Zitat (26)

Wenn man allein ist, wenn man allein lebt und noch dazu im Ausland, dann achtet man übermäßig auf den Abfalleimer, denn er kann das einzige sein, mit dem man eine konstante Beziehung oder, mehr noch, eine kontinuierliche Beziehung unterhält. Jede neue, glänzende, glatte, frisch eingeweihte schwarze Plastiktüte erzeugt das Gefühl unendlicher Möglichkeiten.

Beobachtet Javier Marías in „Alle Seelen“. Wie sein Protagonist war er selbst in Oxford, beobachtete das dort vermutlich auch. Freilich eine lustige Beobachtung. Weiterlesen

Minarettverbots-Initiative

Minarett1Zürich erlaubte heute das Aufhängen von Plakaten. Abstimmen müssen die Zürcher ja sowieso, ob nun mit Plakaten oder ohne. Gruselige Plakate, so gruselig, dass sie hier nicht gezeigt werden. Schon gruselig genug, dass jemand überhaupt über das Plakat schreibt. Darauf abgebildet ist eine liegende Schweizerfahne, die von unten von sieben schwarzen Minaretten durchstochen ist. Die Schweizerfahne – eine Schifffahrtsfahne genau genommen – wird halb verdeckt von der in eine Burka verhüllten Frau. Schwarze Burka, freilich. Symbolisiert die Unterdrückung der Frau im Islam, meinen die Minarettgegner. Auch. Die meinen ja auch, dass die Schweizer Ende November ihre Bundesverfassung um einen Satz ergänzen sollen: Der Bau von Minaretten ist verboten.
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Festwiese

Festwiese1Der Himmel hatte sich schick gemacht. Im blauen Kleid mit dezenten weißen Tupfern und einem gelben Punkt. Für die Million Münchner, Millionen Gäste Münchens ja auch. Die hatten sich freilich auch schick gemacht. Weiße Rüschen blaue Karos. Blauweiß gestreifter Hemdkragen. Für den Besuch auf der Festwiese. Die Millionen strömten aus allen Himmelsrichtungen. Blauen. Aus Hotelzimmern ja auch, die sind auch immer ganz gruselig. Acht Euro für den Blog, dreißig für dreißig. Oder auch null für null. Das neu eröffnete Hotel wirbt zurzeit mit günstigen Zimmerpreisen. Fünfundsechzig, nicht hundertfünfundfünfzig. Während der Wies’n.
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Achterbahn

Die kann ja auch das Leben sein. Aufwärts geht’s mit viel Schwung, oder auch mit den Rädern. Langsamen Rädern, die mühsam drehen, Widerstand überwinden, ruckeln. Den Fahrgast durchschütteln, ihm Respekt vor der Auffahrt abringen. Vor dem, was auf dem Gipfel folgt, auch. Wie im Leben, aufwärts geht’s langsam, mit großem Kräfteverschleiss, oder eben mit viel Schwung. Wie von selbst, wie auf der Achterbahn. Auf ihr geht’s nur schwungvoll aufwärts nach der Abfahrt, aus dem Kopfstand etwa. Oder auch der steilen Schussfahrt. Abwärts, nach der Auffahrt. Kann freilich nicht immer nur aufwärts gehen, auf der Achterbahn, dem Leben ja auch nicht. Auf den Gipfel verharren wäre zu schön, keine Kraft aufwänden, keine Talfahrt fürchten, kreischen, Augen weit geöffnet. Sich mit ausgestreckten Armen dem Gipfel entgegen recken. In Erinnerung an das Wohlbehagen, den schönen Ausblick über die Täler. Gleistäler, Täler des Lebens ja auch.
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Zitat (24)

Als sie nach Flemington kamen, hatte das Gewitter aufgehört. Die Sonne brach durch die sich auflösenden Wolken, und das nasse Land erglänzte in jäher, fast übernatürlicher Klarheit. Die Bäume hoben sich schärfer vom Himmel ab, und selbst ihre Schatten schienen tiefer in den Boden gegraben, als wären ihre dunklen, komplizierten Umrisse mit der Präzision von Skalpellen dort hineingeschnitzt worden.

Vertippte mich zwei Mal, bei schärfer und bei hineingeschnitzt. Schlimm genug, das abzutippen, aus Paul Austers „Die Musik des Zufalls“. Frage mich, warum er nicht für uns aufschreibt, was er sieht. Er sah mehr als die brechende Sonne, übernatürliche Schönheit, scharfe Bäume, Weiterlesen

Zitat (23)

Es lag Frühling in der Luft. Jene weißen, unruhigen Wolken flatterten am Himmel, die nur der Mai und der Juni hat, jene weißen, selbst noch jungen und flattrigen Gesellen, die spielend über die blaue Bahn rennen, um sich plötzlich hinter hohen Bergen zu verstecken, die sich umarmen und fliehen, sich bald wie Taschentücher zerknüllen, bald in Streifen zerfasern und schließlich im Schabernack den Bergen weiße Mützen aufsetzen. Unruhe war auch oben im Wind, der die mageren, noch vom Regen feuchten Bäume so unbändig schüttelte, daß sie leise in den Gelenken krachten und tausend Tropfen von sich wegsprühten.
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Züri-Sack

