit schönen grünen Bohrmaschinen auch Schlösser aufbohren, Lange Schrauben herausschrauben. Zwei auch, freilich.
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Ego-Shooter

Ist freilich eine unsägliche Diskussion. Ego-Shooter ist gleich Mörder. Ist gleich. Für den Ständerat ist gleich. Für ein gutes Drittel des Ständerats ist gleich, genau genommen. Neunzehn von sechsundvierzig genügten für die Mehrheit, fünfzehn waren schon im Feierabend. Um neunzehn Uhr, bei der Abstimmung über das Verbot der „Herstellung, des Anpreisens, der Einfuhr, des Verkaufs und der Weitergabe von Spielprogrammen, in denen grausame Gewalttätigkeiten gegen Menschen und menschenähnliche Wesen zum Spielerfolg beitragen“. Denn: „In neueren Studien wird aber ein zunehmender empirischer Zusammenhang zwischen gewalttätigem Verhalten und dem Konsum von so genannten Killerspielen ausgewiesen.“ Indes kann ein empirischer Zusammenhang aber gar nicht zunehmen. Entweder gibt es einen empirischen Zusammenhang oder eben nicht. Nur mal angenommen, es gäbe ihn: Circa Zweihunderttausend Schweizer besitzen eine Waffe. Kein Spielzeug wie ein Schweizer Offizierstaschenmesser, eine Feuerwaffe. Freilich müssen auch circa zweihunderttausend Schweizer die Taschenmutition offiziell abgeben, so etwas wird ja aber auch schnell mal Weiterlesen

Gehirnwoche

Unsere Anatomiedozentin sollte Recht behalten: Ich hatte im Beruf nie ein menschliches Großhirn in der Hand. Werde vermutlich auch nie ein menschliches Großhirn in der Hand haben. Ist ja aber auch nicht unbedingt erforderlich, als Redaktor. Als Psychologe freilich auch nicht, zur Jenaer Psychologenausbildung gehörte aber eine Vorlesung, ein Praktikum Anatomie. Klausur freilich auch, zum Lernen gab’s zum Glück den lustigen Taschenatlas der Anatomie. Prüfungspräparat freilich nicht, präparierten trotzdem menschliche Großhirne. Die wurden in einer Kunststoffwanne angeschwemmt, quasi. Aus der fischte sich jeder fünfte Psychologiestudent ein Großhirn für seine Präpariergruppe. Die schnitt dann drauf los, freilich mit dem aufgeschlagenen Taschenatlas der Anatomie auf dem Präpariertisch. Manchmal war Wasser in den Ventrikeln eingeschlossen, das ergoss sich über den Taschenatlas der Anatomie. Beim Aufschneiden des Großhirns. Sehr gruselig.

Heute wollen Dozenten einer nordamerikanischen Universität schon Kindern das Großhirn erklären. Auf der Seite „Neurowissenschaften für Kinder“ etwa. Mit lustigen Malvorlagen, auch von Neurologinnen. Typische Neurologinnen, haben mindestens einen dicken Zeigefinger, tragen Hornbrille, Schlips. Stecken ihre Oberkörper durch Löcher in der Wand. Weiterlesen

Quartett

Die Länge einer Lokomotive wird in Länge über Puffer gemessen. Lernte ich, als ich als Kind ein Lokomotivenquartett spielte. Erinnere aber nicht mehr die längste Lokomotive, die schnellste, die älteste. Auch nicht, wie viele der Lokomotiven aus dem Lokomotivenquartett mich längs und quer durch die Bundesrepublik zogen. Ziehen auch, den Zug von München nach Zürich ziehen Lokomotiven aus dem Lokomotivenquartett. Ziehen vermutlich noch die nächsten zwei Jahre, bis endlich die Strecke modernisiert ist. Für dreihundertfünfunddreißig Kilometer brauchen selbst Lokomotiven aus dem Lokomotivenquartett nicht unbedingt vier Stunden. Derzeit schon noch.

Kann sich die Zeit nicht einmal mit Quartettspielen vertreiben, denn der Quartettautomat am Zürcher Hauptbahnhof ist ja kaputt. Oder auch nicht, liest man das Schild richtig: doppelt defekt ist gleich intakt. Der Schildschreiber dachte sich vermutlich nur, doppelt hält besser. Auch, vermutlich.
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Bestäuberdienstleistungen

