Strafarbeit

Habe in Zürich noch nicht eine Compact Disc gekauft. In Schleswig, London, Jena, Aachen, München, New York schon. Sonst wo auf der Welt auch. Lernte Städte quasi auf dem Weg zum nächsten Musikhändler kennen. Zuerst noch mit Schallplatten in der Tüte, dann Kassetten, dann Compact Discs, dann wieder Schallplatten. Besaß dann schon alle Compact Discs, die Internetdiskografie wies aus, dass Lieder nur in Vinyl gepresst wurden. Lieder, die fehlten in der Sammlung. Von zuletzt tausendzweihundertdrei Compact Discs, dreiundachtzig Schallplatten, drei Kassetten. Die Sammlung waren glücklicherweise schon immer katalogisiert, mit den Katalognummern der Plattenfirmen. Unglücklicherweise sind nicht alle Interpreten bei ein und derselben Plattenfirma unter Vertrag. Unglücklicherweise führen Plattenfirmen ihre Kataloge unterschiedlich, drucken neue Kataloge, pressen neue Compact Discs, Schallplatten, elektrisieren neue Kassetten. Listen Compact Discs gar nicht mehr im Katalog auf oder listen Compact Discs auch niemals im Katalog auf. Katalogisiert sind die Compact Discs, Schallplatten, Kassetten trotzdem. Weiterlesen

Tizio

Tizio1Der englische Werbetext ist lustig: The perfect scale for small bedside tables for night reading applications. Wenn das so ist, kaufe ich freilich sofort. Die Tizio Micro hat die perfekten Maße für kleine Nachttische zum Lesen in der Nacht. Lesen ist immer gut, auch nachts. Wenn hier jetzt auch noch die perfekte Lampe dafür offeriert wird, dann nix wie kaufen. Kaufte wirklich wie nix, eine Tizio Micro, freilich nicht für den Nachttisch. Den Schreibtisch, ist ja auch klein. Noch. Aber groß genug zum Lesen, Tippen auch. Tizio Micro beleuchtet angeblich ja nur eine ganz kleine Fläche. Tizio auch, sagt ihr Schöpfer, Herr Richard Sapper aus dem schönen München.

Der Herr Sapper wurde gefragt, hoffe mal gebeten, eine Arbeitslampe zu entwerfen. Er selbst wollte eine Lampe schaffen, die nur seine Tischplatte beleuchtet. Dafür brauchte er eine starke Lichtquelle. Zufällig war eben die Halogenleuchte erfunden worden, von den Autobauern. Zuvorkommend ja auch von den Autobauern, eben die Halogenleuchte zu erfinden. Für Tizio, nein, den Herrn Sapper, freilich, er war ja noch gar nicht fertig mit dem Erschaffen Tizios. Weiterlesen

Milchkaffee

War heute in Graubünden. An der Via Mala. Im Buch. Sieben Stunden nach fünf Minuten Fußweg. Trank dort einen Milchkaffee. Einen. In sieben Stunden. Hätte besser Sonnenmilch mitgenommen. Sieben Stunden Sonne plus Reflexion, von der spiegelglatten Wasseroberfläche. Heute spiegelglatt, gestern aufgewühlt, vom Wind, Schiffsschrauben, Schneeschmelze. Schnee schmilzt freilich in Graubünden, fließt als Rhein in den Bodensee. Als See nach Zürich, auch. Dort liest es sich ja gut. Bei einem Milchkaffee.
Weiterlesen

Fenstersauger

KärcherLas Weltneuheit. Von der Firma, die mit Wasserdampfstrahlern Geld verdient. Viel, auch. In Hurghada, London, München, New York, Zürich. Krisensicheres Geschäft mit Wasserdampf, nach der Weltherrschaft nun auch noch eine Weltneuheit. Ausrufezeichen stand freilich auf dem Preisschild. Hui. Aber schon cool, eine Sprühflasche mit Wischeraufsatz und der Fenstersauger. Akkubetrieben, für zehn Fenster. Ohne Sprossen freilich. Dann sicherlich nur fünf. Habe Sprossenfenster, aber die Sprossen zwischen den Scheiben. Fensterläden davor. Schöne grüne. Weiterlesen

White Album

white-albumBin freilich etwas zu spät für die samstägliche Absolution. War aber auch John Lennon, dem verziehen wurde, fast 28 Jahre nach dem gruseligen Mord in New York. 42 Jahre nach dem Spruch: Die Beatles sind bereits berühmter als Jesus. 40 Jahre nach Veröffentlichung des Doppelalbums ohne Namen, in weißer Hülle. Der Einfachheit halber getauft: White Album.