Zueri-SackAngst in Zürich. Vor gruseligen gefälschten Züri-Säcken. War die Schlagzeile der Tageszeitungen. Die Redaktoren schrieben über Schurken, die schon Mitte April aufgeflogen waren. Reisten ein in die Schweiz aus Österreich, wurden trotz Schengen kontrolliert. Die Grenzwächter inspizierten das Reisecar, Schweizerdeutsch für Automobil. Gruselig. Das Automobil transportierte auch acht Kartons mit Züri-Säcken. 1.800 Züri-Säcken. Die Reisenden gaben zu Protokoll, die Züri-Säcke für ihren Abfall gebrauchen zu wollen. Züri-Sack lebenslang, quasi. Freilich blöde Ausrede, die freilich ein Grenzwächter nicht glaubt. Die Grenzwächter glaubten auch nicht, dass die Reisenden unbedingt Züri-Säcke importieren müssen. Gibt ja genug Züri-Säcke in schönen Zürcher Läden. Die Zürcher Männer mit den großen Lupen suchten und fanden: Weiterlesen

Zack (4)

Zack41War dann ja auch wieder gut mit dem Weißwurstfrühstück. Ein Mal noch. Zack. In som Biergarten halt, meint der Digitale. Der Löwenbräukeller sei trotz ungemütlicher Umgebung irgendwie gemütlich und ausreichend prollig. Touristisch auch, allerdings mit einem großartigen Speisesaal. Mussten aber nicht drinnen essen, trinken auch nicht. Die Sonne ist ja der beliebteste Biergartenbesucher Münchens. Sie war auch im Löwenbräukeller, strahlte vom blauen Himmel. Wie in der Bierwerbung. Himmel der Bayern. Das Bayernmitglied begeisterte die knorrige, echt bayrische Servierdüse. „Sie ist gross“ [sic]. Begeisterte nicht so das Weißbier: „ist halt Franziskanerbschütti, aber geht“. Zack. Beim Nachbestellen, „zwa Waßbia“, deckt die Servierdüse dem Bayernmitglied den Mythos, dass es nach zwölf keine Weißwürste mehr gibt, schonungslos als Ammenmärchen auf. Bayerisches freilich, der bayerische süße Senf ist ja mit Meerrettich angemacht, leider unbezahlbar. Unverkäuflich, vielmehr, schade. Hätte der Neu-Zürcher in Zürich gern kredenzt.
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Brückenschlag

Brueckenschlag1Der ist ja ganz nett für mich. Schon ein paar Jahre her, 125 vermutlich demnächst. Eine Geburtstagseinladung empfing ich noch nicht, gratuliere aber auch so gern. Der Zürcher Quaibrücke beim Überqueren. Auf dem kurzen Weg zur gelbrotgrünblaulila im Luftzug stehenden Fahne über dem Bürkliplatzanleger, unweit der Bank am See. Er ist noch kalt, schleuderte Gischt auf Steine, das Ufer. Wellen brachen eine Stufe unter meinen Füßen. Während kein Boot einlief, ablegte, die Brise das Zipfelende der Fahne am Bürkliplatz stemmte.
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Beileid (1)

Beileid11Hätte auch von heute sein können, das Foto. Dachte vor einer Woche nur: mein Beileid. Müsst fort, wollt sicher nicht. Müsst aber eingezwängt sitzen. Saß vor einem Spiegel, der duftet. Duften ist ja schöner als riechen. Viel. Mag sogar Bügeln. Die Hose trocknet auf der Leine in der Abfallgasse – ehemaligen freilich. Dort weht ja Wind, geht ein Luftzug, zumindest. Er duftet auch. Wie der Spiegel. Beim Bügeln duftete die Hose. Wie der Spiegel. Den sehen die Eingezwängten auch, sehen Blau. Trotzdem mein Beileid.

Landschaft

Ist freilich nur ein Oberbegriff. Sind ja nichtssagend. Oder alles, bestenfalls. Landschaft zeigt dem Auge des Betrachters grüne Wiesen, Felder mit weidenden Kühen. Baumreihen und einen See, einen Fluß, Hügel und schneebedeckte Berge im Hintergrund. Oder auch Menschen mit Sonnenschirm, wandern auf dem Weg, der vorn das ganze Auge des Betrachters füllt, sich nach hinten verjüngt. Menschen wandern unter blauem Himmel, der Sonne entgegen, die von links oben niederbrennt. Auf verdorrte Felder neben dem Wegesrand. Dürre Halme haben kaum Halt in sandiger, hellbrauner Erde. Staub, zu matt zum Wirbeln. Fliegen rasten unter zusammengerollten Blättern, im dünnen Schatten. Links des Weges. Uferpromenade. Rechts das glatte Bett des Sees, zerfurcht, aufgeplatzt. Die Erde hielt die Spannung nicht aus. Nur im rechten Augenwinkel das Wasser, darin schlagen Kaulquappen heftig mit dem Schwanz, als wollten sie sich ihren Weg ins tiefere, kühlere Wasser freigraben. Über ihnen nur Blau. Keine Wolke spendet Schatten, den Kaulquappen, beschirmten Menschen, Halmen. Der Landschaft.

Zwei rote runde Lichter über den Schienen werden zu Stecknadeln, dann verschwindet die linke. Weiterlesen

Zitat (18)

Sterne wölbten sich über den Himmel; am Fuß der steilen gepflasterten Straße wartete der See.

zitat181Schreibt Robert Harris in „Vaterland“. Über den See, an dem ich das las. An zwei Tagen. Ganz gruselig. Hitler hat den Krieg gewonnen, der Kalte Krieg mit Amerika tobt. Kennedys Vater ist auf Versöhnung aus. Mit Hitler. Grusel. Der im Buch keinen schriftlichen Befehl zur Endlösung gab. Gruselig, das zu schreiben. Auf den Stufen zum See spielen jüdische Kinder mit den Schwänen. Schäme mich fast, das Buch vor mein Auge zu halten. Las zum Glück die deutsche Übersetzung. Weiterlesen