Sicherheitsinstruktionen

Sind selbstredend unspektakulär, entsprechend häufig ignoriert, auch. Da fällt es quasi gar nicht auf, wenn sich mal ein Fehler einschleicht. Das Flugzeug hat sieben statt acht Notausgänge zum Beispiel. Ein lustiger Zeichner war gerade abgelenkt, vergas mir nichts, dir nichts ein Oval auf die Bordwand zu malen, einen roten Pfeil hindurch zu ziehen. Passagiere wundern sich, warum die Flugbegleiterin ihnen das Öffnen der Notausgangstür erklärt, sie zum Verstauen des Gepäcks in den Handgepäckstauräumen auffordert. In den Sicherheitsinstruktionen steht doch gar nix von dem Notausgang. Verdammt, meint der Chefzeichner, zweite Auflage. Passagiere wissen nicht, wohin mit ihren Händen. Hinter den Kopf, den Kopf auf die Knie ziehend. Vor die Brust, aufrecht sitzen bei der Wasserlandung, wie es die Sicherheitsinstruktionen zeigen. Verdammt, meint der Chefzeichner, dritte Auflage. Vorher erst einmal eine Zigarette, meint der Zeichner. Zeichnet hinterher freilich ein lustiges Quadrat mit abgerundeten Ecken, darin einem länglichen waagerechten Rechteck mit zwei Wellen an einem Ende. Sehr dekorativ, meint der Chefzeichner, bei einer Zigarette. Aber verdammt: es fehlen zwei rote Striche. Vierte Auflage. Bei der fünften Auflage könnte der Zeichner noch lustige Wellen Weiterlesen

Achterbahn

Die kann ja auch das Leben sein. Aufwärts geht’s mit viel Schwung, oder auch mit den Rädern. Langsamen Rädern, die mühsam drehen, Widerstand überwinden, ruckeln. Den Fahrgast durchschütteln, ihm Respekt vor der Auffahrt abringen. Vor dem, was auf dem Gipfel folgt, auch. Wie im Leben, aufwärts geht’s langsam, mit großem Kräfteverschleiss, oder eben mit viel Schwung. Wie von selbst, wie auf der Achterbahn. Auf ihr geht’s nur schwungvoll aufwärts nach der Abfahrt, aus dem Kopfstand etwa. Oder auch der steilen Schussfahrt. Abwärts, nach der Auffahrt. Kann freilich nicht immer nur aufwärts gehen, auf der Achterbahn, dem Leben ja auch nicht. Auf den Gipfel verharren wäre zu schön, keine Kraft aufwänden, keine Talfahrt fürchten, kreischen, Augen weit geöffnet. Sich mit ausgestreckten Armen dem Gipfel entgegen recken. In Erinnerung an das Wohlbehagen, den schönen Ausblick über die Täler. Gleistäler, Täler des Lebens ja auch.
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Landschaft

Ist freilich nur ein Oberbegriff. Sind ja nichtssagend. Oder alles, bestenfalls. Landschaft zeigt dem Auge des Betrachters grüne Wiesen, Felder mit weidenden Kühen. Baumreihen und einen See, einen Fluß, Hügel und schneebedeckte Berge im Hintergrund. Oder auch Menschen mit Sonnenschirm, wandern auf dem Weg, der vorn das ganze Auge des Betrachters füllt, sich nach hinten verjüngt. Menschen wandern unter blauem Himmel, der Sonne entgegen, die von links oben niederbrennt. Auf verdorrte Felder neben dem Wegesrand. Dürre Halme haben kaum Halt in sandiger, hellbrauner Erde. Staub, zu matt zum Wirbeln. Fliegen rasten unter zusammengerollten Blättern, im dünnen Schatten. Links des Weges. Uferpromenade. Rechts das glatte Bett des Sees, zerfurcht, aufgeplatzt. Die Erde hielt die Spannung nicht aus. Nur im rechten Augenwinkel das Wasser, darin schlagen Kaulquappen heftig mit dem Schwanz, als wollten sie sich ihren Weg ins tiefere, kühlere Wasser freigraben. Über ihnen nur Blau. Keine Wolke spendet Schatten, den Kaulquappen, beschirmten Menschen, Halmen. Der Landschaft.

