Kübel

KuebelDas nennt sich ja vermutlich künstlerische Freiheit. Der Stadt Zürich schöne Segelboote vors Stadthaus zu legen. Vors Fraumünster ja auch, unter der Grossmünsterbrücke passen die Boote dann offenbar aber auch mit überschwänglicher künstlerischer Freiheit nicht hindurch. Freilich halb so schlimm, passten die Segelboote doch nur unter der Quaibrücke hindurch. Mit gelegtem Mast, notfalls. Sähe gerne lustige Segel im Lüftchen flattern. Segel mit rotem Strahl und Stern, mit zwei Wellen, einem Beil, einem Vogel. Flattern, wo selten Wind weht. Vor dem Bellevuehaus, der Wasserkirche, dem Frauenbad, dem Bauschänzli. Hörte gerne Fallen klingen, wenn die Segel eingeholt sind. So, wie es der Künstler sah, hörte sicher auch.

Herr Peter Seiler malte das Motiv „Stadt Zürich“ auf den Topf in der „Gartencity“. Zürich ist gemeint, Weiterlesen

Heroldsformel

Bin vermutlich demnächst schon auf der ersten Suchmaschinenseite zu lesen. Mit der Erklärung für Heroldsformel. Die kennt der nette Duden nicht, die Wikipedia auch nicht. Merkwürdig. Dabei ist’s doch ganz einfach: Der Herold war im Mittelalter ein Botschafter, der Botschaften seines Herren überbrachte. Was auch sonst. Die Formel ist keine mathematische Gleichung, sondern eine Formulierung. Redensart, auch. Stolperte heute über die Formel: Der König ist tot, es lebe der König. Die Heroldsformel, las ich. Freilich hatte der Herold soeben seinen Herren verloren, dem er hätte eine Botschaft überbringen sollen. Aber nun hatte er ja einen neuen Herren, dem er Botschaften überbringen konnte. Quasi.

Heroldsformel1Aus Nordamerika zwitscherte gestern Abend der Herold, der König sei ins Krankenhaus gebracht worden. Noch kein Wort vom Tode des Königs, vom neuen freilich auch nicht. Den gibt es vermutlich ja auch gar nicht. Wüsste jedenfalls nicht wen. Ruhe in Frieden, Michael Jackson. Werde deine Musik vermissen. Das überirdische „Black or White“, etwa.
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Sammelleidenschaft

Wenn die Plattenbosse wüssten, wie viel Geld sie nur an mir verdienen könnten. Seit Jahren, was schreibe ich, Jahrzehnten. Weiß, dass Sammeln Leiden schafft. Sie wissen es auch, ganz sicher, nicht nur vermutlich. Sind ja nicht immer Plattenbosse gewesen. Beatles- oder Stones-Fans, eventuell. Musikliebhaber. Zu ihren Zeiten gab’s kein Internet, das Entfernungen verkürzt. Zum nächsten Plattenladen, der auch Importe verkauft, Raritäten, Promos. Gab einen in Kiel, in Hamburg. Heute sind Kiel und Hamburg einen Link entfernt. Oder eine Software-Installation. Gibt Plattenbosse, die das immer noch nicht begriffen haben, mehr als zehn Jahre nach Napster.

Gibt Vinyl und CDs, die suche ich immer noch. Raritäten, die es auch nicht zu kaufen gibt. Nicht einmal die Musik darauf, schon Interpretationen oder Remixe gibt’s ja kaum bei den Internet-Musikläden. Neue Songs ja, aber die alten nicht. Dafür würden Sammler Mark, Euro oder jetzt Franken zahlen. Vermutlich wollen Plattenbosse gar kein Geld verdienen. Zehntausende verjubeln mit dem Verteufeln von Tauschbörsen. Auf den Börsen sind Downloads zu privaten Zwecken laut Schweizer Urheberrecht vom 1. Juli 2008 nicht einmal illegal. Böse Uploads freilich schon, auch zu privaten Zwecken. Daran ändert auch der jüngste Vernehmlassungsentwurf nichts. Vorsicht: Den Vernehmlassungsentwurf nicht lesen, der ist ganz gruselig. Geschrieben.
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Cube

Mal wieder Zeit totschlagen. Morgens in Zürich. Früh geht anders, die Handwerker klingelten Sturm. Auf Klingelknöpfen ohne Ton. Um sieben öffnete ein Bewohner die Tür. Der musste ins Kreisbüro. Kreis eins, im Rathaus, nicht an der Rathausbrücke. Der Schalter öffnet um 8.30 Uhr.

Ein Kaffee am Paradeplatz ist die Alternative, meinte der Beamte. Der Meisterdetektiv fiel mir gar nicht ein. Das wäre Marie Antoinette nie passiert. Nur Geschäftsfrauen und -männer hetzen von einer Tram in die nächste. Am Paradeplatz. Morgens vor acht. Noch immer Zeit. Keine Hetze. Wandern, langsam, Morgenluft atmen. Der See schickt eine Briese durch die Bahnhofstrasse. Nett. Um die Ecke im Bleicherweg gibt’s Kapseln für den Cube. Ab sieben. Krass.

