Vorfreude (3)

Ein Junge steht vor einem Schaufenster. Darin drei Buchstaben, Uhren auch. Eine auch. Die. Die alle überstrahlt, obwohl sie nicht einmal oben auf dem Ständer steht. Auf halber Höhe des mit Samt ausgeschlagenen Schaukastens. Die ist’s trotzdem, sehen strahlende Augen. Die er tragen möchte, wenn er einmal selbst Geld verdient. Viel Geld. Sehr viel Geld. Als Jugendlicher verdient er noch immer kein Geld. Steht aber wieder vor einem Schaufenster, darin drei Buchstaben. Die Uhr auch. Mittlerweile nicht mehr auf halber Höhe des mit Samt ausgeschlagenen Schaukastens. Fast auf dem Boden. Der Boden seiner Sparbüchse ist bedeckt. Für die. Als junger Mann geht er am Schaufenster vorbei, bewusst, betritt den Juwelier, wartet vor dem Schaukasten, in dem die Uhr auf dem Boden dekoriert ist. Die. Fragt nach ihr, hört schleimtriefende Komplimente über exzellenten Geschmack, kann es nicht erwarten, dass sich die Juweliertür hinter ihm schließt. Sie schließt. Hinter einem Papiertaschenträger. Trägt eine Papiertasche mit drei Buchstaben. Darin die. Trägt sie übers Trottoir des Zürcher Bellevues. Am steifen Arm, kein Schlenkern sehe ich.

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Ausschaffungsinitiative (1)

Schweizer sind ja gar nicht so wenig kriminell. Schreibe freilich nicht ich, schreibt das Bundesamt für Statistik. Das schreibt: zweiundfünfzig Prozent der Beschuldigten in Strafverfahren sind Schweizer, neunundzwanzig Prozent ständig in der Schweiz lebende Ausländer, vier Komma vier Prozent Asylsuchende, vierzehn Prozent Ausländer ohne längerfristige Aufenthaltserlaubnis. Das schreibt nicht, wer wohl die anderen null Komma sechs Prozent Beschuldigten sind. Aber so sind sie, die Statistiker. Jeder Bäcker eines Tortendiagramms würde fragen, wer wohl schon von seinem Backwerk genascht hat. Die Statistiker möglicherweise. Die brauchten sicherlich noch Energie für eine zweite Rechnung, um die Statistik auch für eine populäre Volkspartei attraktiv zu rechnen. Das geht so: Bei den Gewaltstraftaten leisten die Männer mit den großen Lupen ganze Arbeit. Sie klären vier von fünf Straftaten auf. Respekt dafür auch. Die Statistiker finden das freilich auch ganz toll und schreiben, dass diese Stichprobe ja besonders aussagekräftig ist. Ist sie nicht, Weiterlesen

Z1

Heute vor gut siebzig Jahren war es schlicht unmöglich, im Deutschen Technikmuseum Rechenmaschinen zu fotografieren. Damals wurden dort Pferdefuhrwerke mit Eis beladen, während sich Pferde ausruhten. Vom Ziehen der Fuhrwerke freilich, vom Hochsteigen der Pferdetreppe aber auch. Bleibt ihnen heute erspart, das Treppensteigen, das Ziehen der Fuhrwerke oftmals auch. Heute steigen Besucher die Treppe empor, nicht die Pferdetreppe, die Museumstreppe freilich. Wenn sie Rechenmaschinen fotografieren möchten, die es vor gut siebzig Jahren nicht einmal gab.

