Platte

Verbrachte einen Teil der Jugend darin. So ist mir. Zweites Erwachsenwerden. In Lobeda West, Jena, Platte sehen Autobahnfahrer zwischen dem Hermsdorfer Kreuz und Erfurt. Gruselig war sie, zweifellos. Die Platte, nichtrenoviert, wie in den 60-ern zusammengesetzt. Bewußt nicht gebaut. In der Platte Pressspanmöbel vom VEB Holzimitat, Tapete rollte von Decke und Wand im Bad, ausgeblichene Linoleumböden unter den Fenstern. Fünfzimmerwohnung belegt mit acht Studenten. Drei tranken von morgens bis abends Radeberger, das bekamen vorher nur die Wessis. Erholten sich am Wochenende daheim vom Studienalltag, harten. Vier wollten unbedingt raus, aus der Platte. Hatte das einzige Einzelzimmer – Durchgangseinzelzimmer freilich. Wollte zumindest in eine sanierte Platte. Karl-Marx-Allee. Ins Einzelzimmer, ohne Durchgang. Zog nach nicht ganz sechs Monaten um. Zügelte, auf Schweizerdeutsch.

Zürich hat freilich auch seine gruseligen Ecken – käme sonst kaum freiwillig auf die Idee, an nichtrenovierte Platten zu denken. Dietlikon ist so eine Ecke. Kaum eine Viertelstunde mit der S-Bahn, brauchte Stifte für Benno. Von Zeit zu Zeit lohnt der Blick ins Buch nicht nur, weil dort Text steht, der zu lesen Freude bringt. Blicke aus Busfenstern, großen leider, auf scheußliche Platten, menschenleere Straßen, Tristesse in Vorgärten mit Gras und gestutzter Hecke. Freilich mit einer Bushaltestelle namens Industriestrasse. Einem dreigleisigen Bahnhof. Wohnen in der Platte neben den Schienen, auch, noch. Schon lieber bis zum nächsten Wochenende allabendlich: Hölle, Hölle, Hölle.

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