Das weiße Album lobte am Samstag der Redaktor der Vatikanzeitung „Osservatore Romano“. Nur das Album, freilich. Redaktor freilich nicht, sprechen ja kein Schweizerdeutsch, die Römer. Jugendlicher Leichtsinn sei Lennons Spruch gewesen. Der Jugendliche aus der englischen Arbeiterklasse war überwältigt vom unerwarteten Erfolg. Bin beeindruckt, Herr Redakteur vom „Osservatore Romano“. Aber nur von ihrer Erinnerung an den Geburtstag des einzigen Doppelalbums des Beatles. Wenn die deutschen Redakteure ihre Worte richtig übersetzt haben, ist ihre Begründung für die Absolution mindestens frech, wenn nicht eine Beleidigung. Eines Toten. 1966 hatte John Lennon vier Jahre lang Erfolg mit den Beatles. Erfolg ist ein zu kleines Wort, vermutlich. Kenne nur Filme über die Beatlemania. John Lennon schrieb großartige Lieder wie Norwegian wood, Things we said today. Der Jugendliche aus der englischen Arbeiterklasse. Aus der armen Industriestadt Liverpool. Er konnte auslösen, dass Nordamerikaner Schallplatten verbrannten. Unglaublich gruselig. Auch wenn’s dem Vatikan damals und dem „Osservatore Romano“ heute nicht passt: John Lennon und die Beatles waren vermutlich berühmter als Jesus. Predigten wie er Liebe. Unterlegt mit großartiger Musik.

Ferien

Kondensstreifen am blauen Himmel. Ferien woanders. Andere fliegen, ins Urlaubsparadies. Aus dem Prospekt, Langeweile beim Schmökern. Hurghada-Seite überblättert. Grusel. Planierte Strände, das hatten wir schon. Acht Tage noch Ferien, Schweizerdeutsch für Urlaub. London, New York, Istanbul. Mag ich heuer gern noch sehen, München sowieso. Manche Dienstreisen sind wie Urlaub, Ferien, Entschuldigung.

Schattige Bank am See. Hinter Schilf, Wasser plätschert auf die Steintreppe neben der Bank. Schoggigipfeli versüßen den Nachmittag, kalter Espresso aus der Kunststoffdose. Sehr bald brüht der Cube Espresso. Schwarze Kapsel. Nicht mehr 30 Minuten fahren bis zum Seeufer. Hinter grünen Fensterläden thront Marie Antoinette auf dem Sideboard. Sie wartet schon. Mit dem Schnitzmesser, dem Lustigen Taschenbuch, dem Feuerzeug. Sie ziehen am Mittwoch in den Wandschrank. Auf den Riemenboden. Ferien, morgens und abends. Schifffahren. Zum Butterkutteranleger, zur Bank am See. Ferienfliegern die Zunge rausstrecken.

Killer

Angst. Killer am Alex. Für 1,25 Euro. Neben der Bleistiftverlängerung. Für Härte HB, keine Härte quasi. Killer löschen Buchstaben aus. Manchmal Fehler. Gehörten verboten, wie die echten. Radiergummi statt Bleistiftspitzen, die kennt keiner am Alex, im KaDeWe genauso nicht. In Zürich kenne ich kein Geschäft für Ausweishüllen, noch. Für die Schifffahrtsmonatskarte. Reise zum See, dem netten. Mit zwei neuen Büchern. Schönen auch, tatsächlich. Die Nummer für Langweiler Kravitz aus dem KaDeWe, endlich. Den Idioten Dostojewski gab’s nirgends als Taschenbuch. Einbände mag ich nicht, die sind so schwer. Buchstaben stehen auch in Taschenbüchern, zum Glück gefeit vor dem Killer. Grusel.