Viele Besucher – auch siebzigjährige – haben heute mehr Rechenleistung in ihrer Kamera als die Rechenmachine besaß. Auch fast vierzigjährige Redaktoren mit Kompaktkameras. Weiterlesen

Leckwarner

Freilich eine ganz großartige Erfindung, der Leckwarner. Eines Schweizers. Der vermutlich genug von Wasserschäden hatte. Von Lüfterungetümen auch, die zwar beim Mauerwerktrocknen zwar nicht viel Lärm machen, aber ja dann auch nicht viel Mauerwerk trocknen. Von Kehrblechen vermutlich auch, die zwar als Wasserschaufel taugen, aber ja die Quelle nie austrocknen können. Oder auch von Haarrissen in Wasserschläuchen, die kein Auge sieht, auch eins nicht, aus denen ja aber trotzdem Wasser rinnt. Wenig. Wenig rinnt aber auch. So erfand der Schweizer eben Pastillen, wenn’s mal wieder länger dauert beim Mauerwerktrocknen, Wasserschöpfen, Schlauchabdichten. Freilich auch den Leckwarner, der macht quasi Pastillen überflüssig. Denn Mauerwerk trockenlegen, Wasser schaufeln, Haarrisse suchen sind dank des Leckwarners freilich überflüssig. So der Plan.

Der Plan eines Schweizers. Er plant immer noch, plant vermutlich auch den weltweiten Vertrieb des Leckwarners. Schweizweiten zumindest vorerst, Deutschschweizweiten ganz sicher. Zürcher Hausbesitzer sind ganz sicher froh um den Leckwarner, Zürcher Wohnungsmieter freilich auch Weiterlesen

Traumhausmodell

Auch das Traumhausmodell steht nicht in Zürich, Verzeihung liebe Hausbesitzer. Könnte indes bald auch in Zürich stehen, allerdings ja nur auch. Ein großes Traumhausmodell steht aber im Berliner Bauhaus-Archiv. Das ist sehr streng mit seinen Gästen. Kein Gast darf ein Foto knipsen, vom Traumhausmodell, der Kandem-Leuchte, der Wagenfeld-Lampe. Verständlich, freilich, wollen die Erben der Bauhaus-Lehrer und Bauhaus-Schüler doch nicht, dass gruselige italienische, chinesische, nordamerikanische Kopien von den Originalobjekten produziert und verschleudert werden. Einen ganz anderen Grund haben die Bauhaus-Archivare allerdings beim schönen großen Traumhausmodell: Ihm fehlt schlicht eine Wand. Weiterlesen

Spezial-Curry-Bratwurst

Hieß die Currywurst ursprünglich. Lese ich. Lese auch, dass Herta Heuwer die Currywurst am vierten September neunzehnhundertneunundvierzig kreierte. Verkaufte vermutlich auch, dringend quasi, Herta Heuwer lebte davon, Imbisse zu verkaufen. In ihrer Imbissbude, in Berlin. Dem zerbombten Berlin. Zu Recht zerbombtem Berlin. Berliner zerbombten ja quasi ganz Europa. Auch.

Von Berlin aus eroberte die Currywurst Europa. Friedlich. Oder von Zürich aus, ebenfalls friedlich, freilich. Dem Zürcher Olaf Böhme gehört die Marke „Chillup“, Spezial-Curry-Bratwurstsauce quasi. Ein Schweizer hat’s erfunden, quasi. Lese ich. Im Berliner Currywurstmuseum. Höre dort auch „Currywurst“. Gestammelt in bester Pottmundart von Herbert Grönemeyer neunzehnhundertzweiundachtzig. Geschrieben von Ulknudel Diether Krebs. Beide essen Currywurst sicher auch ganz gern. Wie ich. Esse die Currywurst im Currywurstmuseum genauso gern wie die Currywurst von Weiterlesen

Arabisch

Abschreiben ist doof, dachten sich vermutlich die lustigen Zürcher Dadaisten beim neuen Aushang. Druckten lustig arabische Buchstaben auf den Aushang. Musste diesmal jemanden kennen, der Arabisch kann. Kann nicht einfach abschreiben, oder auch gar nix schreiben. Wie bei Aushang. Immerhin darf im Kanton Bern ein Minarett gebaut werden. Weil die Baubewilligung vor der Verfassungsänderung erteilt wurde. Ohne Baubewilligung hätte es auch nicht unbedingt eine Verfassungsänderung bedurft. Bauverordnungsnovellen in sechsundzwanzig Kantonen statt einer Verfassungsänderung. War offenbar ökonomischer, quasi. Grusel.

