Mehrzweckleuchte

Tausendeinhunderteinundachtzig Mehrzweckleuchten gibt es. Grob geschätzt, freilich. Eventuell auch zwei mehr, seit Ende April. Damals gab es aber sicher tausendeinhunderteinundachtzig. Einige hängen an einem Nagel an der Wand, in der guten Stube neben dem Lesesessel. Zahlen kann ich nur schätzen. Hundertzwanzig. Achtundneunzig, circa, freilich, hängen über dem Klavier. Hundertdrei stehen auf dem Klavier, werfen Licht auf flinke Finger, die über Tasten jubilieren, im Schein der Mehrzwecklampe. Die bleibt standfest, auch wenn der Pianist zu tief in die Tasten greift. Nicht freilich, wenn er dabei noch zu tief ins Glas guckt und die hunderterste Mehrzweckleuchte vom Klavier schubst, weil sie ihn anstrahlt. Strahlen können sie alle ganz gut, auch als Wandleuchte. Im Flur, neben dem Spiegel, hängen sicher auch siebenundfünfzig. Eitle haben die Wahl, ihr Antlitz im Spiegel zu betrachten oder Weiterlesen

Vorfreude (2)

Begann vor anderthalb Wochen. Mit der der Einladung. Nach Bern. Ins Bundeshaus. Im Seiteneingang steht eine Sitzgruppe. Aus sechs Stühlen, lederbezogenen, aus Flachstahl. Drängen sich um einen runden Beistelltisch, mit Glasplatte, aus Rundstahl. Flachstahl und Rundstahl passen freilich gar nicht, da hatte der Einrichtungsberater andere gute Argumente. Die Möbel sind den höchsten Gästen angemessen. Die Möbel sind vom gleichen Hersteller. Die Möbel sind vom gleichen Designer. Die Möbel sind aus der gleichen Epoche. Die Möbel zeichnete alle das MoMA aus. Die Möbel stehen auch in Brünn im gleichen Haus zusammen, der Villa Tugendhat. Solche Argumente zum Beispiel. Oder auch: Die Möbel sind alle ganz schön teuer. Das Argument überzeugte vermutlich. Fand kein Argument fürs Probesitzen. Hätte aber auch keine Ruhe gehabt, dafür war die Vorfreude viel zu groß. Freilich nicht auf die Einladung. Die Rückreise aber. Den Gang ins Bahnhofsuntergeschoss auch, den Einkauf beim Bäcker. Den Spaziergang aufs Gleis, das Einsteigen in den Zug, treppauf ins Obergeschoss. Den Sitzplatz am Fenster. Den Griff in die Tasche. Das Legen der Tüte auf den Tisch. Das Aufschlagen des Buchs, zwei Seiten lesen. Das Drehen am Rädchen für das Makroprogramm. Das Öffnen der Tüte. Für diesen Blick:
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Zitat (32)

Aber es genügte ihm vollkommen, daß er ging und daß er wußte, wohin er ging. Doch kaum war eine Minute verstrichen, und er wußte nicht mehr, wohin er ging; er empfand es überhaupt nicht, daß er sich weiterbewegte. An einen neuen Gedanken zu denken, ekelte ihn und wurde ihm ganz unmöglich. Mit qualvoll angestrengter Aufmerksamkeit begann er, alles zu betrachteten, was ihm in den Weg kam, oder er betrachtete den Himmel, die Newa. Ein kleines Kind, das ihm begegnete, redete er an. Vielleicht war es nur die epileptische Spannung, die immer größer in ihm wurde.
Das Gewitter schien in der Tat, wenn auch nur langsam, heraufzuziehen. In der Ferne begann es schon zu donnern. Es wurde sehr schwül…

Lese seit zwei Monaten an einem Buch. Am Buch liegt’s nicht, den zwei Monaten hauptsächlich. Hauptsächlich zu wenig Zeit zum Lesen. In Fjodor Michailowitsch Dostojewskis „Der Idiot„. Lese eine schöne Übersetzung, Weiterlesen

Quartett

Die Länge einer Lokomotive wird in Länge über Puffer gemessen. Lernte ich, als ich als Kind ein Lokomotivenquartett spielte. Erinnere aber nicht mehr die längste Lokomotive, die schnellste, die älteste. Auch nicht, wie viele der Lokomotiven aus dem Lokomotivenquartett mich längs und quer durch die Bundesrepublik zogen. Ziehen auch, den Zug von München nach Zürich ziehen Lokomotiven aus dem Lokomotivenquartett. Ziehen vermutlich noch die nächsten zwei Jahre, bis endlich die Strecke modernisiert ist. Für dreihundertfünfunddreißig Kilometer brauchen selbst Lokomotiven aus dem Lokomotivenquartett nicht unbedingt vier Stunden. Derzeit schon noch.