Dreimal Deutsche Bank, einmal Nummer vergessen, zweimal schön. Blau und Weiß, typisch Deutsche Bank auch. Und Schwarz, den gibt’s seit Jahren nicht mehr, wohl doch, zum Glück auch. Rot und Grün auf der Jacke, Weingummiampelmännchen für die Braut, auf die ich aufpassen darf. Unterschieb ich, vor Jahren in New-Yorker Dezemberkälte. Lustig war’s, der Behördenhürdenlauf. Nach dem Metalldetektor im Rathaus. Die Schweizer werden mich festnehmen, wegen des Dummy. Design aus Zürich. Der schreibt, sie seien totale Nieten im Fußball. Fieser Tipp von der SpreeBrezel. Der Currywursttipp von ihrem Chef war gut. Mit je einem Euro unterstützt, die zwei. Der Bergwolf freilich unerreicht.

717

Heißt nicht Geburtstag, denn ist wohl nur der erste, aber nicht der letzte für mich. So der Plan. Die Schweiz feiert den Bundesbrief. Glückwunsch, auch, von mir. Seit Anfang August 1291 verteidigen sich Urkantone — Schwyz und Unterwalden und Uri — nicht mehr alleine sondern gemeinsam. Respekt. Das muss gefeiert werden, dringend. Heute.

Feiertage gibt’s ja sonst nicht so viele. Bayernverwöhnt. Urlaub auch nicht, dafür bin ich noch zu jung. In drei Jahren fünf mehr. Heuer immerhin einen extra für den Umzug. Den hab‘ ich noch, nehme ich mal zum Ausruhen. Am See, auch. Dort treffen sich am Abend die Elemente.

Beflaggt ist Zürich immer, die Bahnhofstrasse und die Altstadt. Alt ist viel in der Stadt. Das Schweizerkreuz drucken auch die Zeitschriften auf ihren Titel. Wir auch. Schweizer kaufen Schweizer Waren. Freitag kauft gerade die ganze Welt. In Zürich im Containerstapel. Oder am Broadway in Downtown Manhattan. Alte Lkw-Plane, vernäht mit Reifengummi und Sicherheitsgurten. Nett, aus Zürich, von den Brüdern Freitag. Mein Bruder hat mir was voraus. Aus Zürich.

Marmor

Guten Tag, mein Name ist Schröder, ich handele mit Marmor. Chris scherzte früher, wenn wir gemeinsam nach Jena fuhren und er meine Reisetasche hob. Interrail trainiert, viel Gepäck in kleinem Stauraum. Wiegt halt. Kein Splitter Marmor. Was auch immer in der Tasche war, übers Wochenende meist. Immer noch einen Rucksack. Beim goldenen M in Frankfurt gab’s nur Big Mac. Eine andere Frage hatten die Restaurantchefs dieser Dame vom Tresenpersonal nicht gelernt. Gelernt ist thüringisch. Wollten wir aber gar nicht, der Rost am Johannistor brannte noch.

Umsteigen in Frankfurt. Wollte ich gar nicht, lieber den Lottogewinn, die Wahrscheinlichkeit war geringer. Im Zug nach Köln, der ist lang. Gleicher Wagon, zum Glück durch die Tür hinter meinem Rücken. Hässliche Schuhe, kurze Haare, Lieblingsplatz hinter der Glaswand. Im Nichtrauchergroßraumwagen. Im Profil. Zwei Menschen, die sich nicht treffen durften. Unter 82 Millionen. Dann doch umsteigen in Frankfurt, nur raus. Angst. Ein Blick zwischen Wagenstandanzeigern. In der Bahnhofshalle beruhigende Worte aus dem Handylautsprecher, aus Mündern im verbotenen Land. Zigarette statt Big Mac, keine Frage vom Tresenpersonal. Der nächste Zug fuhr mit mir nach Köln. Den Bahnsteig abgelaufen, nicht noch ein Hauptgewinn.

Wieder kein Splitter Marmor im Gepäck, Koffer auf Rollen sind was Praktisches. Für New York im Juni 2000. Schwer trotzdem, keine Rolltreppe ungefahren. Wünschte mir, ich könnte auch mal mit Papiertüte nach Zürich reisen. Fototasche würd’s auch tun. Dringend, auch.