Zitat (29)

Die Tramtüren springen auf. Fahrgäste hinaus, mit einem Satz über die drei Stufen, manche. Vorbei am dick verpackten Taschenträger, der jede Stufe einzeln erklimmt, die behandschuhte Hand am Geländer. Der oben einen Platz fernab der Türen sucht und findet, sich platziert, die Tasche auf dem Schoß. Ledertasche, kalte. Birgt ein Buch, Lesen bedeutete aber Exposition der Kälte. Der Leser liest nur im Warmen, das ist eine echte Krankheit. Liest sonst auch im Dunklen, im Regen, bei Wind. Liest seit einem Monat:

Aber gäll, hochmüetig und gyzig wey mr nie werde, zum Krüzer luege und i dr Liebi blybe und nie vrgesse, für e Vater z’bete alli Tag, und nie vrgesse, woher alles chunt und wem mr alles z’vrdanke hey?

Nicht nur, aber ja auch. Schweizerdeutsch, Berndeutsch, schreibt Pfarrer Albert Bitzius. Besser bekannt unter dem Namen des Protagonisten seines Erstlingswerks „Der Bauernspiegel“. Jeremias Gotthelf. Von dem der Literaturhistoriker Walter Muschg neunzehnhundertsiebenundfünfzig schrieb: „der größte, sondern der einzige Erzähler ersten Ranges in der deutschen Literatur, der einzige, der sich mit Dickens, Balzac oder Dostojewskij vergleichen läßt“. Aber ja auch: „es scheint ausgeschlossen, daß er jemals in die Weltliteratur eingehen wird. Nicht nur deshalb, weil nur ein Schweizer die Fülle seiner barbarischen Sprache ermessen kann.“ Weiterlesen

Wollsocken

Psychologen sagen, Menschen verschenkten Geschenkgutscheine, weil es immer schwieriger sei, persönliche Geschenke zu machen. Etwa Wollsocken. Grund sei die vermehrte Individualisierung der Gesellschaft. Die ist ja ganz gruselig, auch. Gruselig auch, dass von jedem zweiten Franken, der für ein Geschenk ausgegeben wird, ein Gutschein gekauft wird. Achthundertmillionen Franken heuer. Für gruselige Gutscheine. Individuelle zumindest hoffentlich.

Oder auch Gutscheine für die SkyMall. Der Katalog steckte in der Sitztasche eines Flugzeugs, das von einer Transportmaschine hätte eskortiert werden müssen, wenn es einen Bordverkauf gegeben hätte. Zumindest hätte einen Anhänger ziehen müssen. Gab aber gar keinen Bordverkauf. Schade, hätte gern den Laserkamm begutachtet, mit medizinischer Haarwuchsgarantie. Die dreistufige Kleintiertreppe auch. Marshmallowbazooka. Klemmgeweihe für die Autofensterscheibe. Ausrollbare Klavier. Oder auch den CD-Schank im Tutanchamun-Sarkophag. Weiterlesen

Büste (1/3)

Pfeifen trillerten, hatte kaum einen Fuß in den Park gesetzt. Garten, Verzeihung. Jardin de Luxembourg, ist schon eher ein Park denn ein Garten. Des Palais de Luxembourg, passierte es im Westen, wollte doch in den Osten. Reiste von Osten aus an, mit der Metro, der Station Avenue Émil Zola. Der Lausanner Buchtipp „Die Muscheln von Monsieur Chabre“ ist von Émil Zola. Danke dafür auch. Danke freilich auch für die Einladung. Des Redaktors. Nach Paris. Der wurde geflogen, chauffiert, gegleist, vom Kapitän, Autofahrer, Metroschaffner. Auf seiner Reise in den Jadin de Luxembourg. Dorthin reiste freilich gar nicht der Redaktor, der Leser vielmehr.

Mit einem Buch in der Tasche, für eine Lesung. Stille. Auf einer Parkbank, Verzeihung, Gartenbank. Oder auch einem metallenen Stuhl, die Büste schaut über die Schulter. Kennt freilich den Text, nur zu gut, schrieb ihn ja selbst. Würde vermutlich lächeln, über die Schulter des Lesers. Über den Buchtipp auch. Danke dafür auch, tatsächlich. Oder auch über den Leser, der bei Minusgraden im Park, Verzeihung, Garten, ein Taschenbuch liest. Dabei besitzt er doch die schöne Erstausgabe. Daheim, auf schönen Riemenböden. Hinter grünen Fensterläden auch. Aber Weiterlesen

Zitat (28)

Draußen vor dem Haus bewegte sich ein Schatten. Ein Herbstwind sprang auf und legte sich wieder hin.