Gibt Meldungen, die wirklich aufrütteln, verängstigen, auch. Wie die aus Liebefeld im Kanon Bern: Die Zahl der Bienenvölker geht europaweit zurück. Das ist freilich ganz gruselig. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, berichten die Agrarwissenschaftler aus Liebefeld auch vom Rückgang anderer Bestäuber, den Schwebfliegen und den Wildbienen. Sie verniedlichen nichts: Es besteht die Gefahr, dass Bestäuberdienstleistungen, von denen viele Feldfrüchte abhängig sind, nicht mehr erfüllt werden. Quasi verheerend, wirklich. Im Frühling blühen keine schönen Blumen mehr, schöne Bäume schlagen nicht mehr aus. Weil die Bestäuberdienstleitungen nicht erbracht wurden, Bienenvölker aussterben. Bienenhonigesser freilich nicht, die essen weiter leckeren Bienenhonig. Aus Übersee, notfalls. Dort wuchs Weiterlesen

deutscher Filz (2)

Die Dollars in den Augen blinken würden mir bei einer solchen Anfrage: Unvermittelt landet eine E-Mail im Postfach, in der jemand schreibt, er besäße Stühle von einem renommierten nordamerikanischen Möbelproduzenten, für die er sechszehn Gleiter bräuchte. Auch, vermutlich, dächte ich. Vielleicht auch noch zwei Stühle mehr, vier, sechszehn Gleiter. Oder auch andere schöne Möbel, Sessel, Tische. Also flink die Antwort geschrieben, da winkt das Geschäft. Der Arm wurde lahm. Vier Stunden, fünf, winken. Dann ein Anruf: Ob wir Gleiter führen? Sie haben noch keine Antwort bekommen? Habe die E-Mail weitergeschickt. Die Antwort ist: Wir haben sie nicht an Lager und erwarten eine Antwort des Produzenten, wie schnell er liefern kann und was sie kosten.

Bin freilich extrem beeindruckt. Da winkt das Geschäft beidarmig, quasi. Aber wer nicht will, der hat offenbar schon. Weiterlesen

Sekundenkleber

Es kommt mir immer wie eine halbe Weltreise vor. Die Reise zum Zürcher Hauptbahnhof. Wenn ich reise, laufen ginge auch, freilich. Für den Einkauf reiste ich, nicht wegen der vielen Waren, dem schweren Gepäck. Der Bequemlichkeit halber. Reise außerdem ja selten mal zum Hauptbahnhof, kann auch am schönen Bellevue, Stadelhofen quasi alles Mögliche einkaufen. Oder auch von dort abreisen, zum Flughafen etwa. Dabei ist der Hauptbahnhof nur im Weg, quasi. Für den Einkauf von abstrusen Dingen liegt er gerade recht auf dem Weg. Wie Sekundenkleber.

Sekundenkleber ist genau genommen ja etwas ganz gruseliges. Der klebt Sekunden. Nicht in, die. Werbetexter von einer der Schweizer Genossenschaften versuchen die Sekunden noch etwas vom Kleber zu entfernen und koppeln Sekunden und Kleber. Freilich nur halbherzig, die Werbetexter haben nicht etwa Mitleid mit den Sekunden. Sekunden-Kleber liest sich schlicht besser auf einer schlanken Tube. Als Sekundenkleber.

Kaufte Sekundenkleber von einer der Schweizer Genossenschaften. Zwei, Genossenschaften und Sekundenkleber. Kaufte zum zweiten Mal in meinem Leben Sekundenkleber. Besitze freilich den ersten Sekundenkleber nicht mehr. Kaufte den allerdings freilich auch nicht bei einer Schweizer Genossenschaft, bei Divi. In Schleswig. Einem Warenhaus, das heute nicht mehr Divi heißt. Aber noch immer Sekundenkleber verkauft. Auch freilich. Verkaufte damals auch Star-Wars-Figuren. Für viel Geld. Sekundenkleber freilich auch, für unglaublich viel Geld. An Star-Wars-Fans, die ihrem R2-D2 ein Bein ausgedreht hatten. Oder auch abgebrochen. Das klebte freilich kein herkömmlicher Kleber, nur Sekundenkleber. Weiterlesen

Whisky (1)

Die Nordamerikaner brauchen noch ein e. Iren auch, Schotten nicht. Füllen ja aber auch den besseren Whisky ab. Wobei das impliziert, dass nordamerikanischer Whiskey gut ist. Grusel. Trank noch keinen guten. Trank aber auch noch keinen japanischen, soll ja gut sein, las ich. Wie wohl neue Baumwoll-T-Shirts, Leinenhandtücher, Ananas auf poliertem Holz schmecken? Wie Waldboden, Muscheln mit Tabasco, französisches Toastbrot mit schwarzem Tee? Wie der weltbeste Single Malt Whisky. Selbstredend. Eine Kategorie mit beeindruckenden zweiundvierzig Unterkategorien – auf keinen Fall festlegen auf einen Whisky, könnte einer zu kurz kommen. Einer kam. Freilich vollkommen skandalös, dass mein Lieblingswhisky nicht prämiert wurde. Ausrufezeichen. Weiterlesen