Milchkaffee

War heute in Graubünden. An der Via Mala. Im Buch. Sieben Stunden nach fünf Minuten Fußweg. Trank dort einen Milchkaffee. Einen. In sieben Stunden. Hätte besser Sonnenmilch mitgenommen. Sieben Stunden Sonne plus Reflexion, von der spiegelglatten Wasseroberfläche. Heute spiegelglatt, gestern aufgewühlt, vom Wind, Schiffsschrauben, Schneeschmelze. Schnee schmilzt freilich in Graubünden, fließt als Rhein in den Bodensee. Als See nach Zürich, auch. Dort liest es sich ja gut. Bei einem Milchkaffee.
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Windschatten

Können ja Bäume spenden, Häuser auch. Sträucher mit ersten zarten Knospen nicht. Müssen sie aber auch gar nicht, unter der fast geschlossenen Wolkendecke, der weiße Kreis wärmt Seebesucher. Sie erröten, sitzen sie fünf Stunden am Wasser. In dem noch der Herbst schwimmt, verwelkte Blätter. Aufgewirbelt von den Wellen des Ausflugsdampfers, der Fontäne. Noch nicht des Butterkutters. Weiterlesen

Jakobstraße

Höre immer wieder ein Lied. Einige Lieder manchmal, hauptsächlich doch aber eins. Am Ende. Das wechselt vielleicht einmal im Monat. Jedes halbe Jahr. Höre mit Winamp, seit Jahren nicht anders. Hörte schon in Studienzeiten so. Als MP3 noch rar waren, schnelle Internetleitungen auch. Bezahlte Musik aus dem Internet auch. CDs noch nicht so rar. Hörte eine CD in der Jakobstraße. Der Aachener. In einer Kieler WG. Die Mitbewohnerin schenkte mir ein Tablett, nach dem Hören.
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Zitat (16)

Sie stehen einander gegenüber, und es ist etwas wie Feindschaft zwischen ihren Augen.

Schreibt Heinrich Böll in „Der Zug war pünktlich“. Las ich in Hurghada. Vor einem Jahr. Stand dort niemandem gegenüber, nur morgens dem Spiegel. Früh morgens, als gesprengt wurde. Damit die Wüste grünt. Las nach der Flucht aus dem Gefängnis Böll. Am Strand, im Kreise drehend, dem Schatten hinterher. Schrieb im Gefängnis den ersten Text, den nur braune Augen lasen. Sah noch nie Feindschaft in braunen Augen, zu meinem Glück. Hätte gern Fußball geguckt mit den braunen Augen, vorgestern und gestern. In Zürich guckt das keiner.

Bestnoten

Urlaub war ja überfällig. Vor einem Jahr. Heute hieße der Ferien. Auf Schweizerdeutsch. In der Schweiz ist Urlaub auch überfällig. Heute. Ferien. Nimmt zu viel mit in die Ferien. Vor einem Jahr dachte ich, ich sei gut eingedeckt. Mit Büchern, Plänen, Stiften, Blöcken, der neuen Kamera. Langweilte mich trotzdem unendlich. Im Ort mit den Bestnoten. Von russischen Urlaubsgästen, vermutlich. Vielen. Bestnoten und Urlaubsgästen.
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Nähetui

Hotelübernachtungen sind ja auch ganz praktisch. Meist liegen im Bad oder der Garderobe nützliche Utensilien, die nicht nur während der Hotelübernachtung zu gebrauchen sind. Das wiegt freilich den Grusel der Hotelübernachtung nicht auf. Nimmt aber die Angst, etwas.

naehetui1Vor Jahren fand ich in Barcelona, Berlin, London oder wo auch immer ein nettes Nähetui. In einem gruseligen Hotelzimmer, so viel ist sicher. Das blieb freilich nicht in dem gruseligen Hotelzimmer, nahm es mit ins schöne München. Zügelte es nach Zürich. Seit zwei Wochen fehlt dem Jackett ein Knopf. Dem nicht mehr ganz so schönen von der Deutschen Bank. Schön genug aber, um den Knopf noch wieder anzunähen. Fand sogar den Ersatzknopf, der ist auch gezügelt. Das Nähetui ja auch. Ist eins von der netten Sorte: Nimmt dem Einäugigen das Einfädeln ab.

