Brno

Hat von Zeit zu Zeit auch Vorteile, Auktionen nicht zu gewinnen. Gar nicht teilzunehmen, auch. Kann hinterher freilich Pech haben, die schönsten Stücke sind weg. Glück, sie sind noch da. Hatte Glück. Durfte mich auf eine Reise machen.

Im tschechischen Brno, Hochdeutsch Brünn, steht die schöne Villa Tugendhat. Das Wohnhaus für das Ehepaar Tugendhat steht an exponierter Stelle, am Hang, mit Blick auf Brnos Altstadt. Teile den Blick mit den Tugendhats. Aus Brno. In Zürich freilich, aus Brno. Brno ist auch ein Stuhl. Er stand freilich in Brno, entstand für Brno, die Villa Tugendhat in Brno vielmehr. Hätte dem Stuhl ja sonst auch einen schönen Namen geben können. Freischwinger, Wippstuhl. Ludwig Mies van der Rohe fand Brno schön, Barcelona auch. Nannte den Stuhl in Brno Brno, den Sessel in Barcelona Barcelona. Stellte Barcelona nach Brno, Brno nicht nach Barcelona. Ins Traumhaus. Weiterlesen

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deutscher Filz (1)

Im Gegensatz zu Aushang kann ich den deutschen Filz nicht unkommentiert stehen lassen. Obwohl das ja auch nur ein Aushang war. Wie Aushang, den muss ich nicht wohl nicht erklären, kann mich dem nur anschließen. Auch ein Deutscher wünscht sich von den Moslems, dass sie ihn mit den Christen nicht allein lassen. Sehr gruselig, dass so etwas überhaupt jemand schreiben muss. Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch.

Die lustigen Bewohner des Cabaret Voltaire schreiben auf Hochdeutsch. Den neuen Aushang. Der Ausdruck finanziert auch von der Stadt Zürich. Würde auch Franken überweisen, einen Drucker kaufen, Toner, Papier. Deutsche Professoren an Zürcher Universitäten, Hochschulen vermutlich auch. Akademische Räte, Doktoranten. Der deutsche Filz halt. „Der deutsche Filz“ – der nächste Coup der Initiatoren der Minarett-Initiative. Bin freilich zutiefst beeindruckt von der Argumentation, wurde aber von einem Schweizer auch schon gefragt, ob ich’s überhaupt noch hören kann. Weiterlesen

Nackt-Schneeschuhwandern

Gibt Dinge, die muss man nicht unbedingt sehen. Nackt-Schneeschuhwandern gehört sicher auch dazu. Erspare mir hier das Foto, sieht nicht sonderlich gesund aus. Ist ja auch richtig ungesund. Gut, eine Lungenentzündung kriegt man auch ohne Nackt-Schneeschuhwandern, mit aber ganz sicher auch. Eine Busse oben drauf, schweizerdeutsche. Buße auf Hochdeutsch. Gibt aber nur in den Kantonen Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden eine Busse fürs Nacktwandern. Zweihundert Franken. In Luzern und Obwalden nur ein Verbot. Aber sicherlich fürs Nackt-Schneeschuhwandern auch, ist ja auch eine Art des Wanderns. Oder Nackt-Schneeschuhwanderer entdecken Weiterlesen

Zitat (29)

Die Tramtüren springen auf. Fahrgäste hinaus, mit einem Satz über die drei Stufen, manche. Vorbei am dick verpackten Taschenträger, der jede Stufe einzeln erklimmt, die behandschuhte Hand am Geländer. Der oben einen Platz fernab der Türen sucht und findet, sich platziert, die Tasche auf dem Schoß. Ledertasche, kalte. Birgt ein Buch, Lesen bedeutete aber Exposition der Kälte. Der Leser liest nur im Warmen, das ist eine echte Krankheit. Liest sonst auch im Dunklen, im Regen, bei Wind. Liest seit einem Monat:

Aber gäll, hochmüetig und gyzig wey mr nie werde, zum Krüzer luege und i dr Liebi blybe und nie vrgesse, für e Vater z’bete alli Tag, und nie vrgesse, woher alles chunt und wem mr alles z’vrdanke hey?