Zwei rote runde Lichter über den Schienen werden zu Stecknadeln, dann verschwindet die linke. Weiterlesen

Briefkasten

Der prüfende Blick auf den Brief: Stimmen Anschrift, Absender, Porto? Schick für die Reise, sind manche Briefe gemacht. Farbiges Papier, Satinumschlag, geschwungene Schrift, Briefmarke mit Wohlfahrtszuschlag. Andere haben ein Fenster, aus dem der Absender und der Empfänger herausgucken können. Auf der Reise, den Brief nebenan bestaunen. Postkarten vielleicht auch. Hässliche mit Goldschrift, Stadtansichten in verschnörkelten Rahmen. Grusel, schon lieber die Rückseite mit den Urlaubsgrüßen, belanglosen. Dritte sind gepolstert, dick, mit Luftblasen, Pappe. Sind so nett, den Inhalt zu schützen, wertvolle Worte, Gedanken aufgeschrieben. Von Menschen, bei dem Gedanken an andere Menschen. Nicht immer nette. Jedoch brauchen böse Gedanken selten Poster, schlägt kaum jemand weich ein, harte Worte. Höchstens als Tarnung. Dann passen sie hoffentlich nicht mehr durch den Schlitz. Nette Briefe haben es besser: im freien Fall in den Postsack. Im Briefkasten, wohlig und warm liegen zwischen anderen Briefen, geschäftlichen, Liebesbriefen. Kündigungen auch, dafür braucht’s die Unterschrift. Der Postgeheimnisträger befreit Briefe aus der Dunkelheit. Glotzt auf die Adresse vor dem nächsten freien Fall. Kurzen meist, Hausbriefkästen sind ja nicht tief, netterweise. Sonst aber auch nett, lagern für den Empfänger die Gedanken. Rechnungen auch, leider. Ein Schlüsseldreh, ein Handgriff befördern den Adressaten gedanklich fort. Beim Lesen des Absenders. Sieht einen Menschen Zeilen schreiben. Oder den Brief einwerfen, morgens um sieben, im Getümmel des Zürcher Bellevues. In den Briefkasten.

Schild

Schilderbeschrifter ist sicher auch ein cooler Beruf. Ein paar Buchstaben von Trägerpapier abziehen, halbwegs gerade auf das Schild kleben und eventuell hinterher noch einmal mit dem feuchten Lappen abwischen. Fingerabdrücke entfernen. Und die Buchstaben andrücken. Bei manchem Kunden ist sogar Denken unerwünscht: Hier noch ein Apostroph – schließlich soll der gute Name ja nicht beschmutzt werden –, dort einen Buchstaben weniger. Rechtschreibung wird überbewertet. Unbedingt.

Verkehrsschilderbeschrifter haben es nicht so leicht wie ihr Job auf den ersten Blick scheint. Müssen sie doch alle Schilder gleich bekleben. Gerade freilich, auch noch. Immerhin eröffnet sich für Straßenschilderbeschrifter dank der Schriftarmut ein internationaler Arbeitsmarkt. Kleben im Ausland, quasi. Krisensicher ist der Job überdies, gibt es doch genug Deppen, die beim Zurücksetzen das bedauerliche Parkverbotsschild umnieten. Das bekommt Kratzer, knickt um oder wird von coolen Checkern aus der Halterung gerissen. Dann prangt es oft an der Jugendzimmerwand eines dieser Halbstarken, die sich damit brüsten, das Schild quasi vor den Augen der Streifenpolizisten aus den Angeln gerissen zu haben. Krasser Respekt, Alter.

Undankbar dagegen die Arbeit des Schilderbeschrifters am Zürcher Klusplatz: Beschriftung geplant wie ein Großer, ausgeführt wie ein Profi. Jedoch lautete die Anweisung: Bitte so unkonkret wie nur irgend möglich. Multifunktional für jeden Anlass wie Lesung oder Versammlung verwendbar, variabel im Keller bis hin zum dritten Stock zu platzieren. Im vierten ist die Dachterrasse. Oder veranstaltet der Himmel einen Stock höher auch etwas? Dringend auch.

