Masseneinwanderung

Jeden zweiten Dienstagmorgen ist Altpapiersammlung im Zürcher Dorf. Altpapier wird nur in Bündeln mitgenommen, weshalb vermutlich Seilfabrikanten in Zürich ein gutes Geschäft machen. Zürcher bevorzugen auch Schweizer Seilfabrikate. Schweizer Seilfabrikanten sind allerdings auch Weltmarktführer. Dorfbewohner können auch die Altpapierbündel mit weltmarktführenden Seilen aus Fenstern mit schönen grünen Fensterläden in die Gassen herablassen. Für die Altpapiersammlung. Wenn sie sich zum Beispiel über die Widersprüche ärgern. Oder auch wundern. Wie den auf dem Informationsblatt des Komitees gegen Masseneinwanderung. Das ist im Web unter http://www.stopp-masseneinwanderung.ch zu finden. Oder via E-Mail zu erreichen unter info@masseneinwanderung.ch. Bittet via E-Mail quasi dringend um Masseneinwanderung, möchte im Web die Masseneinwanderung offenbar aber unbedingt stoppen. Oder auch nicht: Denn wer sich die Mühe macht, http://www.stopp-masseneinwanderung.ch einzutippen, wird umgehend auf http://www.masseneinwanderung.ch weitergeleitet.

Immerhin ist der übrige Text des Informationsblatts stimmig. Anhand von Zahlen des fleißigen Bundesamts für Statistik wird aufgezeigt, welche Einflüsse die Einwanderung auf das Leben in der Schweiz hat. Dafür haben die Autoren aus dem quasi unerschöpflichen Fundus des Bundesamts freilich Zahlen herausgesucht, die zu ihrer Argumentation passen. Die Zahlen, die nicht so gut passen, Weiterlesen

Prellerhaus (1)

Innerhalb von zwanzig Stunden zwanzig Jahre jünger werden. Das könnte ein Versprechen der Vermieter der Ateliers im Prellerhaus sein. Nach dem Auszug sofort wieder zwanzig Jahre altern freilich aber auch. Aber freilich auch die Garantie, auch am heißesten Tag zu frösteln, in der wärmsten Nacht zu frieren, jeden Schritt zu hören, keine Schlüsselumdrehung zu verpassen, das Duschen des Ateliernachbarn freilich auch nicht, seinen Toilettengang auch nicht. Das liest sich nicht gerade wie das großartigste Hotelzimmer der Welt, eher wie Gefängnis.

In Berlin steht ein Gefängnis. Auch, natürlich, erinnere jedoch just eines recht genau. Den übergroßen Flachbildfernseher auf dem viel zu kleinen Schreibtisch. Weiß natürlich, der Fernseher. Die Wände beige, die Möbel mit Buchenlaminat, Sessel auch mit grünen Polstern, blauer Teppich, Gardine mit buntem Blumenmuster. Spiegel an nahezu jeder Wand – lassen den Raum normalerweise größer wirken – bewirken hier einen Farbensturm, der auf den Gast – Insassen womöglich – eindrängt. Der reagiert mit einem Fluchtreflex, auch üblich in Gefängnissen, Hotelzimmern natürlich auch. Flieht weit weg, wenn ihm möglich anderthalb Stunden Zugfahrt, so dass er Dessau erreicht. Quasi in Sicherheit vor gruseligen Gefängnissen, Hotelzimmern. Aber ja nur auch.

Erreicht in Dessau Bauten eines Menschen, der gesagt haben soll: „Meine Lieblingsfarbe ist bunt.“ Bunt sind seine Bauten auch, dort, wo es sinnvoll ist. Wo Walter Gropius einen Absatz, Decke, Träger, Wand betonen wollte. Oder betonen musste, damit sich kein lustiger Meister, Student stößt. Damit kein lustiger Meister, Student die Tür verfehlt, sind alle Außentüren rot. Alle Innentüren glänzend weiß, erhellen dunkle Korridore. Im Prellerbau Weiterlesen

galoppierende Teutonisierung

Zürich verfilzt zusehends. Freilich tragen Zürcher keine verfilzten Kleider, die Straßen und Trottoirs werden auch nicht mit Filz ausgekleidet. Auch nicht mit deutschem Filz, obgleich der ja sogar günstig zu haben wäre. Bei der Genossenschaft, in der Großpackung. Die verkauft auch Steckdosenadapter. Freilich nicht in der Großpackung, so viele Ausländer leben dann auch nicht in Zürich. Aber ja zum günstigen Preis. Überall auch. Der Schweizer, Ruander auch, müsste in Konstanz zu einem Reisestecker greifen, wollte er seine Kaffeemaschine, überlebensnotwendigen Sandwichtoaster, an gruselige deutsche Steckdosen anschließen. Müsste freilich dafür tief in die Tasche greifen. Im Gegensatz zum deutschen Bewohner Zürichs.