Krokodil

Stolz sind die Spanier schon. Zu stolz um eine Fremdsprache zu lernen. Kenne das auch ganz anders, vom Cappuccinorührer. Respekt dafür, viel, auch. Im Diagonal Mar, dem Einkaufszentrum auf der anderen Straßenseite, bedient viel weiblicher Stolz. Ohne auch nur die geringsten Englischkenntnisse. Respekt. Urlaub – Ferien, Entschuldigung, Schweizerdeutsch – in der Heimat. Oder in Amerika. Kunden müssen schon mit Händen sprechen können. Oder Spanisch. Hilft, auch. Bei der Farbauswahl, der Größe. Vom Polo vom Krokodil. Wollte das immer mal haben, in dunkelgrün. In Größe drei nur in hellgrün oder blau. In braun auch. Notkauf quasi. Der Koffer war noch unterwegs. Von Zürich über Madrid nach Barcelona. Dafür auch Respekt, Iberia. Am Abend noch der abschlägige Bescheid an der Rezeption. Nach dem hektischen Einkauf stand er auf dem Zimmer, dem Gefängnis. Selbst Hilton bessert sich: Jetzt auch mit hellen Fliesen im Bad, Waschtisch und endlich, endlich Brause statt dem festen Duschkopf. Krassen Respekt, dafür.

krokodilUnterstellte Iberia schon ein unterschwelliges Konjunkturförderprogramm in Krisenzeiten: Schweizer Touristen zum Konsum anregen, Koffer verbummeln. Eine Zahnbürste sollten Schweizer Touristen unbedingt gekauft haben müssen, mindestens. Nach einem Tag auch die komplette Garderobe. Dringend. Spätestens nach Ladenschluss kann der Koffer gefunden werden. Huch, da ist er ja. Na sowas. Danke auch für die Euros, getauschten Franken. Für das Polo mit dem Krokodil gibt’s keine Euros zurück, nur einen Gutschein. Für spanische Filialen freilich. Geld bleibt im Land, doch Konjunkturförderprogramm. Für stolze spanische Geschäfte. Ohne Paradies unter Z. Das Jugendbuch heißt „Vorstadtkrokodile“. Kein Spaß, Herr von der Grün. Simples Deutsch erschwert das Lesen.

Pest

Schicken Sie mir einen Laster mit? Scherzte ich. Für 13.600 Forint. 100 Franken. Die passen sogar ins Portemonnaie, das von der Deutschen Bank. Nicht wie 200-Franken-Noten. Die kann man in Zürich auch nicht spielen, Glücksspiel verboten. Automaten auch. Kein elektronisches Gedudel in der Kneipe. Danke.

Redaktor in Budapest. Pest. Eigentlich. Mit Blick auf Buda. An der Kettenbrücke. Der Butterkutter liegt vor dem Hotel. Erwähnte ich, dass ich Hotelzimmer hasse? Ich tue es. In Pest gibt’s ganz besonders gruselige Exemplare. Trockene Luft aus der Klimaanlage, ein Reiseführer als Dauerwerbesendung im Fernsehen. Rot hilft. Etwas, auch. Das übliche Prozedere: schnell raus hier.

Aus Ungarn stammen Ikarus-Busse. Bei tiefen Minusgraden durchs Saaletal. Die Heizung brannte fast. Der Sitzplatz darüber immer frei. Indes, genutzt hat es nix: Durch alle Ritzen kroch nasse Kälte. Ikarus-Busse hatten viele. Ritzen. Türen, Fenster. Die Busse immer überfüllt. Auf dem Weg von der Trabantensiedlung zur Uni. In Jena, vor anderthalb Jahrzehnten. So sieht heute in Pest aus. Die ganze halbe Stadt eine Baustelle. Hinterhöfe, in denen die Zeit still steht, Gras wuchert über Schienen. Kartons abgestellt, nie abgeholt. Trabbis, Skodas, Ladas. Schlaglöcher pflastern die Straße, abgesperrt mit Bauzäunen, am Ufer. Der Donau. Mitten in der halben Stadt stehen Häuser mit Verkaufsschildern. Alte Häuser, dünne.

Idealtypus

Er ist nicht eine Darstellung des Wirklichen, aber er will der Darstellung eindeutige Ausdrucksmittel verleihen. Er wird gewonnen durch eine einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluss einer Fülle von hier mehr, dort weniger vorhandenen Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankenbild. In seiner begrifflichen Reinheit ist dieses Gedankenbild nirgends in der Wirklichkeit empirisch vorfindbar. Es ist eine Utopie.