Touristen

Erdige Farben an Armen und Beinen. Viele Reißverschlüsse auch. Wuchtige Wanderschuhe zeugen vom langen Marsch. Er trägt den prallen Rucksack auf beiden Schultern nach vorn gebeugt. Ihre Handtasche, um den Körper geschlungen, tänzelt auf der Hüfte. Papierener Inhalt weist den Weg. Hinaus aus verirrten Seitengassen, bestimmend hadernd. Wiedererkennen von Buchstabenkombinationen auf Schildern, Finger zeigen aufs Papier, in die Luft. Nach dem Innehalten geht der Schritt energisch, verlorene Zeit aufholen wollend. Finger deuten wieder und wieder auf Schilder. Vor dem Blick auf die Karte verzweifelt gesucht, nun Schilderallee. Einbahnstraße, quasi. Vom Stolz geschwollene Brust strebt dem Ziel entgegen, geht wie selbstverständlich den einen Weg. Beim Anblick von irrenden Touristen schmunzelt ein Lächeln um die Münder. Strahlende Augen am Ziel. Der Rucksack gleitet von den Schultern auf die Erde, rasch, die Kamera wird ihm entrissen als bekäme das Motiv plötzlich Beine. Nähme Reißaus. Angst. Bleibt standhaft, vor der Kamera am ausgestreckten Arm. Erträgt das niederschauernde Blitzlichtgewitter. Worte aus dem Reiseführer lenken Blicke bald hier, bald dort, die Optik surrt auf Details. Weitwinkel für das Portrait, vor sehenswerter Kulisse. Jacke zurecht gezupft, Hut abgenommen, Lächeln aufgesetzt. Bekniet vom Fotografen, Kamera in vorgehaltener Hand, den Blickwinkel suchend. Mal vor, zurück beordernd, den Vordergrund, fürs Beweisfoto. Im Freundeskreis daheim, am Bilderabend. Auf dem Flachbildschirm mit Kameraanschluss. Wir waren dort, sagt ihr. Saht Enten tauchen? Hörtet Möwen schreien? Rocht das Salz in der Seeluft? In euren Wanderschuhen und erdigen Farben.

Satzschublade

Daraus holt niemand Wörter, Sätze auch nicht. Schade ist’s. Wäre praktisch: Schublade auf, Satz ergriffen, herausgenommen, Schublade zu. Ideal für den Redaktor. Kein Winden, Ringen um jedes Wort. Ist das ein Satz? Kann ich das Wort noch streichen? Kein Platz trotz Hundertseitenheft. Immer mal einen Satz aus der Schublade geholt, kurzen, langen, ganz wie’s grad in den Textrahmen passt. Einwortsatz. Spielen mit Wörtern und Sätzen macht Spaß, dafür braucht’s keine Schublade.

Die Satzschublade steckt zum Kaffeeautomat. Der brüht starken Kaffee. Manchmal selbst für meinen Geschmack zu stark. Die Fehlermeldung Satzschublade bleibt auch nach dem Leeren der Schublade. Satz ausgekippt. Steckt die Schublade ohne Satz in der Maschine, drückt der Redaktor den magischen Knopf. Nicht blau, nicht rot. Dann gibt es wieder starken Kaffee. Und der Satz fällt in die Schublade.

Flughafen

Steril seid ihr, kühl. Kein Willkommen. Aber Großzügig eingerichtet, mit Polstergruppen, Einzelplätzen. Niemand sitzt gern neben Fremden. Liegt unbequem auf zwei Ritzen zwischen Sitzen. Weitläufig seid ihr. Weit laufen hauptsächlich, das muss man in euch. Auf Marmorböden, maschinell gefeudelt. Auf Laufbändern mit Ansage am Ende, Stolperfallen für Gespräche. Unvermittelt in den Arm fallen. Auf Laufbänder fürs Gepäck, hinter Theken mit hübschen jungen Damen. Sie wiegen, kontrollieren, blicken, fragen. Haben Sie den Koffer selbst gepackt? Hat Sie jemand gebeten, etwas mitzunehmen? Müssen sie. Zweihundert am Tag. Drücken dann den Knopf für die Reise. Des Koffers. Warten auf Vorfeldern, großen, die dürfen nicht betreten werden. Ausnahmsweise vom Bus zur Treppe. Treppauf husch, husch. Hinein in die Röhre.

Anspruchsvoll seid ihr auch, verlangt Lebensstunden. Zwei. Kostet Zeit. Teure, unbezahlbar. Mit Gold nicht aufzuwiegen, auch mit Blei nicht. Auch wenn’s schwerer ist. Bleierne Trägheit. Immer das gleiche. Die Reise zu euch dauert nochmal Stunden. Von euch weg auch, vorbei an wartenden Taxis, Schlangen, mit wartenden Fahrern. Unangenehm. Weil ihr so viel Platz braucht. Warten, meist unnütz. Auch Menschen warten in euch, manchmal sehnsüchtig auf Menschen. Nette auch. Mit Schildern. Auch nett. Für Menschen habt ihr Rüssel. Auf Rädern.