Schreibt Ray Bradbury in seinem Buch, das mit dem Vorwort beginnt: „Fahrenheit 451 (232 Grad Celsius): der Hitzegrad, bei dem Bücherpapier Feuer fängt und verbrennt“. Sehr gruselig, nur der Gedanke an brennende Bücher. Das Buch auch. Erschien neunzehnhundertfünfundfünfzig erstmals auf Deutsch. In Zürich. Fuhr von Zürich nach Rapperswil, um es zu kaufen. Zufällig. Dieses Buch. Wusste, dass ein anderes Buch in Rapperswil auf den Käufer aus Zürich wartet. Ich danke einem unbekannten Menschen dafür, dass er es vor dem Feuer rettete. Vor der Bücherverbrennung.

Elf Jahre nach der Erstausgabe. Die Erstausgabe ist stockfleckig, die Ränder bestoßen, der Deckel und der Rücken befleckt. Das bewog vermutlich den Buchhändler, die Erstausgabe zu verschenken. Quasi. Oder er amüsierte sich dermaßen über die verschiedenen Schäden, Weiterlesen

Geburtstag (2)

Hätte beinahe das Konto umgehend wieder gekündigt. Beim Internetantiquariatsverzeichnis. Das wies auf literarische Jubiläen hin, Geburtstage im November. Freilich großartig, dass André Gide den hundertvierzigsten Geburtstag gefeiert hätte, Eugène Ionesco den hundertsten, Michael Ende den achtzigsten, Hans Magnus Enzensberger ja auch. Auch wurde wieder einer vergessen, ignoriert. Wie bei den Literaturpreisverleihungen. Noblen auch. Mein einziger Glückwunsch geht an den netten Herrn Stefan Zweig.

Nachträglicher allerdings, am achtundzwanzigsten November wäre der nette Herr Zweig hundertachtundzwanzig Jahre alt geworden. Die anderen Herren hatten freilich heuer einen runden Geburtstag. Die kann man aber auch mal vergessen, ignorieren. Oder auch auf der faulen Haut liegen wie ich. Sah zu viel blinken, locken. Roch zu viel stinken, Weiterlesen

Zitat (27)

Aber ich existiere auch.
Auch. Du existierst auch, und ich habe dich mir auch ausgedacht. Auch ist ein gutes Wort, das man in Erinnerung behalten sollte. Du existierst auch nicht nur als du selbst.
Jetzt bestimmt nicht mehr.

Hätte nur dieses Buch früher lesen sollen, dann hätte ich vielleicht nicht achtzehn Jahre gezögert. Mit oder auch. Freilich vollkommener Quatsch, Weiterlesen

Fahrzeugfahndung

Winterthur ist freilich immer eine Reise wert. Insbesondere für einen Buchtipp von einem Winterthurer, wenn Winterthurer Buchhändler das Buch auch verkaufen. Mir. Der Buchtipp war Jeremias Gotthelfs „Meistererzählungen“, „Die schwarze Spinne“ vielmehr. Kostet in Winterthur allerdings doppelt so viele Franken wie Euros im schönen München. Wird ja aber auch von dem Kritiker „eine der größten Novellen in deutscher Sprache“ genannt. Las auch die größte, die gab’s nicht in Winterthur.

Fahrzeugfahndung1Dafür gibt’s Kurzparkzonen für Radfahrer in Winterthur. Reiste freilich nicht mit dem Rad nach Winterthur. Velo auf Schweizerdeutsch. Schlicht mit der Bahn, im schönen ersten Stock. Dort liest es sich ja gut, lange, auf der langen Reise nach Winterthur. Veloreisende müssen sich ja eilen, haben sie ihr Velo am Bahnhofplatz an der Ecke Turner-Strasse parkiert. Dort wird das Velo nach dreißig Minuten durch große Lupen beäugt. Freilich von den Männern mit den großen Lupen. An der Stadthausstrasse ja erst nach zwei Tagen. Weiterlesen

Uppsala

Glaube nicht an Zufälle, irgendwie tatsächlich. Las in der Zeitung von Uppsala. Dachte Uppsala. Es gibt keine Zufälle, Glück aber schon. Zum Glück. Tatsächlichirgendwie.