Schrieb Max Weber. Über das Hotelzimmer. Auch. Hier wieder eins, immerhin ohne Schröder-Privatkanal. Fünfsterneschuppen mit überfordertem Personal. Viertelstunde warten aufs Einchecken, um elf. Abends. Fünf Sterne für Plüschteppich. Dicke Federkernmatratze und acht Waffen für die Kissenschlacht auch. Im Adlon wären es zwölf, vermutlich. Auch dort grusel, wie hier. Nach der Viertelstunde Einchecken lädt die fingerdicke Hotelmappe nicht zum Schmökern ein. Leere Schränke gibt’s zum Glück genug. Aber auch böse Bügeldiebe. Angst. Fensterstürze aus dem sechsten Stock auch. Böse, auch. Angst. Blutrot fehlt noch für die Regenbogenfarben in der Wasserwand.

Vertrag

Klimaanlagen sind heimtückisch. Lohnt es sich vielleicht sogar, die Jacke anzuziehen? Vor dem Bürohaus laufe ich gegen eine Wand. Eine warme. Die stand da, Luft. Keine Jacke. Marie Antoinette kam allein aus der Tasche. Zwei Rapperinnen wollten ihr die Show stehlen, sie blühte auf und die Mädels stiegen aus. Nur einen Blick für die Limmat, die anderen gehören den Buchstaben. Schon wieder Hubertus.

20 Minuten 20 Minuten. Pflichtlektüre, wenigstens einmal am Tag ein paar Wörter aus der Welt. Einen Monat ohne Fernsehen. Der zieht nicht mit, nach Zürich.

Buchstaben am Morgen, formell, der Betreff Willkommen und in Klammern der Einschub Sie dürfen auch nachfragen. Schmunzeln. Formular, Standard, der Vertrag. Unterschrieben, jetzt darf ich. Eben lag er noch unauffällig auf dem Schreibtisch, geschickt mit Priorität.

In Riemenböden spiegelt sich die Sonne. Krepppapier versperrt den Weg. Keinen Schritt, die dürfen glänzen. Holzfolienkleber sind Verbrecher. Hinter blauer Kunststofffolie weiße Küchenfronten, die Sicherheitsstange, damit der Herr Schroeder nicht in die Abfallgasse fällt. Kino auf der Wand gegenüber, Sessel in Küche und Dusche, Halsstarre auf der Designerkeramik. Die fehlt noch. Genau wie die Seifenschale, die ich nicht kaufen durfte. Die hätt‘ ich längst. Montiert auf unsymmetrischen Fliesen. Vermutlich brauche ich keine Klimaanlage, ich habe Wände, dicke, warme.

Welten

Zwei sind’s gerade, die dritte zu weit weg. Die erste war gestern. Jena gibt’s nicht mehr. Zu wenig Zeit bleibt, nur fürs Schreiben. Die ist schon knapp. Bald wieder Mitternacht. Oder später. Ein paar Worte nach dem Essen, meist werden es Stunden. Dabei nehme ich gar nicht teil. Geschafft vom Tag, immer noch für einen doofen Spruch gut, mehr aber nicht. Ich ruf‘ schon mal den Zivi. Guter Lacher, kein böser Blick. Gut so, leicht, respektvoll und doch nicht zu ernst. Schweizer Bier ist gruselig.

Das Hotelzimmer ist mir fast der liebste Ort, wer hätte das gedacht. Mehr Zeit wünschte ich mir hier. Am Wochenende lange denken, schreiben. Mal mehr als Anekdoten, Momentaufnahmen. Ein Brief. Das geht auch am Zürichsee, da ist schöner. Premiere für mich, Worte begleiten mich. Die, die geschrieben wurden und die, die noch geschrieben werden. Überall so viel zu entdecken, kein Wort passt nicht zum anderen.

Panorama

Angst am See. Nur das Buch. Ein gutes auch, Wortbilder. Die Bank am Seeufer ist fünf Minuten entfernt. Wellen schlagen, plätschern ans Ufer. Der Blick geradeaus durch den Mastenwald. Der wiegt sich im Wasser, wenn der Butterkutter naht. Das überfällige Geburtstagsgeschenk fährt vor der Haustür ab. Nicht am Ammersee. Die Schifffahrt zum Anleger ist im Monatsabo drin. Für ein paar Kapitel in See stechen.

Am kleinen Finger durch die Bahnhofstraße. Tatsächlich auch. Direkt durch Schusters Kleiderschrank. Der Storch hat die passende Kragenweite. Und liegt in Laufweite. Daneben nette Nachbarschaft, Kuriositätenladen mit Schlauchbrille, Cafés mit Schweizdonut, Ölgeschäft.

Vorbei am Panorama, keine Sicht heute, Regen droht, fällt aber nicht. Ein paar Fotos mehr nach links ist das Gerüst zu sehen. In der Ferne, kein Blick damals dafür. Als Sicht war, stand das Gerüst schon, im August ist es weg. Dann noch die grünen Fensterläden.