Bewohner des schönen Zürcher Kreises eins freilich auch, im wunderschönen Rathausquartier ja auch. Dort ist jeder dritte Einwohner Nicht-Schweizer, jeder dritte Nicht-Schweizer Deutscher. Jeder zehnte Einwohner ist Deutscher, um die Verwirrung komplett zu machen. In der Stadt Zürich ist der Anteil der Deutschen kleiner, vermutlich jeder dreizehnte. Allerdings werden im schönen Kreis eins ja nun auch nicht so viele Wohnungen gebaut, im Rathausquartier freilich auch nicht. Seit über zehn Jahren schon nicht mehr, weder noch. Schade, freilich. So sind mit den lustigen Leerwohnungsziffern von null Komma null fünf, null Komma null neun netterweise im Rathausquartier natürlich die Chancen auf eine Wohnung im Kreis eins, Rathausquartier auch, eher gering. Die Leerwohnungsziffern sind dann natürlich auch nicht so richtig lustig, es sei denn, man wohnt im Kreis eins, oder auch im Rathausquartier. Weiterlesen

Gefahrensignal

Sollte zurzeit noch jemand nach einem Plagiat suchen, über das noch niemand aufgeregt hat, bin über eins gestolpert: Rüsselsheimer Autobauer haben den Markennamen für ihre Mittelklasselimousine schamlos beim Ittinger Bundesamt für Strassen abgekupfert. Ohne Fußnote selbstverständlich. Würde freilich auch den Treibstoffverbrauch immens steigern, müsste jeder Astra mit einer hochgestellten eins herumfahren. Dachspoiler quasi. Still und heimlich geklaut. Dem Urheber fällt das womöglich noch nicht einmal gleich auf, weiß ja auch das Bundesamt für Strassen nicht ganz so genau, warum es sich nun ausgerechnet „Astra“ abkürzt. Schreibt es jedenfalls nicht. Womöglich wegen des Bieres.
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Schusswaffensuizide

Einigen Wörtern täten Bindestriche gut. Schusswaffensuizide ist eins davon. Freilich müssen wir nicht um suizidgefährdete Schusswaffen fürchten. Schweizer ausnahmsweise auch nicht, obwohl ein Zürcher Wissenschaftler offenbar auch Schusswaffensuizide erforscht. Auch, wohlgemerkt. Erforscht im Hauptberuf vermutlich eher Suizide mit Schusswaffen. Wiederum auch, womöglich. Weiß aber viel über Schusswaffensuizide, Suizide mit Schusswaffen auch, berichtet etwa, dass fast jeder dritte Suizid von Männern mithilfe einer Schusswaffe geschieht, sich aber nur jede dreißigste Frau mit einer Schusswaffe das Leben nimmt. Kennt selbstredend auch die Erklärung für den Geschlechterunterschied: Männer kennen sich eher mit Waffen aus, Frauen im Apothekerschrank. Das sind natürlich sehr gruselige Einsichten, mal ohne auch und oder. Will allerdings auch hoffen, dass Männer Schusswaffen nicht mit Medikamenten laden, Frauen keine Schusswaffen im Apothekerschrank deponieren, Männer sie den Frauen womöglich dort verstecken, garstiger Weise. Dann wären vermutlich auch neue Erklärungen des Zürcher Suizidforschers gefragt. Freilich kennt er ja aber auch noch mehr Fakten, gesammelt von seinen Kollegen in Australien zum Beispiel: Weiterlesen

Jugendbarometer

Bin ja auch froh, das noch erleben zu dürfen: eine Premiere. Mit viel Tam-Tam und großen Namen. Der zweitgrößten Bank der Schweiz zum Beispiel. Die gab Geld für die Premiere. Viel offenbar, hat ja aber auch viel. Nicht nur offenbar, ganz sicher. Die Premierenveranstalter waren sich dann auch ganz sicher, was sie mit dem ganz vielen Geld machen. Zum Beispiel Freunde aus Brasilien, Nordamerika einladen. Die passen ja ganz gut an einer Schweizer Premiere. Des ersten Schweizer Jugendbarometers. Schweiz interessiert sich erstmals für die Jugend. Mangelte womöglich bisher am Geld.

Das Barometer zeigt für die Jugendlichen keinen Geldmangel an. Den höchsten Ausschlag zeigt es beim Umgang mit Ausländern. „Ausländer, Integration, Rassismus und Asylfragen gehören zu den grössten Sorgen der Schweizer Jugend.“ Diese Feststellung gilt für fast zwei Drittel der Jugendlichen. Grusel. Für mehr als zwei Drittel gilt auch: Fernsehserien schauen, Musik herunterladen, Öffentlicher Verkehr, Sport, modische und günstige Kleidung, sich selbst sein und sich nicht verstellen, Ferien im Ausland, E-Mail, italienische Speisen, SMS bewegen die Jugendlichen, sind angesagt. Italienische Speisen bewegen fast neun von zehn Jugendlichen, sind angesagt. Italienische Speisen. Dabei gibt’s so leckeres Cordon Bleu.
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Interreligiöse Kerze

Das Geschenkideen-Magazin der Gewerbevereinigung des Zürcher Hauptbahnhofs ist freilich für Anfänger. Ideenlose. Verspricht zwar „schöne, originelle, witzige und exklusive Geschenkideen“, nennt im gleichen Schriftzug aber auch schwarze Zahnseide, Trüffelöl. Das ist natürlich gruselig. Ganz gruselig ist allerdings die Interreligiöse Kerze aus der Bahnhofkirche auf Seite sechs. Zuerst brennt der Hinduismus, dann der Buddhismus, dann das Judentum, dann das Christentum, schließlich der Islam ab. „Alle fünf grossen Weltreligionen sind mit ihren Symbolen auf dieser Kerze vereint.“ Brennen vereint, langsam, nacheinander ab. Symbolisch, selbstverständlich nur. Da hilft auch das erklärende Textblatt kaum. Die Symbole der fünf Weltreligionen über dem Altar mit den Heiligen Schriften in verschiedenen Sprachen und dem bereitliegenden Gebetsteppich in der Bahnhofkirche immerhin etwas. Die Kerze macht trotzdem sprachlos. Weit weniger schlimm, Weiterlesen