Kalbsgeschnetzeltes

Wenn jemand eine Reise tut, wird er freilich permanent an die Heimat erinnert. Erinnert ihn der Versicherungskonzern, freilich auch. Auch das gute Essen. Das Zürcher Kalbsgeschnetzelte. Das natürlich am besten in Zürich schmeckt. In der Zürcher Kronenhalle. Lustige Zürcher dürfen aber auch gern widersprechen. Wiener indes eher nicht, Koblenzer auch nicht. Starkoch Alfons Schuhbeck auch nicht, Unilever freilich auch nicht. Die wissen ja nicht einmal, wie Zürcher Kalbsgeschnetzeltes geschrieben wird. Wie Zürcher Kalbsgeschnetzeltes gekocht wird vermutlich auch nicht. Habe weder das Wiener, Koblenzer, Alfons Schuhbecks, Unilevers Zürcher Kalbsgeschnetzeltes probiert. Hatte große Angst vor dem i. Das Zürcher Kalbsgeschnetzeltes verdirbt. Heißt ja auch nicht Wienier, Koblenzier, Alfons Schuhbecki, Unileveri. Hochdeutsche würden womöglich unterstellen, das sei Schweizerdeutsch. Stimmt freilich gar nicht. Genau wie freilich nicht Schweizerdeutsch ist, Hochdeutsch freilich auch nicht. Freilich aber schade, ist freilich doch so ein schönes Wort. Zürcher Kalbsgeschnetzeltes freilich auch eine leckere Speise. Indes nicht mit i.
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Prellerhaus (1)

Innerhalb von zwanzig Stunden zwanzig Jahre jünger werden. Das könnte ein Versprechen der Vermieter der Ateliers im Prellerhaus sein. Nach dem Auszug sofort wieder zwanzig Jahre altern freilich aber auch. Aber freilich auch die Garantie, auch am heißesten Tag zu frösteln, in der wärmsten Nacht zu frieren, jeden Schritt zu hören, keine Schlüsselumdrehung zu verpassen, das Duschen des Ateliernachbarn freilich auch nicht, seinen Toilettengang auch nicht. Das liest sich nicht gerade wie das großartigste Hotelzimmer der Welt, eher wie Gefängnis.

In Berlin steht ein Gefängnis. Auch, natürlich, erinnere jedoch just eines recht genau. Den übergroßen Flachbildfernseher auf dem viel zu kleinen Schreibtisch. Weiß natürlich, der Fernseher. Die Wände beige, die Möbel mit Buchenlaminat, Sessel auch mit grünen Polstern, blauer Teppich, Gardine mit buntem Blumenmuster. Spiegel an nahezu jeder Wand – lassen den Raum normalerweise größer wirken – bewirken hier einen Farbensturm, der auf den Gast – Insassen womöglich – eindrängt. Der reagiert mit einem Fluchtreflex, auch üblich in Gefängnissen, Hotelzimmern natürlich auch. Flieht weit weg, wenn ihm möglich anderthalb Stunden Zugfahrt, so dass er Dessau erreicht. Quasi in Sicherheit vor gruseligen Gefängnissen, Hotelzimmern. Aber ja nur auch.

Erreicht in Dessau Bauten eines Menschen, der gesagt haben soll: „Meine Lieblingsfarbe ist bunt.“ Bunt sind seine Bauten auch, dort, wo es sinnvoll ist. Wo Walter Gropius einen Absatz, Decke, Träger, Wand betonen wollte. Oder betonen musste, damit sich kein lustiger Meister, Student stößt. Damit kein lustiger Meister, Student die Tür verfehlt, sind alle Außentüren rot. Alle Innentüren glänzend weiß, erhellen dunkle Korridore. Im Prellerbau Weiterlesen

Zitat (35)

Dieser Prozeß der Kondensierung und damit Dramatisierung wiederholt sich dann noch einmal, zweimal und dreimal bei den gedruckten Fahnen; es wird schließlich eine Art lustvoller Jagd, noch einen Satz oder auch nur noch ein Wort zu finden, dessen Fehlen die Präzision nicht vermindern und gleichzeitig das Tempo steigern könnte. Innerhalb meiner Arbeit ist mir die des Weglassens eigentlich die vergnüglichste.

