Jugendbarometer

Bin ja auch froh, das noch erleben zu dürfen: eine Premiere. Mit viel Tam-Tam und großen Namen. Der zweitgrößten Bank der Schweiz zum Beispiel. Die gab Geld für die Premiere. Viel offenbar, hat ja aber auch viel. Nicht nur offenbar, ganz sicher. Die Premierenveranstalter waren sich dann auch ganz sicher, was sie mit dem ganz vielen Geld machen. Zum Beispiel Freunde aus Brasilien, Nordamerika einladen. Die passen ja ganz gut an einer Schweizer Premiere. Des ersten Schweizer Jugendbarometers. Schweiz interessiert sich erstmals für die Jugend. Mangelte womöglich bisher am Geld.

Das Barometer zeigt für die Jugendlichen keinen Geldmangel an. Den höchsten Ausschlag zeigt es beim Umgang mit Ausländern. „Ausländer, Integration, Rassismus und Asylfragen gehören zu den grössten Sorgen der Schweizer Jugend.“ Diese Feststellung gilt für fast zwei Drittel der Jugendlichen. Grusel. Für mehr als zwei Drittel gilt auch: Fernsehserien schauen, Musik herunterladen, Öffentlicher Verkehr, Sport, modische und günstige Kleidung, sich selbst sein und sich nicht verstellen, Ferien im Ausland, E-Mail, italienische Speisen, SMS bewegen die Jugendlichen, sind angesagt. Italienische Speisen bewegen fast neun von zehn Jugendlichen, sind angesagt. Italienische Speisen. Dabei gibt’s so leckeres Cordon Bleu.
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Geburtstag (3)

Von: oderauch
An: stefan.zweig@stefanzweig.com.br
Gesendet: So 28.11.2010 21:21
Betreff: Herzliche Glückwünsche

Verehrter Herr Zweig,
herzliche Glückwünsche zu Ihrem hundertneunundzwanzigsten Geburtstag. Wie vermutlich Millionen Leser auf der ganzen Welt wünsche auch ich mir heute, Sie hätten uns noch mit vielen weiteren Werken beschenkt. So dürfen wir uns trotzdem glücklich schätzen, schon in der Schule die „Schachnovelle„, womöglich die historischen Miniaturen zu den „Sternstunden der Menschheit“ und die grandiose Novelle „Angst“ gelesen zu haben.

Sie war meine erste Bekanntschaft mit Ihnen, allerdings nicht in der Schule, sondern erst viele Jahre später. Viel zu viele. Ich bekam sie als Buchtipp geschenkt. Welch großes Geschenk dieser Tipp wurde, konnte ich damals noch nicht ermessen. Spätestens nach „Der Stern über dem Walde“ wusste ich es aber. Danke dafür tatsächlich.
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deutscher Filz (2)

Die Dollars in den Augen blinken würden mir bei einer solchen Anfrage: Unvermittelt landet eine E-Mail im Postfach, in der jemand schreibt, er besäße Stühle von einem renommierten nordamerikanischen Möbelproduzenten, für die er sechszehn Gleiter bräuchte. Auch, vermutlich, dächte ich. Vielleicht auch noch zwei Stühle mehr, vier, sechszehn Gleiter. Oder auch andere schöne Möbel, Sessel, Tische. Also flink die Antwort geschrieben, da winkt das Geschäft. Der Arm wurde lahm. Vier Stunden, fünf, winken. Dann ein Anruf: Ob wir Gleiter führen? Sie haben noch keine Antwort bekommen? Habe die E-Mail weitergeschickt. Die Antwort ist: Wir haben sie nicht an Lager und erwarten eine Antwort des Produzenten, wie schnell er liefern kann und was sie kosten.

Bin freilich extrem beeindruckt. Da winkt das Geschäft beidarmig, quasi. Aber wer nicht will, der hat offenbar schon. Weiterlesen

Zitat (30)

Freilich lese ich noch, will auch niemandem vorenthalten, welches schöne Buch. Mir wurde neulich unterstellt, ist lese ein Gebetbuch. Gebunden, schwarz. Lese freilich kein Gebetbuch, bete auch nicht zu dem Buch. Trage es trotzdem gern mit mir herum, mag es auch aussehen wie ein Gebetbuch. Sieht nur so aus wie eins, ist ein schönes Buch aus der Süddeutschen Bibliothek, ohne Schmuckumschlag. Schön dick aber, hatte es schon einmal halb gelesen. Nun ganz, die andere Hälfte fehlt mir sehr. Zerriss freilich kein schönes Buch, verlieh es nur. Verleihen ist offenbar eine Vorstufe des Zerreißens. Wenn dem so ist, verleihe ich nie wieder ein Buch. Pech für alle, die das auf schönem Papier lesen möchten:

Und wie in der antiken Tragödie die Chöre in Strophe und Gegenstrophe sich zur Rechten und Linken des von seinem Gewissen bedrängten Menschen, so erheben sich nun Stimmen von außen und von innen, die einen zur Härte mahnen, die andern zur Nachsicht.
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Selbstdiagnose

Das Berner Bundesamt für Gesundheit weiß offenbar gruselige Dinge über die Mitbürger. Lese ich, oder auch nicht. Denn in der Pendlerzeitung stand’s am Morgen, am Abend schon nicht mehr auf der Zeitungsseite. Die Seite des Bundesamts für Gesundheit weiß auch von nix, die Seite der Universität Freiburg auch nicht. Der Besitzer einer Telefonnummer und einer E-Mail-Adresse möglicherweise. Er weiß aber auch mehr über psychische Störungen, schrieb er doch ein Standardwerk. Aus Bern. Eins davon stand in Jena, drei in Aachen, keins daheim. Nur Kopien. Für zehn Pfennig pro Doppelseite, verkleinert. Danke für die ein oder andere gute Erklärung von Störungsbildern, Herr Professor Meinrad Perrez. Auch Angst. Angst hat heute der gute Herr Perrez vor dem Telefonklingeln, vermutlich. E-Mails auch, von Angstpatienten, eventuell. Auch sehr gruselig. Nicht die E-Mails, die Anrufe. Die Selbstdiagnose.
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Touristeninformation

Da hat offenbar wer ganze Arbeit geleistet. Frei nach dem Satz „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. Von Winston Churchill. Oder Joseph Goebbels. Ganz gruselig ja auch. Der Satz freilich nicht, wer auch immer ihn sagte. Der ist vermutlich sogar wahr. Wahr ist jedenfalls, dass Wien schon wieder vor Zürich rangiert. Diesmal nicht bei der angeblichen Lebensqualität, sondern der angeblichen Touristeninformation.

Touristeninformation1Die Touristeninformationen von Wien, Zürich und neun weiteren europäische Großstädten wurden um Auskünfte gebeten. Freundlich, vermutlich, aber auf Englisch. Vorgebliche Touristen baten per E-Mail um Informationen über zum Beispiel einen Besuch mit Hund oder den Versand von Prospektmaterial. Dann zogen die vorgeblichen Touristen die Stoppuhr aus der Hosentasche und maßen die Reaktionszeiten. Fanden in ihrer Hosentasche auch noch ein Maß für Qualität der Antworten und des Prospektmaterials – rein objektiv, freilich. Das funktionierte beeindruckend gut, quasi. Weiterlesen

S-Bahnhopping

s-bahnhoppingDas geht freilich in Zürich gar nicht. Denn hier gibt’s keine Laserkette. Die annonciert, in der S-Bahn. Wie in München, den Augenlaser. Angst, noch immer, etwas. Die annoncieren noch immer, in München. Heute in U-Bahn-Schächten, an Rolltreppenwänden, in S-Bahnwagons. Wie vor einem Jahr. Abends um kurz vor zehn stieg ich in die Tram 25. Die Tram wohlgemerkt. Hochdeutsch in München. Am Rosenheimer Platz begann das S-Bahnhopping. Weiterlesen

Spiegelgasse

Briefträger haben es auch nicht leicht. Hatten es früher noch schwerer. Als noch keine E-Mails verschickt wurden. Stattdessen Postkarten. Briefe auch, gewichtige. Quetscht heute gewichtige Worte durch Unterseekabel. Leichte auch. Das erste Kabel zwischen Irland und Neufundland lag schon 50 Jahre. 1916. Als der Briefträger in der Zürcher Spiegelgasse zwei Briefe austrug.

spiegelgasse1Er erklomm den Berg, um zur Hausnummer eins zu gelangen. Die Meierei im ersten Stock war noch geschlossen, die Brauereirechnung fiel durch den Briefschlitz auf die Dielen. Hochdeutsch und lang diskutierten am Abend die Gäste. Darunter Emmy Hennings und Hugo Ball, über die Werke Arps, Mackes und Picassos‘ an den Wänden. Der Meierei. Die öffnete jeden Tag später. Seitdem Hennings und Ball das Cabaret Voltaire eröffnet hatten und der Dadaismus geboren war. Am 5. Februar 1916 in der Zürcher Spiegelgasse eins.
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Ex-Krieg

Dreißigjähriger Krieg, dreißigjährige Kriegerin müsste es heißen. Heute Ex. Krieg. Trotzdem grusel. Wegen dem Krieg, nicht dem Menschen, will mal nett sein. Ausnahmsweise. Nur. Willkommen junger Ross. Bekam nur eine Carbon Copy – schöner: Kohlepapierdurchschlag –, dafür gilt die E-Mail-Regel nicht. Typisch: zu doof. Zehn Tage zu spät endlich Glückswünsche.

ex-kriegAm Abend wieder eine Station zu weit gefahren, mit dem Tram. Zum See, der bringt ja Glück, den Rossen auch. Ausflugsdampfer und Butterkutter liegen seit Wochen fest vertäut. Für die Weinmesse. Kein Schiff schlägt Wellen. Seit Wochen. Sanfte Wellen gingen im Schein der lichterkettenbehangenen Boote.