Kann sich die Zeit nicht einmal mit Quartettspielen vertreiben, denn der Quartettautomat am Zürcher Hauptbahnhof ist ja kaputt. Oder auch nicht, liest man das Schild richtig: doppelt defekt ist gleich intakt. Der Schildschreiber dachte sich vermutlich nur, doppelt hält besser. Auch, vermutlich.
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Zitat (31)

Sie schlief mit offenem Mund (sonst nicht ihre Art) und war sehr blaß, ihr Ohr wie aus Marmor, sie atmete in Zeitlupentempo, jedoch regelmäßig, sozusagen zufrieden, und einmal, während ich vor ihrem Bett stand, dreht sie den Kopf nach meiner Seite. Aber sie schlief.

Schön, dass ein Nebensatz aus dem Bericht ausbricht. Dem Berichtsstil auf den anderen mehr als zweihundert Seiten. Das Buch trägt den Untertitel „Ein Bericht“, erwartete nichts anderes als Berichtsstil. Freute mich über den Nebensatz, erinnerte diesmal sogar die Seitenzahl und musste nicht tagelang suchen. Im oberen Drittel der Seite hunderteinunddreißig. Zufrieden, sozusagen.

Max Frisch lässt seinen Protagonisten in „Homo Faber“ berichten. Schreibt ja einen ganz großartigen Bericht. Aber eben Bericht, wie es sich für einen Ingenieur gehört. Quasi. Auch Weiterlesen

Frühlingsboten

War gar nicht meine Idee, sah einen Herrn Jemand auf der Parkbank an der Rämistrasse sitzen, in der prallen Sonne. Die den Herren vermutlich netterweise wärmte. Wünschte mich an seine Stelle. Wünschte mich an meine Stelle, den Sitzplatz am See.

Die vergessene Mütze im Tram ließ die Frühlingsboten zu meiner Idee werden. Endlich ist die gruselige Kälte aus der Stadt, Trampassagiere ziehen die Mütze ab, vergessen, sie wieder aufzusetzen. Vermissen sie nicht, wärmt doch die Sonne. Freilich sind Frühlingsboten auch Knospen, Blumen. Ebenso abgedroschen wie eine Glühbirne. Platz eins der Hitliste der am meisten abgedroschenen Symbolfotos. Halte es eher mit Mützen, Seglerschuhen, wehenden Schals, Lächeln im Regen. Seglerschuhträger laufen auf dünner Gummisohle, Füße umfasst dünnes Leder, mit Schnürsenkel durchzogenen. Nasse, kalte Füsse bei Schnee garantiert. Erkältung garantiert, ist der schöne dicke Schal nicht doppelt gebunden, die Jacke bis oben geschlossen. Wenn der Regen, peitscht, sticht. Auch. Zugekniffene Augen, Münder. Weiterlesen

Todestag (1)

Gibt’s leider mehrere davon. Zu viele schon, viel zu viele. Achtundsechzig Jahre gibt es diesen Tag schon. Ganz gruseliger Tag für die Menschen. Uns besonders, die wir gerne Bücher lesen. Hörte vor zwei Jahr tatsächlich Schwämerei, über einen Stefan. Kannte ich sonst gar nicht aus dem Mund, über einen Stefan. Stefan auch, freilich. Mark schwärmt heute auch von einem Stefan, tippte den Namen vermutlich schon hundertmal in Suchfelder ein. Fand selten etwas Erbauliches. Über diesen Tag jedenfalls. Heute ist der achtundsechzigste Todestag von Stefan Zweig.

Trug existentialistisches Schwarz, wie der Kollege bemerkte. Wusste nicht, warum, verriet es auch nicht. Er hätte es auch nicht nachschauen können, die Internetenzyklopädie weist auf den neunzigsten Weiterlesen

Joggeli

Die passende Wurst gibt’s dazu freilich auch. Im Stadion aber nur, wäre natürlich auch doof, wenn Wurstbräter die Wurst auch außerhalb des Stadions verkaufen. Schmeckt aber nicht gut, fad, mit einer lieblosen halbtrockenen halben Brotscheibe serviert. Senf, selbstredend. Auch fad. Das Stadion ist ja aber auch unspektakulär, der Basler Sank-Jakobs-Park, kurz Joggeli. Auf Schweizerdeutsch, Entschuldigung, Baseldeutsch, sonst beleidige ich vermutlich alle Schweizer außerhalb von Basel, Baselland. Reiste erstmals ins guselige Basel. Angst, etwas, auch. Nicht wegen des Fußballs, auf den setzte ich die Hoffnung. Der Tabellenzweite gegen den Tabellenersten, macht Mut. Sah auch Fußball, aber hauptsächlich vom Weiterlesen

Zitat (30)

