Gehirnwoche

Unsere Anatomiedozentin sollte Recht behalten: Ich hatte im Beruf nie ein menschliches Großhirn in der Hand. Werde vermutlich auch nie ein menschliches Großhirn in der Hand haben. Ist ja aber auch nicht unbedingt erforderlich, als Redaktor. Als Psychologe freilich auch nicht, zur Jenaer Psychologenausbildung gehörte aber eine Vorlesung, ein Praktikum Anatomie. Klausur freilich auch, zum Lernen gab’s zum Glück den lustigen Taschenatlas der Anatomie. Prüfungspräparat freilich nicht, präparierten trotzdem menschliche Großhirne. Die wurden in einer Kunststoffwanne angeschwemmt, quasi. Aus der fischte sich jeder fünfte Psychologiestudent ein Großhirn für seine Präpariergruppe. Die schnitt dann drauf los, freilich mit dem aufgeschlagenen Taschenatlas der Anatomie auf dem Präpariertisch. Manchmal war Wasser in den Ventrikeln eingeschlossen, das ergoss sich über den Taschenatlas der Anatomie. Beim Aufschneiden des Großhirns. Sehr gruselig.

Heute wollen Dozenten einer nordamerikanischen Universität schon Kindern das Großhirn erklären. Auf der Seite „Neurowissenschaften für Kinder“ etwa. Mit lustigen Malvorlagen, auch von Neurologinnen. Typische Neurologinnen, haben mindestens einen dicken Zeigefinger, tragen Hornbrille, Schlips. Stecken ihre Oberkörper durch Löcher in der Wand. Quasi. Auch, vermutlich. Sind auch blass, weil sie ja ihre Oberkörper den ganzen Tag durch Löcher in der Wand stecken. Damit geht sich’s schlecht vor die Tür. Neurologinnen müssen in dieser Woche aber ja gar nicht vor die Tür gehen, Schüler, Studenten, Berufstätige, Rentner, besuchen sie im Labor. Glotzen aufs präparierte Großhirn, vielleicht den Taschenatlas der Anatomie im Bücherregal. Oder auch auf dem Präpariertisch, durchgeweicht. Passiert schon einmal, wenn Gäste da sind. In der Gehirnwoche. BrainFair auf Zürideutsch. Auch sehr gruselig. Das Deutsch.

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3 Gedanken zu „Gehirnwoche

  1. Gehirnwoche gefällt mir als Begriff sehr. Danke
    Gehirnwochen ist auch ganz gut.

    Grüße,

    N

  2. Hallo Mark,

    das Härteste, das ich je gelesen habe: „zur Erreichung der Ziele“.

    Lass es wirken, n

  3. Muss ich nun endlich stark bezweifeln, Du musstest schon echte Schroeders lesen. Auch, zwar, lediglich, aber immerhin. Erinnere Dich wohl an das Dossier „Schreib mal schnell — biss bei Schipponline“. Erheitert mich immer wieder, auch ich: Mark: Verstehe, Textgott, ich bin mir nur nicht sicher, ob unsere werten Leser so genanntes „höheres“ Deutsch beherrschen.
    Norbert: sie sollen’s bloß lesen, sprach Briareios, „der noch über den Göttern thront.“ Großes Worttennis, wie mein verehrter Bruder zu sagen pflegt.

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