DVD (1)

Ein lange verliehenes Gut ist wie ein Geschenk, wenn ich es zurück bekomme. Es war aus der Erinnerung verschwunden, wusste es in treuen Händen, vermisste es nicht. Dann taucht es wieder auf, aus dem Nichts, erfreut mich erneut, ruft Erinnerungen wach. An die einzige DVD, die ich letzten Jahr sah. Am Nachmittag eines Herbsttages, im schattigen Wohnzimmer, verdunkelt von Jalousien. Freilich nicht in Zürich, in Koblenz. Habe ja schöne Fensterläden, grüne, gar keine Jalousien, auch gar keinen Fernseher, DVD-Spieler.

Die DVD enthielt die Verfilmung von Stefan Zweigs „Schachnovelle„. Dr. B. gespielt von Curd Jürgens, Mirko Czentovic von Mario Adorf. Curd Jürgens spielt großartig, windet sich im Wahn, in Angst. Die Vertrautheit mit dem Erzähler fehlt dem Dr. B. im Film, dabei kennt er den Erzähler. Der Erzähler spielt aber nur die Rolle des lächelnden Statisten, im Flur der Wohnung von Dr. B. hängt sein Portrait. Die Fragen des Erzählers stellt der Assistent von Mirko Czentovic. Mario Adorf spielt zu ausdrucksvoll, ist schlicht ein Charakter, nicht wie der charakterlose Mirko Czentovic im schönen Buch. Der Film zum Buch schmückt aus, überflüssige Liebesgeschichte, Zwiegespräche mit deutschen Vorgesetzten. Zeigt schmuck, gerade noch kurz genug, die Wiener Gesellschaft, den Weg in die Haft. Nicht lang genug, freilich, die Haft, die kann ein Film nicht zeigen, nur ein Autor schreiben. Ein Autor. Sein Portrait hängt im Flur von Dr. B., schrieb ich schon, freute mich aber so sehr darüber, dieses Detail zu erinnern. Schreib auch schon, dass das fehlende Zwiegespräch zwischen Dr. B. und dem Erzähler dem Seher die persönliche Ergriffenheit nimmt. Da hat’s der Leser viel besser. Auch. Liest auch länger als neunundneunzig Minuten, auch mit elf. Den Film darf er erst mit zwölf schauen. Jeden ehemaligen Schüler, den ich treffe, las das Buch. Verabscheut es, hätte es auch verabscheut, vermutlich. Las es erst mit siebenunddreißig. Sah den Film mit siebenunddreißig. Lese das Buch mit achtunddreißig nochmals, liebend gern. Sehe den Film mit achtunddreißig nicht noch einmal, sicher. Lieber lesen.

Sah schon am Neujahrstag einen Film. Horrorfilm, für mich. Über schöne Bücher und die Feuerwehr. Extrem gruselig.

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