Spur (1)

Viel zu früh stand er auf, auch auf dem Platz. Am Ufer des Sees, kaum zwanzig Schritte trennten ihn vom Wasser. Kalten. Auf Pfählen schrien Möwen, auf Persennings auch. Für die Zigarre war es noch zu früh, für den Spaziergang am See nie. In salzigem Wind schwangen sich Möwen in die Luft, segelten. Segelten als einzige, Holzboote fest vertäut. Der Weg zurück zum Café gesäumt von Seglern. Von Laub, Ahornblättern, wirbelte um die Schuhe. Kaum drei Dutzend Schritte bis zum ersten Kaffee, in Sichtweite des verkuppelten weißen Baus. Drüben war noch alles still, hier öffnete sich die verglaste Tür. Kaffeeduft wärmte die fröstelnde Nase, Hand die warme Tasse. Nach zwei Schlucken schmeckte auch die Zigarre. Gemütliche zwei Stunden bis zum Beginn der Probe im Zürcher Stadttheater.

Am Nachbartisch nahmen zwei Damen Platz. Ihre Konversation endete abrupt: „Irgendwie.“ „Tatsächlich.“ Sie bestellten dunklen Sirup, heißen Kaffee, auch. Plaudern Schulter an Schulter, blicken auf den Platz, auf dem die Ahornblätter unwirsch wirbeln. Nahmen keine Notiz von einem kaffeetrinkenden Raucher, den keine Zeit drängte, nur der eisige Wind ins Café.

Die druckfrische Zeitung aus dem Verlagshaus gegenüber mischte sich in den Kaffeeduft und den Zigarrenqualm. Sie wusste noch nichts von der Premiere, der Probe freilich auch nichts. Wurde aber Zeit, die Ahornblätter zu durchqueren. Eilenden großen Schrittes, die Krawatte richtend, den Stufen entgegen, hinauf, hindurch durch die verglaste Türe. Inne halten, Blicke suchend, an beiden Seiten Gänge zu den Rängen. Niemand. Daneben erheben sich rotbeläuferte Treppenhäuser. Zwei, freilich auch. Niemand. Im Gang daneben endlich zwei Augen, eines starr auf den See. Der steife Laufbursche winkte ihm. Dem netten. Er lächelte zurück, ließ die kalte Eingangshalle hinter sich, sehnte sich zurück ins warme Café. Kaffee gab es vom Bühnenmeister, warmen auch. Handschlag auch, festen. Festes Fleisch zog tausende Kulissen auf die Bühne. Acht würden es an diesem Morgen sein. Das musste er sehen, quasi, stiegen hinab in den rotbepolsterten Zuschauerraum. Die Probe konnte beginnen. Zu Stefan Zweigs „Jeremias“.

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