Zitat (22)

Wenn er in Paris mit einer Gelegenheitsfreundin im Spätherbst spazieren ging, war ihm kein reineres Glück vorstellbar gewesen als jene goldenen Abende mit dem rauhen Geruch der Maronen und der Kohlebecken, mit den schmachtenden Akkordeons und den unersättlichen Verliebten, die niemals aufhörten, sich auf den offenen Terrassen zu küssen, hatte er sich aber dennoch, Hand aufs Herz, dazu bekannt, daß er nicht bereit war, all dies für einen einzigen Augenblick seiner Karibik im April zu tauschen. Er war noch zu jung gewesen, um zu wissen, daß das Gedächtnis des Herzens die schlechten Erinnerungen ausmerzt und die guten erhöht und daß es uns dank dieses Kunststücks gelingt, mit der Vergangenheit zu leben.

Schön auch, das aus einer so noblen Feder zu lesen. Getippt auf einer nobelgepriesenen Schreibmaschine, vermutlich. Davor saß Gabriel García Márquez und tippte „Die Liebe in Zeiten der Cholera“. Beschrieb unser nettes Gedächtnis. Das ist ja ganz gut eingerichtet: Es erinnert die schönen Szenen, vergisst die hässlichen. Das klappt ganz gut. Trotz des Gefängnisses.

Frage freilich, wieso das so gut klappt. Wie so vieles, erklärte Sigmund Freud, wieso das so gut klappt. Auch wenn ihm die wenigsten glauben, damals nicht, heute auch nicht. Er ja auch nicht, sich selbst. Wollte nicht, dass seine Theorie empirisch geprüft wurde. Wurde sie aber, wird noch heute. Wird ja auch noch praktiziert, die Psychoanalyse. Als eine von drei anerkannten Therapiemethoden bei psychischen Erkrankungen. Geld verdienen Psychologen auch mit der Gesprächstherapie und der Verhaltenstherapie. Aber eben auch mit der Psychoanalyse. Und Freuds Verdrängungshypothese. Die geht so:

Aus dem animalischen Es stammen Impulse, bedrohliche Erinnerungen ins Bewusstsein zu holen. Die Impulse hält das Über-Ich klein, das die Erinnerungen bewertet und bestimmt, ob sie ins Bewusstsein gelangen dürfen oder nicht. Fällt die Bewertung negativ aus, benutzt das Über-Ich den Abwehrmechanismus der Verdrängung. Die Erinnerungen bleiben erhalten, die Triebenergie des Es auch, aber das Es hat keine Chance, mit den Impulsen das Bewusstsein zu erreichen. Mit positiven Gefühlen verbundene Erinnerungen schaffen es dagegen ins Bewusstsein. Netterweise, danke Über-Ich.

Danke auch Herr Freud. Für die Hypothese. Über was auch immer Kritiker an seinen Arbeiten schimpften: Ohne Freud hätten sich Psychologen und Psychiater viele Fragen gar nicht gestellt. Das geht unter in der Würdigung Freuds im Kapitel vier auf Seite hundertfünfzehn. Schade. In der neuropsychologischen Forschung wird die psychoanalytische Theorie heute wieder zu Rate gezogen. Das wusste mein Lehrer aber damals noch nicht. Sind ja auch keine Hellseher, die Herren Professoren.

Auch andere Professoren fragten sich, wie sie denn das Phänomen des Vergessens von unangenehmen Erinnerungen und das Erinnern von angenehmen erklären könnten. Freud machte sich es einfach und beschrieb Äußerungen und Regungen seiner Patienten. Andere Professoren gaben Studenten Geld, um positive Gefühle zu erzeugen, und ließen sie gruselige Wörterlisten lernen. Dann nahmen sie jedem zweiten das Geld wieder weg, so dass diese eine negative Stimmung hatten. Die am Schluss positiv gestimmten Studenten erinnerten mehr Wörter als die negativ gestimmten.

Noch andere Professoren ließen Studenten positive und negative Erinnerungen aufzählen und die Gefühlsintensität auf einer Skala einstufen. Zwei Wochen später mussten sie die gleiche Aufgabe noch einmal erledigen. Sie erinnerten gefühlsintensive Ereignisse gleich gut, egal, ob positiv oder negativ.

Schwierig, den Menschen so zu vermessen. Oder auch gut so. Schön aber, da schlicht vom Gedächtnis des Herzens zu lesen.

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