Den Cube schuldet mir der Exil-Hamburger noch. Befristet in der Hansestadt, Konferenz in acht Minuten. Dafür täglich. Von der Firma mit dem Hammerwurf. Der Gag bei jedem Eintritt ins Redaktorbüro: Wo ist mein Cube? Oder auch nur: Cube? Er schickte ihn zurück, die Fragen blieben. Bis heute. Grüße in den Norden, auch. Ich passiere fast täglich die Geiger-Gasse.

Um die Ecke gibt’s heiße Schokolade, Schweizerdeutsch Premium Hot Chocolate. Grande reicht für ein Blog und E-Mails. Wie im Café Turmeck. Dort steht heute ein Tower. Nicht Schweizerdeutsch. Der spiegelt schön, Jena. Unzählige heiße Schokoladen trank ich dort, noch keinen Kaffee. Mit dem Taschenatlas der Anatomie auf dem Tisch. Meist zugeklappt. Fünf Minuten genügten, dann kam ein Bekannter vorbei. Oder Bekannte. Lieber reden als lernen. Um die Ecke fand Goethe den Zwischenkieferknochen.

Schießpflicht

Öffentliche Bekanntmachung an der Tram-Endhaltestelle. Schießpflicht. Außerdienstlich. Dringend, unbedingt. Mit der Knarre im Anschlag auf ein Bier im Bahnhofsrestaurant. Tarnanzug, natürlich. Und jetzt auch noch Schießpflicht. 2008. Alljährlich. Das nervt. Schieß einer.

Verbliebene sind nicht etwa Verblichene. Die haben nur nicht genau genug geschossen. Weniger als 42 Punkte auf 300 Meter und 120 auf 25. Beim ersten Mal nicht und auch nicht bei den zwei Wiederholungen. In Klammern Kaufmunition. Dann ruft der Verbliebenenkurs. Wegen der Schließpflicht. 2008.

Beruhigend auch etwas: Nicht schießpflichtig sind Schießpflichtige, die nicht als am Sturmgewehr ausgebildet gelten. Angst, auch. Namentlich von der Schießpflicht dispensiert sind auch Schießpflichtige, die vor dem 1. August einen Auslandsurlaub erhalten haben. Gerettet quasi, im Ausland. Keine Schießpflicht. 2008.

Kinoprogramm

Von vielen Leuten wird Zürich für sein Kulturangebot hoch gelobt. Auch. Die 17 Theater, 28 Museen und sechs Lichtspielhäuser scheinen ihnen recht zu geben. Für eine Stadt mit circa 380.000 Einwohnern. Täglich werden es mehr, noch bin ich keiner. Nur ein vorläufiges Papier in der Kunststoffhülle. In Zeiten von Doppelausgaben und Warten auf den Umzug lohnt ein Blick aufs Kinoprogramm. Kamerablick, denn dort gab’s nicht nur das Standardprogramm.

Wie der Aufsteller am Limmatufer weist auch www.kulturinfo.ch die neusten Streifen in den Programmkinos aus. Alle ab 18. Am Ende der Tabelle, quasi auf Augenhöhe für die Kleinen. Immerhin klein gedruckt, aber meist sind ja junge Augen besser. Ich höre sie schon fragen: Wofür steht die 29 in „Tittenalarm 29“? Was passiert im Sex-Office? Warum ist Julie Silver ein Hardcore-Luder? Die Antworten würde ich zu gern hören, tatsächlich. Genau genommen sind’s auch zehn Kinos.

Freilich steht all dies in einer Spalte mit „Sex and the City“. Allerdings weiter oben, dafür muss man schon etwas älter sein. Eine Brille braucht der Neugierige nicht unbedingt tragen, die Schrift ist groß genug. Ich beeindruckt von Zürichs Kultur. Quasi.

Grün

Insassen sind an grünen Armbändern zu erkennen. Der Rezeptionist teilt sie aus, legt sie auch um. Jeder trägt sie, kein Entkommen, denn drei Mahlzeiten und Getränke überall gibt’s nur für Grünträger. Die überfällt Stumpfsinn. Sie trotten zum Trog, zeigen her ihr Band und öffnen mechanisch ihre Mäuler. Wie in der Apple-Werbung von 1984, nur den Hammer wirft keine.

Der Strand planiert, die Wege gefliest, die Hänge mit Steinen zubetoniert. Kein Sandkorn in der afrikanischen Wüste. Die, die der Wind trägt, fegen Hunderte Borsten von den Fliesen. Alle anderen spült der Kärcher von sandbraunen Fassaden.

Von mannshohen Mauern geschützt wird das Urlaubsparadies. Darin ist alles so grün wie die Armbänder.