Die Jagd am Schreibtisch. Beethovens mächtigem Schreibtisch. Mächtige Jagden, vermutlich auch. Hunderte Seiten Beute quasi, bei „Marie Antionette“. Bei „Maria Stuart“ auch, leider nicht mehr an Beethovens Schreibtisch. An englischen Schreibtischen, gemieteten, Jagdrevier London, Bath. Dort jagte Stefan Zweig auch durch „Die Welt von Gestern„, in der er uns Lesern sein Pläsier offenbart. Ein ganz großes Vergnügen, die Jagd. Auch. Heute auch noch an Schreibtischen, im Jagdrevier Computer. Weiterlesen

Leibwächter

Mag freilich keine Mehrbettzellen. Mehrbetthotelzimmer freilich auch nicht. Ein Bett genügt vollkommen, nett auch, wenn es breit ist. Das Hotelzimmer in Johannesburg ist einmal mehr größer als das schöne kleine Heim in Zürich. Nur das Hotelzimmer, freilich. Bad, Balkon, Kochnische, Schlafzimmer etwa genau so groß. Mag allerdings gar keine Hotelzimmer. Bad, Balkon, Kochnische, Schlafzimmer auch nicht. Quasi Einbettzelle, immerhin nicht Mehrbett. Trotzdem Fluchtreaktion.

Bei der Flucht aus dem Hotelzimmer gesellte sich ein Leibwächter an meine Seite. Gesellte freilich nicht, abgeordnet vielmehr. Vom Hotel, die Gegend sei nicht sicher. Inmitten von Johannesburg. Inmitten des Fußballsommers. Angst.

Grusel am Ziel, erwartete einen renovierten Prunkbau. Marmorböden, Holzvertäfelung, Designermöbel, quasi. Auf dem Constitution Hill. Ein Gefängnis. Hier wich auch der Leibwächter von meiner Seite, die Gegend ist sicher. Zu. Kein Leibwächter erforderlich, quasi. Auf dem Rundgang durch Mehrbettzellen, Duschzellen, Waschzellen, Isolationszellen, Folterkammern, Wärterräume. Über Exerzierhöfe auch, wo Gefangene nach der Arbeit Leibesübungen zu absolvieren hatten. Weiterlesen

Wellenbrecher

Auch nett vom Weltfußballverband, Deutschland zweimal am Indischen Ozean spielen zu lassen. Für Deutschland eventuell nicht so nett, musste immer tausend Kilometer fliegen. Von Pretoria an die Küste. Für deutsche Fans freilich schon, müssen freilich auch fliegen, tausend Kilometer von Durban nach Port Elizabeth, mussten ja aber auch schon zuvor zehntausend Kilometer fliegen. An den Indischen Ozean.

Am Indischen Ozean fühlen sich Küstenbewohner quasi heimisch. Auch. Eine steife Brise weht um die Nase, Wind pfeift um die Ohren, wiegt das Schilf, dunkle Wolken eilen rasch am Auge vorüber. Oder auch kleine weiße Wolken, wie weiße Tupfer am blauen Himmelskleid. Dazu segeln lustige Möwen über Dünen, Strände, Wellenberge. Wellen haben Spaß am Auftürmen, Rollen, Brechen, die Gischt spritzen zu lassen. Millionen Tröpfchen in den Wind zu werfen, auf das sie glitzern in Milliarden Farben im Sonnenschein. Am Strand legen sich Wellen auf warmen Sand, ruhen aus, bevor es sie zurück ins kühle Nass zieht. Wünschen sich, Weiterlesen

Gegensprechanlage

Jedes Gefängnis hat eine Gegensprechanlage. Gefängniszelle auch, Hotelzimmer freilich auch. Hotels in Umhlanga auch, ordinäre Häuser allerdings auch. Kaum ein Hotel, Haus umzingelt nur eine ordinäre Mauer. Übermannhoch, freilich. Auf den meisten Mauern thront noch ein Gitter, spitz gezackt freilich, Elektrozaun, mindestens fünf Drähte übereinander, Natodraht, gerollt, mit Widerhaken. Hinter den Mauern, Gittern, Elektrozäunen, Natodrähten kläffen Hunde. Auch. Ein Spaziergang entlang einer Straße gleicht dem Gang entlang eines Gefängnisreihenhauses. Kilometerlangen. Kilometerweit kein Passant zu sehen. Fällt mir gar nicht auf, ich fahre die Strecke immer mit dem Auto, höre ich. Sehr gruselig, sage ich nicht. Ist’s aber.