Nicht nur, aber ja auch. Schweizerdeutsch, Berndeutsch, schreibt Pfarrer Albert Bitzius. Besser bekannt unter dem Namen des Protagonisten seines Erstlingswerks „Der Bauernspiegel“. Jeremias Gotthelf. Von dem der Literaturhistoriker Walter Muschg neunzehnhundertsiebenundfünfzig schrieb: „der größte, sondern der einzige Erzähler ersten Ranges in der deutschen Literatur, der einzige, der sich mit Dickens, Balzac oder Dostojewskij vergleichen läßt“. Aber ja auch: „es scheint ausgeschlossen, daß er jemals in die Weltliteratur eingehen wird. Nicht nur deshalb, weil nur ein Schweizer die Fülle seiner barbarischen Sprache ermessen kann.“ Weiterlesen

Tragtaschen

Auf Schweizerdeutsch heißen Tragtaschen gar nicht Tragtaschen. Versichern die Kollegen Redaktoren. Sack ist Schweizerdeutsch für Tragtaschen. Besonders ulkig, wenn die Metzgerfachverkäuferin fragt, ob der Mittagstischesser seine Mahlzeit in einen Sack verpackt haben möchte. Fragt auf Hochdeutsch, freilich. Klingt wie Müllsack. Ist’s freilich gar nicht. Möchte aber nie einen Sack.

Obgleich ich nun endlich eine Möglichkeit kennen würde, den zu entsorgen. Im Einwurf für Tragtaschen, unterstelle, ein Synonym für Sack. Müsste aber wohl bis zum Wochenende warten, mit dem Einwurf an der Zürcher Untere Zäune. Denn die Tagtaschensammelbehälteraufsteller mahnen zur Rücksicht auf die Anwohner. Unbedingt, auch, vorbildlich, quasi. Hat ein Flaschentrinker sein Leergut fein säuberlich farblich getrennt eben noch vor sieben in die Glascontainer entsorgt, Dosen daneben, wäre es ein skandalöses Verhalten, würde er nach sieben noch die Tragtasche, Weiterlesen

Güselsack

Endlich sitzt er hinter Gittern. Quasi. Unbedingt verdient ist ja die Verurteilung, wegen skrupelloser Züri-Sack-Fälschung. Ausrufezeichen. Dem skrupellosen Handel mit gefälschten Züri-Säcken vielmehr. Nichts desto trotz Ausrufezeichen. Fälschte freilich nicht selbst. Malte keine blauen Buchstaben auf graue und nicht schöne weiße Züri-Säcke, zog auch keine andersfarbig blauen Bändel durch die grauen, nicht schönen weißen Bändelschlaufen. Benutze auch keinen dünnen Kunststoff, las ich, haben die Männer mit den großen Lupen nicht so gut hingeschaut. Trotz der großen Lupen, sahen sicher andere gruselige Dinge durch die großen Lupen. Wer weiß, Sahen aber auch keine schwachen Schweißnähte, wegen denen die gefälschten Züri-Säcke leichter reißen. Der Güsel auf schöne Fliesen fällt.

Fiel freilich nicht, auf schöne Fliesen in der Küche, im Treppenhaus auch nicht. Das Güsel, Schweizerdeutsch für Abfall. Güselsäcke statt Abfallsäcke, quasi. Beutel sagt der Hochdeutsche. Tönt aber auch ulkig, wenn der Hochdeutsche Sack sagt. Beim Züri-Sack nicht ganz so ulkig, kauft die aber auch nicht jede Woche. Besaß noch einen Vorrat an Züri-Säcken, als der Betrug aufflog. Weiterlesen

Liegewagen

Liegewagen1Warum heißt es eigentlich, dass Möwen schreien? Weil sich ihre Rufe für den Menschen wie Schreie anhören. Offenbar. Möwen singen in ihren Ohren vielleicht lieblich. Schreien sich sicher nicht zu: Jonathan, pass auf, wo du hinfliegst. Auf der Brücke steht schon wieder so ein glotzender Tourist mit einem kleinen roten Kasten vor dem Kopf. Oder doch, hätten viel zu schreien, in Zürich. Schreien ja auch schon morgens, wenn noch lange kein Touristen mit albernen Kameras fuchteln. Rufen sich vielleicht zu: Moin Moin. Oder lachen den Altstadtbewohner aus, wenn er spät die Fensterläden öffnet, weil er verschlafen hat. Sein Handtuch von der Wäscheleine in die Gasse fällt, weil er es nicht festgeklammert hat. Oder prahlen mit ihren Gleitflügen: Bin eben etwas mehr als einen Kilometer gesegelt, über der Limmat, vom Central zum Bauschänzli. Allerdings hören das Bahnfahrer auch bei offenem Wagonfenster nicht, auch nicht bei offenem Liegewagenfenster.
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