Spiegelgasse

Briefträger haben es auch nicht leicht. Hatten es früher noch schwerer. Als noch keine E-Mails verschickt wurden. Stattdessen Postkarten. Briefe auch, gewichtige. Quetscht heute gewichtige Worte durch Unterseekabel. Leichte auch. Das erste Kabel zwischen Irland und Neufundland lag schon 50 Jahre. 1916. Als der Briefträger in der Zürcher Spiegelgasse zwei Briefe austrug.

spiegelgasse1Er erklomm den Berg, um zur Hausnummer eins zu gelangen. Die Meierei im ersten Stock war noch geschlossen, die Brauereirechnung fiel durch den Briefschlitz auf die Dielen. Hochdeutsch und lang diskutierten am Abend die Gäste. Darunter Emmy Hennings und Hugo Ball, über die Werke Arps, Mackes und Picassos‘ an den Wänden. Der Meierei. Die öffnete jeden Tag später. Seitdem Hennings und Ball das Cabaret Voltaire eröffnet hatten und der Dadaismus geboren war. Am 5. Februar 1916 in der Zürcher Spiegelgasse eins.

spiegelgasse2Über den Berg führte der Dienstweg den Briefträger. Halb hinab. Trug den zweiten Brief, mit fast unlesbarer Adresse. Das kannte er schon. Der Empfänger war nie daheim. Schrieb viel, der Empfänger, in der Zentralbibliothek. In der Hausnummer 14 auch. Das wusste der Briefträger nicht. In der Metzgerei im Erdgeschoss traf er nie den Adressaten. Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt unter seinem Pseudonym Lenin. Auf Russisch: Der vom Fluss Lena Stammende. Auch seine Frau traf der Briefträger nicht. Sie hasste den Gestank. Der Metzgerei. Spazierte lieber am See. Der ist auch nett.

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