Krematorium Sihlfeld

Krematorium Sihlfeld1Ist ja auch langweilig, es sich immer vor dem Fenster bequem zu machen. An der frischen Luft, einer Brise salzigem Seeduft. Roch das ja auch vor einem Jahr noch nicht, kenne nun eine Steigerung von seeduftenden Handtüchern: seeduftende Kopfkissen. Auf dem schlief Marie Antoinette vor einem Jahr ein um die andere Nacht, wenn Müdigkeit mich umnachtete. An frühen Tagen. Die mit der Trambahnfahrt quer durch Zürich begannen. War an der zweiten Station schon nicht mehr in Zürich, sondern mit Marie Antoinette in Paris, in Temple. Die zweite Station ist Krematorium Seefeld. Hält heute dort das Tram, bin ich zurück bei Marie Antoinette in Paris, gleichgültig, welches Buch ich lese. Aber vor Heinar Kipphardts Buch „März“ und Woody Allens Buch „Ohne Leit kein Freud“ muss ich warnen. Bin ja gutherzig und geduldig, aber die sind ganz gruselig.

Krematorium Sihlfeld2Gruselig ist freilich aber auch das Krematorium Sihlfeld. Krematorium alleine schon. Das erste Krematorium der Schweiz, das dritte Europas. Nach Mailand und Gotha. Gotha ist freilich noch gruseliger, dafür muss dort nicht einmal das zweite Krematorium Europas stehen. Gemauert elf Jahre vor dem Zürcher. Achtzehnhundertneunundachtzig gab’s einen „Leichenverbrennungsverein für Zürich und Umgebung“ sowie einen Verbrennungsapparat. Schreibt der Schweizerische Verband für Feuerbestattung. Respekt. Gruselig, trotzdem. Der in „edelstem Stil gehaltener rechteckiger Tempel“. Lese ich auch. Auch: Der erste Prominente, der sich achtzehnhundertneunzig einäschern liess, war der Zürcher Krematorium Sihlfeld3Gottfried Keller. Sein Grab umgeben von kleinen Gräbern, kaum zwanzig Zentimeter zwischen den Grabsteinen. Der Friedhof Sihlfeld ist die größte Grünanlage im Zürcher Stadtgebiet. Mit Krematorium und Fahrerlaubnis. Für Leidtragende bei Bestattungen. Ausnahmsweise nur, freilich.

Marie Antoinette ertrug das Leid, mit über den Friedhof zu wandern. Kannte sie ja vermutlich gut, aus ihrer morbiden Heimatstadt. Angeblich der lebenswertesten Stadt der Welt. Wien. Marie Antoinette aus Wien. Das Buch, auch, gekauft im Fußballsommer. Nun bettet sie sich wieder im Seeduft auf dem Fensterbrett. Neben dem Lustigen Taschenbuch, dem Schnitzmesser und dem Fußballfeuerzeug. Beneide sie auch etwas. Um den alltäglichen Limmatblick.

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