Taxis rollen durch scheppernde Rolltore, nachdem der Taxifahrer mit der Gegensprechanlage sprach. Oder auch nicht. Rollen. Scheppern schon, wenn der Hotelgast das scheppernde Rolltor öffnet, um auf das Taxi zu warten. Nachts, mit mulmigem Gefühl. Mit dem Funksender in der Tasche, wichtiger als der Hotelschlüssel, Hotelzimmerschlüssel quasi. Der Funksender öffnet das Gefängnistor, der Hotelschlüssel den Trakt, der Hotelzimmerschlüssel die Zelle. Draußen ist die Angst, drinnen die Weiterlesen

Vuvuzela

Bei jedem Spiel der Fußballweltmeisterschaft steckt der Fernsehproduzent ein Mikrofon in einen Hummelstock. Bienenstock alternativ, gibt ja auch nicht überall fleißige Hummeln. Die Hummeln, Bienen, summen dann lustig um das Mikrofon herum, damit die Fernsehzuschauer glauben, Vuvuzelas zu hören. Permanent während des Spiels, einen so langen Atem haben die Fans gar nicht. Auch nicht knapp siebenundsechzigtausend. Brauchen auch noch Luft zum Singen: Oh, wie ist das schön. Denn die Vuvuzela eignet sich gar nicht als Flüstertüte. Nur als Trompete, wer unqualifiziert hineinbläst, bekommt keinen Ton heraus. Also summen Hummeln, Bienen. Clevere Fernsehproduzenten, quasi.

Hatte freilich gar nicht mit so viel Cleverness gerechnet. Angst, quasi, auch, etwas, um das Gehör. Vuvuzelas machen so viel Krach wie ein Flugzeugtriebwerk, las ich. Las auch von Beschwerden der Fußballgucker bei den Fernsehproduzenten. Von Beschwerden der Fernsehproduzenten beim Fußballweltverband. Der beschwichtigte: Zu einer Fußballweltmeisterschaft in Südafrika gehören Vuvuzelas. Flugzeugtriebwerke, quasi. Oder auch Hummelstöcke mit Mikrofonen darin, wie sie die Fernsehproduzenten nutzen. Ungenutzt blieben die vorsorglich in Zürich gekauften Ohrstöpsel. Blieben aber auch im Hotel, Weiterlesen

Ticketabholstellen

Vor einem Monat eröffnete der King Shaka Airport Durban. Im Norden von Durban. Der alte liegt im Süden, ist noch auf der Landkarte eingezeichnet. Der neue mit guter Anbindung, freilich. Verkehrsanbindung auch, Fußballweltmeisterschaftsbesucher bringen Busse billig in die Stadt. Schlechter Internetanbindung aber offenbar, am Abend des zweiten Tages der Fußballweltmeisterschaft waren drei Selbstbedienungs-Ticket-Terminals in der Ticketabholstelle am King Shaka Airport Durban offline. Ein Flugzeug landete mit geschätzt hundertfünfzig deutschen Fußballfans. Schweizer freilich auch, zwanzig, vielleicht. Einem Deutschen aus Zürich, auch. Der fuhr unverrichteter Dinge nach Umhlanga.

Umhlanga hat ein Einkaufstheater. Gibt Leute, die würden Einkaufszentrum sagen. Südafrikaner sagen Einkaufstheater, Theatre of Shopping vielmehr. In jedem Schaufenster klebt das Fußballweltmeisterschaftslogo, ein Säuseln von Vuvuzelas liegt in der Luft. Klimatisierte Luft, dankbarerweise, die frische Luft heizt die Sonne unverwölkt auf fünfunddreißig Grad. Heiße Luft steht vor allen Eingängen des Einkaufstheaters. Steht nur so herum. Steht im Weg aber auch, wie eine Wand. Gegen die läuft der Ticketabholstellenbesucher unwillkürlich. Nach einer Stunde in der Ticketabholstelle. Von drei Selbstbedienungs-Ticket-Terminals war Weiterlesen