Überhaupt nicht gruselig ist der Entscheid des Stadtzürcher Stimmvolks, der Stadt Zürich, das lustige cabaret voltaire bis zum hundertjährigen Jubiläum der Dada-Bewegung zu unterstützen. Mit einem Millionenbetrag. Indes fragt sich der Bewohner Zürichs, wie der Millionenbetrag bis zweitausendsechszehn reichen soll, wenn allein dreihunderttausend Franken Miete jährlich bezahlt werden müssen. Vielleicht bitten deshalb die Dadaisten: Weiterlesen

Portraitfoto

Gibt glücklicherweise genügend Menschen, die sich mit dem Fotoapparat auskennen, mit dem Fotografieren auch. Sie knipsen steife Portraitfotos ohne ein Wort zu sagen, knipsen lockere Portraitfotos, wenn sie ein Wort sagen, oder auch seriöse Portraitfotos, wenn sie jemanden anderes ein Wort sagen lassen. Im besten Fall alle drei, dann fällt die Auswahl schwerer. Im besten Fall kennt sich der Auswähler auch noch mit dem Fotoapparat aus, mit dem Fotografieren unbedingt auch. Dann fällt die Auswahl freilich leichter. Gibt alle drei Portraitfotos, eins gefiel nicht einmal dem einen Auge. So sehen alle Augen weiter die, die schon schwarzweiß gedruckt wurden, oder auch ausgestellt sind.

Gibt freilich auch günstigere Methoden, ein Portraitfoto zu knipsen. Zum Beispiel in einem Besprechungszimmer, einem Fotostudio, einem stahlverstrebten, gläsernem Pavillon. Als in London, am Ufer der Themse. Muss sich in London, am Ufer der Themse, immerhin nicht mit dem Fotoapparat auskennen, dem Fotografieren auch nicht. Weiterlesen

Regenschirmscanner

Gibt freilich wenig nahe liegenderes als einen Regenschirmscanner. In London. Regnet ja quasi permanent hier, wenn gerade einmal nicht, wabert nasser grauschwarzer Nebel durch Hinterhöfe, Straßenschluchten, Alleen. Mikrometerkleine Tropfen jubilieren durch London, ruhen sich aus auf Kabelschächten, Abwasserrohren an den Hauswänden, in den Ritzen des brüchigen Fensterputzes. Oder auch auf Regenschirmen, die quasi jeder Passant trägt. In allen Regenbogenfarben, mit allen Buchstaben bedruckt, gemustert auch, klassisch kariert. Der unifarben schwarze liegt im Hotelzimmer, bin schließlich nicht aus Zucker. Regnet allerdings auch gar nicht. Immer. In London.

Häufig aber vermutlich ja schon. Dann läuft freilich auch der Regenschirmscanner im Dauerbetrieb. Wenn nicht nur lustige Regentropfen sich auf die Londoner Blätter, Wiesen, Bürgersteige, Autodächer platschen lassen, sondern ja auch listige Schurken durch Londoner Straßen streifen. Sie tragen freilich auch Regenschirme, spannen sie aber selbstverständlich nicht auf. Sonst würde der Gewehrlauf nass, der Säbel würde zu rosten beginnen. Listige Schurken tragen also einen Hut, führen den Regenschirm quasi spazieren durch London. Nett ja auch, für die Regenschirme. Für die Männer mit den großen Lupen freilich auch, Weiterlesen