Fensterläden

Haben einen komischen Namen. Von Lade, ja. Heute sind’s trotzdem immer zwei, Läden. Das ist heute etwas anderes. Geschäft, kann man auch abschließen. Läden auch, Fenster auch, Fensterläden auch. Auch. Die sind aber nett, Menschen schließen sie, wenn sie müde sind. Dann spenden sie Kühle, Schatten, Stille. Für wohligen Schlaf hinter Fensterläden. Nicht so mechanisch kalt wie Rollladen. Die sperren aus. Endgültig. Fensterläden sind aus Holz, manche haben einen Aufsteller. Sie öffnen sich die Augen des Hauses nur einen Spalt, blinzeln bei frühen Sonnenstrahlen. Lamellen brechen Strahlen. Fensterläden sind fast zu schön, um wahr zu sein. Fast aber eben nur. Weiterlesen

Hausarbeit

Die hasse ich. Vermutlich jeder. Gibt Leute, die machen das hauptberuflich. Die bestimmt auch. Sonntagabend, jeden. Die Woche aus der Küche putzen. Maschinenpark. Kaffeemaschine, Brotmaschine, was für einfallslose Namen. Ofen und Herd schon besser. Neuer Glanz am Montagmorgen, da ist’s eine Freude, die Tasse abzustellen. Auf dem Abtropfgitter. Der Name sagt, was es nie tut, abtrocknen hasse ich. Nur Besteck ist angenehm, das geht schnell. Belohnung, dass die Gabel, Messer, Löffel fix wieder in der Schublade liegen. Cuver-Boxen, seit Aachen nicht benutzt. Schubladeneinrichtung, variabel.

Jedes Hemd, Hose. Gibt Leute, die bügeln hauptberuflich. Hass, auch. Auch dafür gibt’s Maschinen. Sonntagabend, wieder jeden. Hemden glättet die Reinigung, manchen stehen auch ungebügelte Hemden, Blusen heißen die tatsächlich. Hosen sehen länger frisch aus, nach langen Texten und gelesenen Seiten. Büroarbeit, white-collar worker lernte ich im Englischunterricht. Der Kragen muss schon stehen, musste für ein Musterbeispiel früher nur aufblicken. Jeden Tag. Gruselig: Ohne Reinigung brauche ich zehn Minuten für ein Hemd. Zum Glück schöne von der Deutschen Bank.

Nicht zu vergessen der Aschenbecher auf dem Balkon. Sonntagabend, immer dringend jeden. Hasse ich auch, volle Aschenbecher. In Deutschland gibt’s fast keine kleinen Tüten mehr, für die Asche der Woche.

Tram 25

Blau weiß karierte Wimpel flattern im Fahrtwind, wenn Gäste in der Stadt sind. Zur Wies’n oder während des Fußballsommers. Wind geht hier fast nie, während des Fußballsommers lief ich lieber – glücklich umschlungen vom neuen Deutschlandgefühl. Die Wimpel flatterten, die blauweißen und die schwarzrotgoldenen. Damals weder die einen noch die anderen, obwohl München Gäste hatte, aber keine Wies’n oder WM.

Zwei Gäste waren da. Keiner hat’s gemerkt, kein Auflauf, keine neidischen Blicke, kein Wimpel. In der Neuhauser Straße hätten es jedem auffallen müssen. Weiterlesen

Augenlaser

Scharf sehen ohne Brille – durch eine Augenlaser Behandlung. Der Satz ist beim ersten Lesen nicht gleich als Werbetext zu identifizieren. Oder doch? Mein Bruder textet so etwas hauptberuflich, allerdings auf Englisch. Sein Beruf heißt dort Copy Writer, auch eine nette Wortkombination: Denn er ist keines der kleinen Männchen, die in Kopierern ihr Tagwerk verrichten, indem sie weißes Papier mit schwarzer Farbe beschreiben.

Augenlaser: Mein großartiger Taschenatlas der Anatomie, Untertitel Nervensystem und Sinnesorgane, kennt dieses Stichwort nicht. Kein Wunder, macht es den Satz doch auch zum Werbetext. Wie gruselig klänge Augen-Laserbehandlung oder gar Weiterlesen