Sicherheitsinstruktionen

Sind selbstredend unspektakulär, entsprechend häufig ignoriert, auch. Da fällt es quasi gar nicht auf, wenn sich mal ein Fehler einschleicht. Das Flugzeug hat sieben statt acht Notausgänge zum Beispiel. Ein lustiger Zeichner war gerade abgelenkt, vergas mir nichts, dir nichts ein Oval auf die Bordwand zu malen, einen roten Pfeil hindurch zu ziehen. Passagiere wundern sich, warum die Flugbegleiterin ihnen das Öffnen der Notausgangstür erklärt, sie zum Verstauen des Gepäcks in den Handgepäckstauräumen auffordert. In den Sicherheitsinstruktionen steht doch gar nix von dem Notausgang. Verdammt, meint der Chefzeichner, zweite Auflage. Passagiere wissen nicht, wohin mit ihren Händen. Hinter den Kopf, den Kopf auf die Knie ziehend. Vor die Brust, aufrecht sitzen bei der Wasserlandung, wie es die Sicherheitsinstruktionen zeigen. Verdammt, meint der Chefzeichner, dritte Auflage. Vorher erst einmal eine Zigarette, meint der Zeichner. Zeichnet hinterher freilich ein lustiges Quadrat mit abgerundeten Ecken, darin einem länglichen waagerechten Rechteck mit zwei Wellen an einem Ende. Sehr dekorativ, meint der Chefzeichner, bei einer Zigarette. Aber verdammt: es fehlen zwei rote Striche. Vierte Auflage. Bei der fünften Auflage könnte der Zeichner noch lustige Wellen Weiterlesen

Landschaftsbauer

Gibt Werbung, die wirkt. Für Landschaftsbau zum Beispiel. Auf einem Transporter stand Landscape Incorporated, mit einem Namen davor, freilich. Namen sind ja Schall und Rauch, mag außerdem gar keine Werbung machen. Nur für Landscape Incorporated. Eine freilich nordamerikanische Firma, die vermutlich Landschaften baut. Auch, vermutlich. Die hat ja noch viel zu tun. In Nordamerika, Las Vegas auch. Auch dringend, quasi. Aber Aufträge kommen vermutlich nur von gruseligen Hotelbesitzern: Bauen sie mir eine Badelandschaft, Himmel wie im alten Rom, Fassaden und Plätze auch. Pyramiden wie im alten Ägypten. Oder auch New Yorker Fassaden, Grossstadtlandschaft. In der der Wind pfeift, laut, wenn er um die Ecken weht. Nett ja auch vom Wind, könnte sich auch heran säuseln. Pfeift lieber, wenn er um hunderte Meter hohe Ecken herum weht. Könnte allerdings ja auch Nordamerikaner massiv irritieren, plötzlich Weiterlesen

Deuce

In Las Vegas schmelzen die Zebrastreifen. Fliessen an den Straßenrand, gemeinsam mit dem Teer. Vermutlich in der Hoffnung, wenigstens der Bordstein spendet etwas Schatten. Der ist allerdings entweder nur abends oder nur morgens so freundlich, wenn die Sonne nicht mehr senkrecht vom blauen Himmel brennt. Nicht strahlt, brennt. Brennt auch auf der Haut des Wanderers. Wandert zur Bushaltestelle in der Wüste, Linie Deuce. Fährt auf dem Las Vegas Boulevard von Norden nach Süden. Auch, freilich.

In Las Vegas schmelzen auch die Häuser. Die mit Metallfassade jedenfalls, auf die Idee können auch nur Nordamerikaner kommen. Auch, freilich.

In Las Vegas schliessen Hausbesitzer die Eingangstüren mit der Bohrmaschine ab. Von Holzhäusern, freilich auch, mit grossen Fensterflächen. Schrauben eine Schraube, vermutlich zwei, in Tür und Türrahmen, Schlösser halten gruselige Einbrecher nur kurz auf. Eine lange Schraube schon länger, zwei noch länger. Denken Hausbesitzer vermutlich. Denken vermutlich auch nicht an gewitzte Einbrecher, die mit schönen grünen Bohrmaschinen auch Schlösser aufbohren, Lange Schrauben herausschrauben. Zwei auch, freilich.
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Eyjafjallajökull

Einmalige Gelegenheit, über ein so lustiges Wort zu schreiben. Schreibe es freilich nur mit Nachhilfe richtig, kann es kaum richtig aussprechen. Lustige Isländer können das Wort freilich richtig schreiben, aussprechen. Denken dabei aber ja auch an Inselbergegletscher. Europäer denken an Aschewolke, Flugverbot.

Hörte: Irgend so ein Vulkan auf Island ist ausgebrochen, der deutsche Luftraum gesperrt. Hörte das im Vorbeigehen, in Gedanken schon fast im neuen Terminal des Flughafens Barcelona. In der Luft, auch. Über den Wolken, auch. Aschewolken, auch. Plötzlich ging die Angst um. Freilich vor nichts weiter als einem weiteren Tag in Barcelona. Trotzdem Angst. Die verflog schnell, als sich die Nachrichtenlage änderte. Nur der norddeutsche Luftraum ist gesperrt, die Probebuchung des Fluges nach München Weiterlesen