Der Dom in UppsalaIn Uppsala tagte die Synode der Schwedischen Kirche. Unternahm einmal einen Ausflug nach Schweden. Fuhr freilich nie nach Uppsala, Schweden. Fuhr aber auch nie nach Tirol. Bin reich, trotzdem schon beide Orte bereist zu haben. Ging barfuß über weiches grünes Moos, beschuht über hellbraune staubige Feldwege. Blickte zum immerblauen Himmel auf, die Sonne stach ins Auge. Sie lachte einerorts, andernorts höhnte sie unbarmherzig, auf mich hernieder. Auf Wege auch, die bitte nie enden. Schöne moosige, entlang des spiegelglatten Sees, in dem Schilf wächst, getränkt. Im See, in dem die Sonne ihr Lachen probierte, Weiterlesen

Kamin

Gibt schon auch ulkige Wettbewerbe: Alljährlich werden die besten Wissenschaftler, Schriftsteller, friedliebendsten Persönlichkeiten gekürt. Objekte auch, neuerdings. Keine wissenschaftlichen, schriftstellerischen oder friedliebenden, freilich. Schlicht Objekte. Der Gewinner kriegt einen tollen Titel: Das schönste Objekt der Welt.

KaminKein Buch. Freilich enttäuschend. Sehr. Ein gebundenes hätte es ja auch verdient gehabt. Lieber freilich ein schönes Taschenbuch. Irgendeins. Nicht so ein dusseliger freihängender Kamin. Aber der ist das schönste Objekt der Welt. Wartete vierzig Jahre auf diese Würdigung, drehte sich vor Freude vermutlich einmal um sich selbst. Oder schlug Funken. Spendete seinem Besitzer hoffentlich wenigstens Wärme, beim Lesen eines Buches. Würde sich damit die Würdigung zumindest etwas verdienen. Vollkommen Weiterlesen

Dämmerungseinbrüche

Daemmerungseinbrueche1Schaffe es gar nicht mehr zum Lesen an den See, wegen der Dämmerungseinbrüche. Da will ich die Kampagne unbedingt unterstützen. Die Kampagne, Dämmerungseinbrüche zu verhindern. Sind freilich gruselig, die Dämmerungseinbrüche, viel zu früh ja auch. Vor der Umstellung der Uhren auf die Winterzeit nehmen Dämmerungseinbrüche zu, berichten die Männer mit den großen Lupen aus ihrer Erfahrung der vergangenen Jahre. Beobachteten durch die großen Lupen die flächendeckende Verbreitung von Dämmerungseinbrüchen. Machen nicht an der Kantonsgrenze halt, die Dämmerungseinbrüche. Deshalb wollen auch die Männer mit den großen Lupen im Kanton Zürich mit ihren Kollegen im Kanton Schwyz die Dämmerungseinbrüche verhindern. Haben sich schreiende Botschaften auf ihre Autos geklebt: Verdacht – Ruf an! Patrouillieren bis Ende Januar durch die Quartiere. Mit großen Lupen in der Tasche, freilich, Weiterlesen

Zitat (26)

Wenn man allein ist, wenn man allein lebt und noch dazu im Ausland, dann achtet man übermäßig auf den Abfalleimer, denn er kann das einzige sein, mit dem man eine konstante Beziehung oder, mehr noch, eine kontinuierliche Beziehung unterhält. Jede neue, glänzende, glatte, frisch eingeweihte schwarze Plastiktüte erzeugt das Gefühl unendlicher Möglichkeiten.

Beobachtet Javier Marías in „Alle Seelen“. Wie sein Protagonist war er selbst in Oxford, beobachtete das dort vermutlich auch. Freilich eine lustige Beobachtung. Weiterlesen

Das Rote Buch

Das Rote Buch1Ab heute gibt’s ein neues Buch. Zu lesen, anzuschauen, auch. Ein Buch, auf das die Welt fast fünfzig Jahre warten musste. Ein Buch bedeutet auch Renommee, bei diesem hatte jemand Angst, es zu verlieren. Ließ die Menschen warten, Freunde auch, Psychologen auch. Hab’s freilich nicht vermisst im Studium, Freud hat genügt. Hätte auch eine Übersetzung gebraucht, einen Kurs in Traumdeutung auch. Jena hätte auch Geld gebraucht, um es zu kaufen. Dreihundertfünfzig, damals Deutsche Mark. Viel billiger war „Das kleine rote Buch“, aber ja auch ganz gruselig. Heute auch noch viel billiger, für den Kindle sogar gratis. Nur ja das Überspielen nicht, lese ich, kostet einen Dollar. Wird freilich aufgerundet, großzügig, vermutlich. Vielleicht lohnt doch ein Blick in „Das kleine rote Buch“, auch.
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