Freilich lese ich noch, will auch niemandem vorenthalten, welches schöne Buch. Mir wurde neulich unterstellt, ist lese ein Gebetbuch. Gebunden, schwarz. Lese freilich kein Gebetbuch, bete auch nicht zu dem Buch. Trage es trotzdem gern mit mir herum, mag es auch aussehen wie ein Gebetbuch. Sieht nur so aus wie eins, ist ein schönes Buch aus der Süddeutschen Bibliothek, ohne Schmuckumschlag. Schön dick aber, hatte es schon einmal halb gelesen. Nun ganz, die andere Hälfte fehlt mir sehr. Zerriss freilich kein schönes Buch, verlieh es nur. Verleihen ist offenbar eine Vorstufe des Zerreißens. Wenn dem so ist, verleihe ich nie wieder ein Buch. Pech für alle, die das auf schönem Papier lesen möchten:

Und wie in der antiken Tragödie die Chöre in Strophe und Gegenstrophe sich zur Rechten und Linken des von seinem Gewissen bedrängten Menschen, so erheben sich nun Stimmen von außen und von innen, die einen zur Härte mahnen, die andern zur Nachsicht.
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zügeln

Für viel Geld würde ich vielleicht zügeln. Sehr viel. Vielleicht. Nicht, eher. Hatte überlegt, ob ich vielleicht für sehr viel Platz zügele. Aber der fehlt ja nur im Winter im Zürcher Oberdorf. Im Sommer ist’s ein kurzer Spaziergang zum See, vom See. Sehr kurzer. Schöner auch. Am See ist schön viel Platz für einen Leser mit einem Buch. Im Winter haben ein Leser und ein Buch einen schönen Platz unter einer Leselampe. Kleinen Platz, das Oberdorf ist allerdings ja auch klein. Gut so. Schön, auch.

Fünftausendfünfhundert Menschen leben im Züricher Kreis eins. Freilich nicht nur im Oberdorf, das Niederdorf gehört auch dazu, Lindenhof, City, Hochschulen auch. Dort gibt es aber auch schon gruselige Weiterlesen

DVD (1)

Ein lange verliehenes Gut ist wie ein Geschenk, wenn ich es zurück bekomme. Es war aus der Erinnerung verschwunden, wusste es in treuen Händen, vermisste es nicht. Dann taucht es wieder auf, aus dem Nichts, erfreut mich erneut, ruft Erinnerungen wach. An die einzige DVD, die ich letzten Jahr sah. Am Nachmittag eines Herbsttages, im schattigen Wohnzimmer, verdunkelt von Jalousien. Freilich nicht in Zürich, in Koblenz. Habe ja schöne Fensterläden, grüne, gar keine Jalousien, auch gar keinen Fernseher, DVD-Spieler.

Die DVD enthielt die Verfilmung von Stefan Zweigs „Schachnovelle„. Dr. B. gespielt von Curd Jürgens, Mirko Czentovic von Mario Adorf. Curd Jürgens spielt großartig, windet sich im Wahn, in Angst. Die Vertrautheit mit dem Erzähler fehlt dem Dr. B. im Film, dabei kennt er den Erzähler. Der Erzähler spielt aber nur die Rolle des lächelnden Statisten, im Flur der Wohnung von Dr. B. hängt sein Portrait. Die Fragen des Erzählers stellt der Assistent von Mirko Czentovic. Mario Adorf spielt zu ausdrucksvoll, ist schlicht ein Charakter, nicht wie der charakterlose Mirko Czentovic im schönen Buch. Weiterlesen

Schulfach Glück

Ist offenbar doch nicht alles so schlecht, was aus dem großen Kanton im Norden kommt. Alles. Oder eben nicht. Die Idee, Glück im der Schule zu lehren, lernen auch, fanden drei grüne Aargauer Großräte, Verzeihung, Grossräte selbstverständlich, berücksichtigenswert für Aargauer Lehrpläne. Auch, vermutlich. Die drei Grossräte fordern nun in einem Vorstoss, dass Aargauer Schüler das Fach Glück wählen können. Kann man machen, muss man nicht. Die Deutschen werden in Glück unterrichtet, die Briten ja noch länger. Ob erfolgreich fragte bisher keiner, die Absolventen mit Glück als mündliches Prüfungsfach studieren vermutlich noch. Glücklich, sicherlich. Auch mit ihrer Abschlussnote, eine zwei in Glück. Oder auch eine fünf, Schweizer Schüler würden die wohl bevorzugen. Sechs auch. Ist nicht alles gut, was aus dem großen Kanton im Norden kommt. Schüler mit zu vielen Einsern und Zweiern, beispielsweise, rutschen in der Schweiz sicher ab auf vier, wenn nicht fünf. Auch in Glück, mit, auch.

Noch können die Schweizer Schüler, Aargauer auch nicht, Glück ja gar nicht belegen. Müssen Glück woanders suchen. Ohne Lehrer, Anleitung, Unterricht. Freilich schwierig. Allerdings wie komplett bescheuert Weiterlesen