Pferdeampel

Bin demnächst auf tausend Fotos zu sehen. Von London-Besuchern. Dort ist die größte Schwierigkeit, nicht von Linsen angeglotzt zu werden. Oder auch den Klick aus Mobiltelefonlautsprechern erst zu hören, wenn man aus dem Blickwinkel der glotzenden Linsen heraus ist. Am Piccadilly Circus, am Hyde Park Corner, vor Harrods, am London Castle, auf der Tower Bridge. Überall werden freilich großartige Fotos geknipst, tausende, quasi. Geblitzt auch, wie wild. Bei Tageslicht insbesondere gerne. Einmalige Fotos, quasi. Niemals hat jemand aus dieser besonderen Perspektive ein Foto geknipst, diese sehenswerte Sehenswürdigkeit abgelichtet. Noch nie mit dem Partner im Vordergrund, vermutlich wirklich. War ein anderer Partner, vor oder hinter der Kamera. Oder auch beides. Sicher gab’s aber schon Trillionen Fotos der Sehenswürdigkeiten. Nun Trillionen und eine. Großartige, freilich. Facebook bekommt demnächst die Rechte an allen geschenkt. Verkaufen lässt sich das Foto freilich auch nicht mehr, gibt ja schon Trillionen davon.

Von der lustigen Pferdeampel vermutlich erst Milliarden. Zwölfstellig, quasi. Ist aber eine freundliche Installation, auf Augenhöhe der Pferde die grünen und roten Pferdesymbolbilder, auf Armhöhe der Reiter der Taster. Touristische Fußgänger wundern sich vermutlich zwar, warum Londoner Ampeln so unfreundlich sind, ihnen grüne und rote Pferde als Spiegelbilder vorzuhalten, die Taster so weit oben installiert sind. Möglicherweise denken touristische Fußgänger aber auch einen Moment nach, bevor sie auf den Taster an der Pferdeampel drücken. Könnte helfen, Weiterlesen

Strafarbeit

Habe in Zürich noch nicht eine Compact Disc gekauft. In Schleswig, London, Jena, Aachen, München, New York schon. Sonst wo auf der Welt auch. Lernte Städte quasi auf dem Weg zum nächsten Musikhändler kennen. Zuerst noch mit Schallplatten in der Tüte, dann Kassetten, dann Compact Discs, dann wieder Schallplatten. Besaß dann schon alle Compact Discs, die Internetdiskografie wies aus, dass Lieder nur in Vinyl gepresst wurden. Lieder, die fehlten in der Sammlung. Von zuletzt tausendzweihundertdrei Compact Discs, dreiundachtzig Schallplatten, drei Kassetten. Die Sammlung waren glücklicherweise schon immer katalogisiert, mit den Katalognummern der Plattenfirmen. Unglücklicherweise sind nicht alle Interpreten bei ein und derselben Plattenfirma unter Vertrag. Unglücklicherweise führen Plattenfirmen ihre Kataloge unterschiedlich, drucken neue Kataloge, pressen neue Compact Discs, Schallplatten, elektrisieren neue Kassetten. Listen Compact Discs gar nicht mehr im Katalog auf oder listen Compact Discs auch niemals im Katalog auf. Katalogisiert sind die Compact Discs, Schallplatten, Kassetten trotzdem. Weiterlesen

Poller

Für zweihundertdreißigtausend Franken ließen sich dreißigtausend Laibe Brot kaufen. Oder auch hundertzwanzigtausend Brötchen, Weggli, meinetwegen. Weggli lassen sich besser portionieren, von Touristen auch. Die Zürich sicher auch weiterhin besuchen, auch wenn in Zürich kein dusseliger Hafenkran dreht, klein dusseliges Schiffshorn dröhnt, keine dusseligen Poller stehen. Vier Poller stehen ja überflüssigerweise schon, freilich hinter dem Geländer, so dass auch ja kein Boot daran vertäut werden kann. Jede Festmacherleine würde sich am Geländer aufreiben, brechen womöglich, wenn der Festmacher fiert oder schrickt. Oder auch das Geländer brechen, womöglich. Dann kämen womöglich auch weniger Touristen nach Zürich, weil sie nicht mehr den Kopf in den Himmel gestreckt, das Auge quasi permanent im Kamerasucher, an der Limmat flanieren könnten. Vorbei am dusseligen Hafenkran, aufgeschreckt von dusseligen Schiffshörnern, stolperten über dusselige Poller. Landeten womöglich kopfüber in der Limmat. Oder hielten sich an der Festmacherleine fest, Festhalteleine quasi. Die Festmacherleine ist allerdings ja gar nicht Bestandteil des Kunstprojekts. Weiterlesen