Ex-Monopolist

Ist einer von denen, die keine ausländischen Adressen in ihre Datenbank eintragen können. Vollpfosten. Bank, Versicherung aus Aachen und München gehören auch dazu. Bekomme Sammelpost mit handgeschriebener Adresse, immerhin. Oder – grandios verspätet – Briefe aus der Regerstraße und Rautistrasse. Kaum ein Internetformular akzeptiert eine eigenständige Adressänderung. Ausgegrautes D, fest verdrahtete Ländervorwahl, fünfstellige Postleitzahl. Fehlermeldung beim Mobilfunkprovider. 08001 ist freilich fünfstellig, auch. Zürich aber keine Stadt unter dieser Postleitzahl. Klar nicht. Mann. E-Mail-Adresse vergeblich gesucht im geschlossenen Mitgliederbereich. Beim allmonatlichen Rechnungsabruf. Sparen Porto, Papier und mehr Schererei wegen der Adressänderung.
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Revanche (1)

Bei der Zügelitruppe. Hätte schon die zweite sein sollen. Der Redaktor kam zu spät aus Pest. Entschuldigung, bitte. Das Einzugspräsent kommt bestimmt, für den Mann in Orange. Gestern Abend keine echte Revanche, leider. Ein paar Regale, Sessel von einem Haus ins andere. Gezügelt, auf Schweizerdeutsch. Fast am Allerwertesten der Welt. Von dort aus konnte man ihn gut sehen, jedenfalls.

Doofer Spruch, auch. Kombination aus dem Wort meines Vaters und der Frage, wo Jena liege. Allerwertesten heißt freilich anders, aber das tippe ich nicht. Danke für die Alternative, Vater. Leider denke ich bei dem Wort nicht nur an meinen lieben Vater. Auch an E-Mail, tatsächlich. Grusel. Dazu gibt’s noch einen Spruch, den spare ich mir jetzt. Der handelt von Grabsteinen. Nicht lustig, für den E-Mail-Schreiber. Lieber die Geschichte von der Frage nach der Lage Jenas. Der Bootsmann fragte, im Spaß, freilich. Mein ganzer Stolz: der ZVS-Bescheid. Dort stand Jena. Wo liegt denn Jena? Nicht ganz am Allerwertesten der Welt, aber man kann ihn von dort gut sehen. Jedesmal wieder ein Lacher. Der Spruch des Bootsmanns vom Zerstörer. Keiner kannte Jena. Dort ist es schön, auch. Und warm. Bei Freunden.

Zügeln für Anfänger war gestern. Freiwillig vom Flughafen nach Zürich. Das wäre mir in München nie passiert. Stadelhofen ist nah, damit der Flughafen auch. Doch selbst 18 Minuten sind lang. Hatte den Zweig vergessen.

Spiegel

Die hatte neulich Geburtstag. Grüße per E-Mail, trotzdem Glückwunsch. Gestern ging kein Wind, die Limmat morgens und abends spiegelglatt. Jeden Tag reif fürs Touristenfoto, der Blick aus dem Tramwagonfenster. Auf der Bahnhofbrücke, St. Peter und Fraumünster thronen über den Dächern des Lindenhofquartiers. Ihre Türme spiegeln sich im Wasser, auf St. Peters Uhr liest selbst der Einäugige die Stunde ab. Ist Europas größtes Ziffernblatt, fast neun Meter. Nett auch so. Könnte farbig sein, wie die Chromachron, auch aus der Schweiz. Die ist schon hier, im Schrank. Nicht wegen der Nahtlosbräune.

In Hurghada war sie nicht, auch nicht wegen der Nahtlosbräune. Angst. Fotos habe ich dort nur vom Schrott gemacht. Auf der Terrasse des Nichtraucherhauses sieht’s ganz ähnlich aus. Spiegelblick in die Vergangenheit. Heute auch noch auflandiger Wind, Himmel blau. Die Stimmung ist hier besser, frühstücken mit den Russen. Grusel, aber nur in Hurghada. Hotelzimmer gehen gar nicht, beneide keinen, der hier dort wohnen muss. Bald. Platz zum Schlafen auf Riemenböden. Hinter dicken Mauern, warmen. Ganz nah am Wasser. Gebaut. Noch steht das Gerüst.